Die Frömmigkeit des „Winter in Wien“

Die Verflechtung von Kosmos und Geschichte

Die Naherwartung der Wiederkunft Christi in der ersten Generation seiner Jünger bekam nicht recht. Neues, tieferes Verstehen der eschatologischen Botschaft tat not – und Wachstum der Kirche in eine lange währende Geschichtszeit hinein, mit bleibender Gewärtigkeit auf den kommenden Herrn, aber zugleich im Willen zur Symbiose, zur kritischen zwar, aber zugleich sich bescheidenden, mit dieser Weltzeit.

Das Weltgericht der Feuerbrände des letzten großen Krieges erwies sich nicht als ein letztes Wort, dem die betroffene Menschheit ein erstes des radikal neuen Anfangs zur Antwort gegeben hätte.

Geschichte, die hernach weitergeht in der Logik derselben Prämissen, aus denen dieser Krieg wuchs, wird zum Wahnsinn. Das dramatische Nachspiel der Neuzeit nach 1945, das die Voraussetzungen für eine weltweite Selbstvernichtung bereitstellt, muß den Zeugen und Mahner Reinhold Schneider aufs tiefste erschüttern. Er bleibt nicht bei plakativen Verdikten und utopischen Beschwörungen, er hat Einsicht in die Verstrickungen und Unlöslichkeiten geschichtlicher Zusammenhänge. „Ein Pazifismus, der sich nicht mit der Dialektik echter Geschichtserfahrung auseinandersetzt, hat mir sowenig zu sagen wie ein prinzipieller Gegner der Vivisektion, der sich in die Wahl zwischen dem Leiden eines Nahestehenden und dem Opfer der Tiere nicht hineingedacht hat“ (64). Aber gerade die Einsicht in die Unmöglichkeit glatter Lösungen und in die Grenze einer bloß moralischen Bekämpfung heraufbeschworener Gefahren wirft Reinhold Schneider in eine tiefe Krise. Ihr innerster Punkt: Nicht nur die Folgen verantworteten geschichtlichen Handelns wachsen über den Handelnden hinaus, sondern auch die Voraussetzungen sind bereits stärker als die Kraft des Menschen, sie zu verwandeln.

Beide Ringe umschließen schon, je in sich, lähmend den Geist, [103] der sie wahrnimmt. Der Geist, der ihre Verflochtenheit entdeckt, gerät ins äußerste Entsetzen – ihm rückt die Botschaft vom Schöpfer und Erlöser in einen neuen Winkel der Betrachtung.

Reinhold Schneider hält für die einzelnen Aussagen sich selber und seine Quellen nicht für maßgeblich, er bleibt bereit zur Korrektur. Aber aus der Fülle der Details ergeben sich Linien, die sich dann eben doch in ihrer Konvergenz zuspitzen auf den dramatischen Punkt.

