Ist das Konzil schon angekommen?

Eine erstgemeinte Frage

Ist das Konzil schon angekommen? Diese Frage ist ernstgemeint. Sie soll nicht der Blickfang sein, um hernach den Inhalt des Schlußdokuments der Außerordentlichen Bischofssynode 1985 in Rom darzustellen und zu beurteilen. Letzteres wäre zweifellos lohnend und wichtig. Eine Fülle von theologischen Aussagen, pastoralen und kirchenpolitischen Perspektiven, von Beiträgen zur Ausleuchtung unserer Situation ist auf diesen wenigen Seiten enthalten. Es mag für manchen wohl eine Enttäuschung sein, daß ich dem nicht so einläßlich auf der Spur bleibe, wie dies der Sache und dem Gremium angemessen wäre. Ich möchte mich solchen Erwartungen gegenüber nicht damit entschuldigen, daß ich keine besondere Kompetenz für die Auslegung des Dokumentes besitze, da ich weder zu den Mitgliedern noch zu den theologischen Beratern oder Hintergrundarbeitern der Synode gehörte. Meine Entscheidung, die eingangs genannte Frage zum Objektiv zu nehmen, um das Dokument aufzuschließen und Konsequenzen aus ihm zu ziehen oder doch anzuregen, hat einen anderen Hintergrund. Er riß sich mir kürzlich in einer Diskussion besonders eindrucksvoll auf. Sie entzündete sich über einen der Hauptbegriffe und eine der Hauptaussagen des Konzils: Kirche als [50] Mysterium, Kirche als Geheimnis (vgl. Teil II.A. Das Geheimnis der Kirche, S. 7ff.1). In einer selbstkritischen Passage – solche fehlen Gott sei Dank im Dokument keineswegs – lesen wir: „Einerseits sind Irrtümer daraus entstanden, weil wir zu schüchtern waren, die wahre Konzilslehre umzusetzen. Andererseits entstand aus einem verkürzten Lesen des Konzils eine einseitige Darstellung der Kirche als eine nur institutionelle Größe, was sie ihres Geheimnisses beraubt. Wahrscheinlich sind wir nicht ganz unschuldig daran, daß besonders die Jugendlichen die Kirche als reine Institution kritisch einschätzen. Haben wir ihnen nicht sogar die Gelegenheit dazu gegeben, wenn wir zu wenig über Gott und Christus gesprochen haben?“ (S. 5, I.4). Die „Tür zur Dimension des Göttlichen oder Geheimnisses öffnen“ (S. 7, II.A.1) ist eine der eindringlichsten Mahnungen der Synode. Sie setzt sich fort in einem anderen Satz: „Die Kirche wird glaubwürdiger, wenn sie weniger von sich selbst spricht, immer mehr Christus als den Gekreuzigten predigt (vgl. 1 Kor 2,2) und ihn als ihr Leben bezeugt“ (S. 8, II.A.2) und weiter: „Wir können die falsche, einseitig nur hierarchische Sicht der Kirche nicht durch eine neue, ebenfalls einseitige soziologische Konzeption ersetzen“ (S. 8, II.A.3). Es wird also mit großem Nachdruck auf dem Charakter des Mysteriums, des Geheimnisses der Kirche insistiert. Und nun brach eben die Frage auf: In der Tat, das ist wichtig und sogar befreiend, aber was heißt es? Was sollen wir unter Kirche als Geheimnis verstehen? Wie greift dies in unser Leben, in unser Verständnis, in unsere Denkwelt ein? Beim weiteren Nachdenken über diese Frage ging mir auf, daß hier ein Angelpunkt liegt, um die Konzilsbotschaft im ganzen, aber auch das Schlußdokument der Synode 1985 im ganzen in den Blick zu bekommen. Wenn dies nicht gelingt, hängen die einzelnen Reformen in der Luft und scheinen auf der anderen Seite bewahrende und schützende Aussagen gegenüber [51] dem, was als Reform erscheinen könnte, als pure Zeichen von Beharren und Ängstlichkeit. Sowohl das Veränderliche und Verändernde wie das Bleibende und Bewahrende des Konzils erhalten ihre Plausibilität nur, wenn dieser Punkt „Mysterium der Kirche“ keine Abstraktion, kein ungefähres Gedankending bleibt. Wenn aber das Geheimnis Kirche als solches in Sicht tritt, entdecken wir zugleich jenen Zusammenhang, der Einzelaussagen und Einzelanregungen in den Texten des Konzils und der Synode zum Bild, zur Gesamtgestalt gerinnen läßt. Vordergründig betrachtet, beschränke ich mich also auf den Versuch, die Schau der Kirche als Geheimnis zu verdeutlichen, doch bin ich überzeugt, daß gerade so eine Gesamtkonzeption, die Gesamtkonzeption der Kirche gemäß dem Konzil und der Außerordentlichen Bischofssynode Kontur gewinnen kann.


  1. Alle Verweise beziehen sich auf das Schlußdokument der Außerordentlichen Bischofssynode 1985 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 68) (Bonn 1985). ↩︎