Franz von Baaders Philosophischer Gedanke der Schöpfung

Die zwei Kreise des Selbstgeschehens

Wo Mitteilung selbstverständlich geschieht, ist sie nichts anderes als mein eines und einfältiges Dasein im Gespräch. Ist dieses mich vollbringende, mich gewährende und darin doch, in derselben Wendung, ohne „willentliche“ Reflexion, mich bewahrende Mitteilen nicht das gemäßeste „Bild“ des lauteren Selbstgeschehens unbedingter Ursprünglichkeit? Baader ist es indessen vorzüglich um die Freiheit, um die Unableitbarkeit der Mitteilung Gottes, welche die Schöpfung ist, zu tun, und so achtet er auf jene angeschärfte Situation des Selbstseins, in welcher es ihm „möglich“ wird, sich mitzuteilen, auf die Gestalt des Ursprungs also, die in seiner Mitteilung je schon mitgebracht, vorausgesetzt erscheint. Auf dem „Sprung“ zu meiner Mitteilung habe ich mich bei mir, bringe ich mich mit. Ich komme darin als dieser eine, der ich bin, dreifach vor: ich als Ursprung, ich als Gestalt, ich als Anwesenheit bei mir selbst, Beimirsein, Im-Bilde-Sein.

Ich als Ursprung: Ich bleibe nicht nur allem meinem Mitteilen, sondern auch meinem Michbesitzen als Ursprung entzogen, je dahinter, reine Quelle. Mich denkend werde ich nie bloß mein Gedachtes, mich habend nie bloße Sache, so daß ich also nicht mehr ich wäre; ich halte mich vielmehr je in der Aktivität meines Entspringenlassens durch.

Gerade deshalb bin ich aber auch Ich als Gestalt, nicht nur der entspringen lassende Ursprung, sondern der verwahrte Ursprung, jener, der mitgebracht, aufgestellt, behauptet, gezeigt, geöffnet wird; ich bin meine Verwahrung, bin der, „als“ der ich erscheine, „als“ den ich mich habe. So­ sehr das eben „zeitliche“, nicht schon in die „Simultanität“ schlechthin vollendete menschliche Ich seine Gestalt je erst in den einzelnen freien Akten seines Selbstvollzuges entscheidet, sind diese freien Akte gleichwohl auch erst möglich auf dem Grunde bereits ereigneter Gestalt. Diese wird nur weiter aus- und umgebildet. Ich bin zwar erst aufgrund meiner freien Entscheidung der, als der ich da bin; ginge ich anderseits aber nicht schon in meine Entscheidung ein als der, der ich bin, so handelte ich gar nicht als Ich; mein Handeln widerführe mir nur, wäre nicht frei und nicht mein.

[102] Der „Aktivität“ meiner Ursprünglichkeit steht indessen nicht nur die Bestimmtheit meines aller Äußerung voraus bereits „vollbrachten“ Ich, meine Ich-Gestalt entgegen. „Zwischen“ beiden ereignet sich das zu dieser Gestalt vorausgesetzte, in ihr ergriffene, angeeignete Bild meiner selbst, mein Ich-Bild. Ich bin mir je „im Bilde“, bin als Ursprung mir je zurückgegeben, wiedergegeben in meiner Offenheit, weiß in meinem Ausgang um mich, bin um-geben vom lichten Ring meiner Gegenwart, meines Dabeiseins, um in diesem meinem Bild meiner inne mich dann an mich zu nehmen: Ja, der bin ich! – und also entschieden, gestaltet dazusein. Das Bild, in dem ich als Ursprung immer und von selbst bin, vermittelt mich erst zu meiner Gestalt, als die und in der ich mich „habe“ und von der aus ich mich darum auch „geben“, also mitteilen kann. Erst in der Gestalt wird das Bild des Ich zum Gehalt wirklichen Habens und möglichen Gebens.

Mein einfältig gesammeltes Dasein, bevor ich mich zur Mitteilung entscheide, umspannt so zwei Lebenskreise: den Kreis meiner schon je ins Bild, in den offenen Raum des Beisichseins eröffneten Ursprünglichkeit – und den Kreis meines „Verhältnisses“ zu meinem Beimirsein, in welchem es die Entschiedenheit der Gestalt annimmt.

Baader bringt diesen Verhalt auf die Formel, „daß der Mensch schon ein esoterisches und exoterisches Sein haben muß, wenn er etwas außer sich hervorbringen will“1. „Esoterisches“ Sein meint den inneren Lebenskreis der schon je ins Beisichsein geschlossenen Ursprünglichkeit, „exoterisches“ Sein das Gegenübersein zum Beisichsein, in welchem dieses ergriffen, besessen, als solches vollbracht wird in seine Gestalt. Im esoterischen Sein ist nichts anderes als eben der Ursprung, aber der Ursprung ist in ihm „offen“, es ist Beisichsein. Im exoterischen Sein wiederum ist nichts anderes als im esoterischen, aber das Beisichsein ist zu sich selbst, und in ihm ist der Ursprung zu sich selbst entschieden, es ist Fürsichsein des Beisichseins.


  1. SpD 1,8 VIII 79. ↩︎