„(D)ie Forschung als solche, die Erkenntnis an sich, die zur Leistung des Unmöglichen aufgerufene Medizin sind dem Kriege über und über verschuldet. Wir rasen auf immer kühneren Kurven zum Passe hinauf; oben erwarten wir uns selbst; das furchtbare Doppelwesen wird auf uns zukommen, uns greifen und hinabschleudern in die Schluchten unter dem Simplon. Der am Anfang der Geschichte auf das Wissen geworfene Fluch wird sich als ihres letzten Kapitels Inhalt erweisen. Wer hält an oder auf? Wer vermöchte es?“ (65f.). Reinhold Schneider verteufelt nicht die neuzeitliche Wissenschaft, aber er erkennt, daß wir bereits spät, vielleicht zu spät daran sind, ihre Konsequenzen so in unsere Hand zu nehmen, daß wir nicht Sklaven unserer Möglichkeiten werden, die uns zerstören, wenn wir Sklaven bleiben. „Unser Versagen an der Zeit, ihrem vorherrschenden Problem, besteht darin, daß es uns bisher nicht gelungen ist, die Technik des von Max Planck eröffneten Jahrhunderts und ihre etwa erahnbaren Entwicklungen in den Rahmen einer zureichenden Vorstellung von Geschichte zu fassen. Die Wissenschaft in ihrem Übergang in die Technik, in ihrem Einssein mit ihr wird, ganz verkehrterweise, als Einzelphänomen gesehen, während sie sich doch aus geschichtlichen Prozessen herausgearbeitet hat und unablenkbar in solche zielt“ (70f.). „Die geistige Spitze, die Forschung, ist auf das Ende gestoßen, auf die Macht, und läuft ihr nach wie die Macht der Forschung; wir kreisen im Todeszirkel; wir wissen nicht, was Spitze und Ende ist“ (118). Daß die Stadt des Kaisers, daß Wien nun Stadt der internationalen Atombehörde wird, erscheint als tragisch-ironisches Zeichen: „Es ist ein großes Symbol: Kaiser Atom; es zeigt deutlicher als fast jedes andere, was geschehen ist. Der Weltgeist ist von unverminderter dichterischer Kraft. Von Vorwürfen kann keine Rede [104] sein; von Voraussagen natürlich auch nicht. Der intelligible Charakter der Geschichte ist konstant. Unheimlich deutlich ist nur, daß die Macht proportional ihrer Steigerung aus dem Menschlichen in das Unpersonale, in das Unmenschliche fällt“ (140f.). Übermacht der Geschichte und Skepsis gegen eine bloß voluntative, an den Menschen glaubende Philanthropie: „Es gehört zur Tragik der amerikanischen Philanthropie, daß sie Geschichte, wie sie die Alten konzipiert haben, wie sie bisher erlitten und ausgesprochen worden ist, nicht sieht, nicht sehen will. Oder sollte es möglich sein, Geschichte zu verbrennen im Feuer der radikalen philanthropischen Demokratie, die noch nie dagewesen ist, in Whitmans Appell?“ (139).

Der Aufenthalt in Wien läuft zu auf ein für ihn nur scheinbar zufälliges Letztes, auf den Besuch des Heeresgeschichtlichen Museums im Arsenal. Er geht von den Hallen der Geschichte fort in eine Halle, die noch nicht da ist, in eine Halle, die Namen und Zeichen, die Einzelheit und Konkretheit des Dagewesenen, auch im Kriege Dagewesenen, verzehrt. Im Rückblick auf die bisherige Geschichte: „(E)s gibt keinen Fortgang des hier Gebotenen mehr; von all diesen Schlachtfeldern führt keine Brücke in die Vernichtungszone, vor der wir zittern. Hier ist der Krieg noch Bild, ist es noch möglich, von Feldzug zu reden, liegt noch ein Kranz für Radetzkys Haupt, wurde verantwortliche Tapferkeit nach Maria Theresias Willen belohnt; aber alles Bildhafte wird verzehrt werden – und wenn dieses Grauenvolle nicht geschehen soll, so muß Geschichte aufhören zu sein, was sie jemals gewesen; sie muß sich in einen Vorgang verwandeln, den wir noch nicht bezeichnen können“ (249).

Für Reinhold Schneider hat indessen dieses Zulaufen der Geschichte auf ihren Selbstverzehr eine weittragende religiöse Konsequenz. Ein junger Mensch stellt erst Otto Hahn, dann Reinhold Schneider die Frage, „ob denn nicht auf die Botschaft Christi der Friede der Welt gegründet werden müsse, ob der Friede nicht aus ihr folge?“ (18). „Aber auch ich lasse mich nicht darauf ein: Christus ist nicht der Ordner der Welt. Er ist unsere tödliche Freiheit. Aber wir müssen uns darüber klar sein, daß diese Freiheit in eine Welt überging, die von der intelligiblen Tat unserer Jahre – von unserer aller Sache – bis in die Substanz ver- [105] ändert worden ist. Mozarts, Stifters, Mells Gebilde werden sich nicht verändern, aber das fragende Experiment hat den Erdkreis besiegt“ (ebd.). Christentum hat nicht seine Heilsdimension, aber seine kosmische Dimension verloren: „im wesentlichen Weg (…), gelebte, im Leben sich kundmachende religiöse Ethik für den Menschen in der Geschichte, unangreifbar, weil sie eben Heilsweg bleibt am Ende der Zeiten und sich auf die kosmischen Perspektiven sowenig einläßt wie auf die universale Vorgeschichte“ (264/265).

