Erste Überlegungen zu möglichen Themen für den Dresdener Katholikentag

Dresden - Erste Überlegungen

[39] 0.1 Berlin – Karlsruhe – Dresden

Der Karlsruher Katholikentag steht unter dem Leitwort „Eine neue Stadt entsteht“. Der Berliner Katholikentag, der diesem Karlsruher vorausging, hatte das Leitwort „Wie im Himmel so auf Erden“. Als die deutsche Einheit auf eine Weise, wie sie inzwischen gekommen war, noch nicht absehbar war, sollte der Katholikentag unter dem ungeteilten Himmel sozusagen die Wege der Einheit auf dieser Erde gerade in einer geteilten Stadt eröffnen. Wir haben sodann entdeckt, daß es eine neue Stadt gibt, in einem übertragenen Sinn freilich, nämlich das zusammenwachsende Europa. Dieses zusammenwachsende Europa – damals, als wir planten, war auch die Öffnung nach Osten hin noch gar nicht absehbar – verstanden wir im wesentlichen zunächst einfach von den Planungen des Jahres 1993 her, im Sinne der Einheitsbewegung nach Westen hin. Mit dem Thema „Neue Stadt“ wollten wir verdeutlichen, daß hier es notwendig ist, wiederum Maß zu nehmen an jenem ganz anderen, nicht einfachhin Übersetzbaren und trotzdem Maßgeblichen, wie [40] neue Stadt zu sehen ist, qualitativ zu sehen ist aufgrund der Aussagen der Geheimen Offenbarung in ihrer Anwendung auf die Gestaltungsaufgaben Europas.

Wenn ich nun in das 21. Kapitel des Buches der Offenbarung des Johannes hineinschaue, wo von diesem neuen Jerusalem die Rede ist, wird uns im 3. Vers gesagt, daß diese neue Stadt die Wohnung Gottes unter den Menschen ist, daß er unser Gott ist und daß wir sein Volk sind.

Sein Volk – das erinnert an Dresden 1989. In Dresden den ersten deutschen Katholikentag zu planen, an dem alle Deutschen unmittelbar teilnehmen können, rückt uns, sozusagen schier unausweichlich, den Gedanken des einen Volkes ins Herz und vor die Augen. Hier in Dresden ertönte für alle vernehmbar und wirkmächtig der Ruf „Wir sind das Volk“. Was damals wie eine Verheißung für alle greifbar war, steht heute als schwere Aufgabe vor uns. Wir können einfach nicht daran vorbeigehen, daß eben diese ungeheure Aufgabe der Einswerdung vor uns steht. Dieser Katholikentag in Dresden braucht eine wirklich tiefere innere Inkubationszeit, um seinen Beitrag zu einer inneren Einheit zu geben. Wo finden wir diese Prinzipien, aus denen diese Einheit wächst, wo die Werte, die diese Einheit prägen? Wo wird die Mentalität gebildet, in der wir uns gegenseitig verstehen? Wo wird die Sprache wachsen, die wir miteinander sprechen können? Wo wird jene Gemeinschaft des Lebens, des Handelns verankert sein, ohne die wir ja nur ein äußeres Konglomerat oder ein Apparat wären?

[41] 0.2 Lumen gentium – Kirche als Volk Gottes

In diesem Kontext kommt uns aber auch eben jene zunächst scheinbar nur assoziative Erinnerung, daß eben wir Gottes Volk sind. Dieser Satz von Dresden „Wir sind das Volk“ hat seinen Widerpart und seinen Widerhall in dem zentralen Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils „Lumen gentium“, in dem die Kirche mehr als unter allen anderen Bildern dem Bild des Volkes Gottes gesehen wird. Was kann diese Wirklichkeit des Volkes Gottes, des einen Volks Gottes, als das die Kirche lebt, uns vielleicht sagen im Blick auf das Einswerden unseres Volkes, im Blick auf die Gestaltungsaufgaben unseres Volkes? Das ist eine Frage, die sozusagen schier unmittelbar einem kommt, wenn man an einen Katholikentag im Jahr 1994 in Dresden denkt.

Ich möchte in fünf Schritten darlegen, was die Botschaft vom Volk Gottes bedeutet und was sie beinhaltet. Erst der fünfte Schritt soll dann eigentlich diese gesamten Gedanken, die ich zunächst theologisch entfalte, in jenes Feld hineintransportieren, in dem es dann auch möglich sein wird, eine Konzeption für einen Katholikentag daraus zu gewinnen.