Theologie als Nachfolge

Drehung vom Woher zum Wohin

Die Logik der Liebe steht für Bonaventura nicht unverbunden neben oder als zusätzliche korrektive Reflexion nach der Logik der Produktivität, sondern in ihr. Um die Identität und die Differenz beider „Logiken“, um somit aber den Ur-sprung der Logik der Liebe überhaupt in Sicht zu bekommen, setzen wir nochmals in neuer Gangart die Schritte des Ursprungsgeschehens auseinander. Bislang lasen wir dieses Geschehen von seinem Woher, vom Ursprung. Doch diese Bewegung erschließt eines gerade nicht: die Un-selbstverständlichkeit des Wohin. Genauer betrachtet, fängt solche Unselbstverständlichkeit nicht erst dort an, wo das Nichtnotwendige in seinen nichtnotwendigen Anfang tritt, wo also Schöpfung geschieht. Auch das Notwendigste und Innerste des Ursprungsgeschehens, des Anfangseins, selbst trägt den Charakter des Unselbstverständlichen, der sich bei Bonaventura in Bewunderung und Lobpreis durchsetzt, die überall dort seinen Denkstil bestimmen, wo er das Geheimnis Gottes, seines dreifaltigen Lebens und seiner Hinneigung zum Anderen bedenkt. Daß ich mich je schon zur Gegen-wart für mich gebracht habe, daß ich aufgebrochen bin in die Helle meines Bei-mir-Seins, ist ein Angezogensein meiner von mir, ist ein ursprüngliches Ja zu mir, ein Urinteresse an mir: Indem ich zu mir ausgehe, geht es mir um mich. Dieser Zug ist das Auslösende des Ur-sprungs, die- [80] ser Zug das eigentliche Urdatum, hinter das ich nicht zurückkomme und das meine nicht aufgebbare Ursprünglichkeit und Anfänglichkeit konstituiert, konstituiert freilich nicht von rückwärts als eine Voraussetzung vor meiner Ursprünglichkeit. Mein erstes Mich-Bewegen ist, nicht im Sinn einer passiven Determination, sondern als der „appetitus“, als die Dynamik, eben als der Ur-sprung, der ich selber bin, das Bewegtsein, Angegangensein von mir. Und so ist auch der in meiner ursprünglichen Helle für mich selbst offene Horizont meines Anderen auf die Weise des Bewegenden, des appetitus in mir, der wiederum nicht Fremdbestimmung, sondern Fülle der Selbstbestimmung darstellt: die Möglichkeit meines Anderen ist Präsenz von etwas, um das es mir gehen kann, um das ich es mir gehen lassen kann, indem es mir um mich selber geht. Der nicht daraus ableitbare, nicht notwendige Sprung, zu dieser Möglichkeit ja zu sagen, sie an sich frei, ins Werk, in die Wirklichkeit zu setzen, erhält seine Verständlichkeit gerade dann, wenn ich meine Ursprünglichkeit in der Richtung ihrer Offenheit, in der Richtung ihres Woraufhin lese. In einer Logik des Woher steht der Entschluß zum konkreten Anfangen, zum konkreten Überstieg ins Andere als bloßes Faktum neben der Faktizität meines Ursprungseins und Anfangseins an sich. Die Logik als Logik weiß mit diesem Entschluß nichts anzufangen, sie kann ihn nur rechtfertigen als mit meiner Ursprünglichkeit verträglich. Eine Logik des Wohin, eine Logik des Interesses hebt die Unselbstverständlichkeit, die Unableitbarkeit dieses Sprungs gerade nicht auf – und doch ist dieser Sprung von solcher Logik her verstehbar, hat er seinen Platz in ihr. Der wunderbare und unerklärliche Sprung, daß es mir um mich geht und so ich ich bin, mein Ur-sprung in meine anfängliche Helle trägt in sich den weiteren Sprung, daß es mir, indem es mir um mich geht, mir auch um mehr als nur mich, mir auch um anderes als nur mich gehen kann; und dieser Sprung trägt dann den freilich in einem neuen Sinn weiteren und unableitbaren in sich, daß es mir wirklich um dieses Andere geht, daß ich mich wirklich von diesem Anderen bewegen lasse und so gerade dieses Andere von mir her wirklich sein lasse. [81] Das ist freilich noch nicht im Vollsinn Logik der Liebe, aber es ist Eröffnung der Dimension, in der solche Logik der Liebe sich ereignet. Zu solcher Logik der Liebe gehören, in einem noch höheren Sinn schlechterdings unableitbar, zwei weitere Sprünge hinzu, der eine, der sich von sich her, wenn auch keineswegs vom Nachdenken her, als der allernotwendigste, der andere, der sich von sich her und im Nachdenken als der allerunnotwendigste, allerfreieste ausweisen wird – und beide Sprünge sind jene, auf die sich Bonaventuras ganze Leidenschaft des Denkens konzentriert. Der eine, der absolut notwendige: Der Ur-sprung, als der unbedingtes, göttliches Selbstsein geschieht, ist Ursprung des unbedingten Selbst zum unbedingten Anderen, ist trinitarische Selbstkonstitution. Der andere, der allerunnotwendigste, allerfreieste Sprung: Der Gott, der aus seiner Mitte, aus dem Sohn das Andere, die Schöpfung, an sich freigegeben hat und von dem dieses Andere sich weggewendet hat, springt in seinem Sohn in die Mitte, er gibt sich, er gibt seinen Sohn selbst in die Mitte dieses Anderen, um es heimzuholen und in solcher Heimholung in seine eigene, göttliche Mitte hineinzunehmen. In beiden noch so unterschiedlichen Sprüngen begibt sich doch Korrespondierendes: Gott läßt sich jeweils betreffen vom Anderen – das erstemal vom Anderen in sich, das zweitemal vom Anderen außerhalb seiner selbst -, er ist reine Wegwendung zu diesem Anderen, aber nicht daß solche Wegwendung bloß die äußerste Mächtigkeit und Fülle seiner selbst zur Darstellung brächte, und auch nicht daß solche Wegwendung Konsequenz einer Notwendigkeit des Selberseins, Bestätigung eines aufs Selbst gehenden Interesses wäre; vielmehr ist das Angegangen- und Betroffensein vom Anderen ein Angegangensein zum Sich-Schenken, das Sein-von-sich-weg geht auf als Sein-für. Und gerade darin holt Gott sich zu sich selber ein, Offenheit und Beschluß in sich selbst, Hingabe und Selbigkeit fallen ineins. Das aber ist Liebe. Die Logik dieser Liebe integriert die Logik der Produktivität, die Logik der Produktivität allein integriert und erklärt aber noch nicht die Logik der Liebe.