Für Reinhold Schneider ist die Übermacht der Geschichte über den Menschen unlöslich verknotet mit der Geschichte des Lebens im All, mit der Geschichte werdender Natur. Dies steigert die Spannung, menschlich und religiös, bis ins schier Unerträgliche: „Ich habe versucht, mir ein wenig Klarheit zu verschaffen über die Situation des Lebens im All. Leben kann nur in der Beziehung zur Geschichte verstanden werden; es ist oftmals vorwegnehmende oder kommentierende Aussage. Das Resultat meiner natürlich subjektiven Bemühungen ist fatal“ (224).

Immer und immer wieder verfolgen Reinhold Schneider Beobachtungen aus der Pflanzen- und Tierwelt, die illustrieren, wie Untergang und Geburt, Zerstörung und Bestand sich gegenseitig bedingen. „Das Zerstörende, das sich durchsetzt, hebt sich selbst auf; es kann nur bestehen, wenn es von einem Zerstörer aufgehalten wird: Zerstörung im Gleichgewicht bedeutet Bestand“ (149). „Aber was wir, hier von außen, Zerstörung nennen, ist dort, von innen, Leben“ (150). „Parasiten töten freilich nicht; sie haben ein Interesse am hinlänglichen Wohlbefinden des Geschöpfes, in dem sie hausen. Die aber Leben erzeugen, töten ohne Gnade“ (178). Transponiert ins Menschliche: „Die grausigen (fast würde ich sagen: tückischen), die unergründlichen Möglichkeiten der Quälerei, die in unserer Physis angelegt sind, überfordern nachgerade meinen ärmlichen Glauben“ (210).

Nun aber schaut Reinhold Schneider diese beiden Bilder in einem, das Bild der sich zerstörenden Geschichte und das Bild der im Gleichgewicht der Zerstörung ihren Bestand wahrenden Natur. Mitunter rückt er die Bilder kosmischen, naturalen Lebens und die Analyse geschichtlicher Vorgänge ineinander, so [106] daß die entdeckten oder erahnten Gesetzmäßigkeiten das Antlitz einer transzendentalen Unerbittlichkeit annehmen. Der Kreisel von Forschung und Macht gleicht dem Kreisel einer tagelang bis zur Erschöpfung hinter ihrem Ende dreinlaufenden Prozession der Raupen des Prozessionsspinners (vgl. 118). Die Beobachtungen im ethnographischen Museum bestätigen den Einklang der naturalen und der geschichtlichen Tragik: „Man muß aus diesen rotierenden Höllen aufblicken zum Vater der Liebe – und – Wer schlägt nicht die Hände vors Gesicht?“ (171).

„Diese Dinge – man entschuldige, wenn möglich, diese unerträglichen Wiederholungen – lassen mich nicht los. Die Natur, auch die unterm Sündenfall, müßte doch vom Bilde Gottes beantwortet werden. Aber Offenbarung und Theologie sind uns dieses Bild schuldig geblieben (Cusanus vielleicht nicht. Aber die Heiligen wohl alle. Jeremia stellte sich immerhin dem Rätsel)“ (222). „Für mich ist die Offenbarung der Liebe ein personales Wort an den, der glaubt, der zu glauben vermag, kein Wort an die Kreatur, die Räume, die Gestirne, auch nicht an die Geschichte (so paradox das zu sein scheint). Aus einer unbegrenzbaren kosmischen Dunkelwolke schimmert schwach ein einziger Stern; das muß uns genug sein; mehr ist nicht geoffenbart“ (241). Kosmos und Geschichte sind zusammengeschlossen in ihr Geschick, in ihren Gleichklang – dieser Gleichklang aber rückt sie weg von der durchdringenden Kraft der Verkündigung eines liebenden Gottes, der sich in Jesus Christus eröffnet. Die Botschaft bleibt gültig für die Existenz des einzelnen, der sich ansprechen und rufen läßt. Doch sie ist nur Stern, der das Dunkel zum Auge hin durchbricht, das auf ihn schaut, nicht aber Sonne, die das Dunkel weltweit und geschichtsweit erhellt. Dies ist Bescheidung, Bedrohung und Tapferkeit des Glaubens zugleich, den im Zusammenbruch geschichtlicher Hoffnungen und im Aufbruch eines universalen Mitleidens mit der Schöpfung Reinhold Schneider durchträgt.