In welchen Fragen sollen Kirche und Christen öffentlich sprechen?

Dynamische Dimensionen des Grundauftrags der Kirche

Wenn Kirche als Sachwalterin des Bundes für Gott und für Welt und Mensch da ist, dann hat der Selbstvollzug von Kirche notwendig zwei Richtungen: Kirche ist das Füreinander- und Miteinanderleben derer, die auf den einen Herrn hin leben – die Zugehörigkeit zu ihm ist Zugehörigkeit zueinander, die Gemeinschaft mit ihm ist die Gemeinschaft miteinander; diese Gemeinschaft richtet sich aber nicht nur in ihrem Leben nach innen, sondern zugleich nach außen; denn sie gibt sich hinein in die Bewegung Gottes zur Welt. Daraus resultieren die zwei dynamischen Grundmomente des Auftrags der Kirche: Gemeinschaft und Sendung.

Gemeinschaft (communio): Gerade darin, daß Kirche Gemeinschaft der Glaubenden miteinander ist, soll der Bund Gottes mit der Welt in der Geschichte sichtbar werden. Es soll eine Gemeinschaft geben, die sich schon ganz auf den Bund mit Gott eingelassen hat, er soll hineinreichen in die Geschichte als der „angenommene Bund“. Dann aber verlangt Kirche als Gemeinschaft eine totale Identifikation mit dem Bundeswillen Gottes. Abstriche an seinem Anspruch sind Abstriche an seinem Angebot an die Welt.

Sendung (missio): Das Dasein Gottes in der Kirche ist Dasein für die Welt. Gott nimmt die Kirche also für die Welt in Anspruch. Die- [195] ser Anspruch, die Sendung der Kirche, die die Sendung Christi gegenwärtigsetzt in Raum und Zeit, hat zwei Ebenen.

Einmal muß die Kirche den Bund Gottes unverkürzt vor den Menschen vertreten und der Menschheit anbieten. Sie hat einen Missionsauftrag, der das Ganze der christlichen Botschaft betrifft: Alles muß allen verkündet werden.

Solche Mission allein aber wäre zu wenig. Die Kirche steht kraft ihrer Sendung nicht nur auf der Seite Gottes, sondern auch auf der Seite des Menschen; denn Gott steht in Jesus Christus auf der Seite des Menschen, macht sich solidarisch mit der Situation der Menschen. Daher ist die Kirche zum anderen auch in die kritische Solidarität mit allen Menschen als den potentiellen Bundespartnern Gottes gerufen. Sie hat Mitverantwortung für die Welt, will sagen dafür, daß das, was der Mensch mit sich selber und mit der Welt anfängt, in die Situation des Bundes hineinpaßt, den Menschen nicht abschirmt gegen Gottes Angebot und Anspruch. Das ist das Interesse Gottes selbst, es ist aber auch das genuine Interesse des Menschen. Weil Menschsein nur durch die Momente gewahrt bleibt, die sich in der Analyse seiner Bundessituation ergeben, und weil diese Momente am Menschen selber abzulesen sind, ist die Kirche und sind die Christen auch potentielle Bundespartner für alle jene, denen es unverkürzt um den Menschen geht.