Linien des Lebens

Einführung (Reinhard Feiter)

Dieses Bändchen versammelt zwölf Besinnungen zum Johannesevangelium von Klaus Hemmerle (1929–1994). Von der Entstehung her sind sie zu seinen „Gelegenheitsschriften“ zu zählen, und von ihrer Form her sind sie „Skizzen“ zu vergleichen: mit wenigen, schnellen Strichen hingeworfenen Zeichnungen, die nicht ein Bild ausführen, sondern eine Linie, einen Umriss finden und festhalten wollen. Mag aber schon darin ein besonderer Reiz liegen, so stellen die vorliegenden Texte darüber hinaus den Glücksfall dar, quasi ein vollständiges „Skizzenbuch“ zu sein.
Die Meditationen zum Johannesevangelium erschienen erstmals 1993 im „Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln, Osnabrück“. Das „Pastoralblatt“ erscheint monatlich und vermittelt den Seelsorgern und Seelsorgerinnen der betreffenden Diözesen Impulse aus Wissenschaft und Praxis. Eröffnet wird aber jedes Heft von einem Beitrag, der zu einer geistlichen Durchdringung des Alltags anregen will; und mit der Aufgabe solcher Anleitung ist ein Autor oder eine Autorin für jeweils ein Jahr betraut. Für das Jahr 1993 war der Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, um diesen Dienst gebeten worden. Das Thema stand ihm frei; nur die Länge der Artikel war vorgegeben, sie sollte drei, höchstens vier Spalten in der Zeitschrift nicht überschreiten. Er wählte zum Ausgangspunkt seiner Beiträge „Motive“, Grundworte und Themenstränge des Johannesevangeliums. Dabei war ihm, wie er im ersten Impuls sagt, bewußt, daß dieses Evangelium zunächst wenig sprechend zu sein scheint für die konkrete Situation der Angesprochenen. Jetzt, wo die zwölf Impulse zusammen vor den Blick treten und in einem Zug gelesen werden können, mag die Uneinheitlichkeit der Beiträge stärker hervortreten: In den ersten Besinnungen spricht er unter den pastoralen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen direkt nur die Priester an, die meisten Texte aber wenden sich nicht an eine bestimmte Zielgruppe. Einige Meditationen nehmen ihren Ausgang von Situationsbeschreibungen oder Geschichten, die einen Zugang legen können zur oft sperrigen Sprache des Johannes und zu seiner meist fern erscheinenden Botschaft; andere Besinnungen gehen ihr Thema unmittelbar an. In manchen Artikeln nimmt die Fragestellung einen breiteren Raum ein, vereinzelt wird die Linie des Gedankens ausgezogen hinein in Fragen und Anregungen; andere erwähnen Kontexte nur stichwortartig, oder sie bewegen sich nahezu ausschließlich im Wort-Raum des Evangeliums.
Die Artikel sind nicht nur im Monatsabstand erschienen, sie sind auch von Klaus Hemmerle in Abständen verfaßt worden. Wie für Leserinnen und Leser vom ersten bis zum letzten Impuls ein Jahr verging, so verstrich auch für Klaus Hemmerle während der Niederschrift der Beiträge fast ein Jahr. Im Verlauf dieses Jahres brach jene Krankheit aus, der er am 23. Januar 1994 erlag. Krankenstand und Krankenhausaufenthalt haben aber nicht nur die Fertigstellung der versprochenen Beiträge erschwert – leise trägt sich die Krankheitserfahrung selbst in die Perspektive des Autors ein. Der letzte, im Dezember 1993 erschienene Text berührt sie mit der kurzen, fast scheuen Wendung am Ende des ersten Satzes: „… beim Urlaub in den Bergen nach einer Zeit der Krankheit“.
Klaus Hemmerle hat seine eigene Person nicht in den Vordergrund gestellt. Den aufmerksam Lesenden aber werden viele kleine Einzelheiten von ihm selbst sprechen. Mehr noch: So zufällig die Auswahl zu sein scheint und so wenig die zwölf Besinnungen den Anspruch erheben, den Reichtum des vierten Evangeliums auszuschöpfen, so sehr runden sie sich zu einem persönlichen Ganzen.
Der Prolog des Johannes bildet die Klammer. Das Zueinander von Joh 1,18 und 1,14, daß der „am Herzen des Vaters Ruhende“ „Fleisch geworden ist“ – zitiert in der ersten und in der letzten Meditation –, eröffnet den Raum, in dem sich alles abspielt, die Lebenslinien verlaufen. – Das 17. Kapitel aber ist die Mitte, es formuliert das Lebensgesetz. Nur in einer einzigen Besinnung ist nicht auf dieses Kapitel Bezug genommen oder auf einen Vers daraus verwiesen. Joh 17 birgt das Wort, das für Klaus Hemmerle Lebenswort war, und diesem Kapitel hatte er auch den Wahlspruch seines bischöflichen Dienstes entnommen: „Omnes unum, ut mundus credat: Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast“ (Joh 17,21).
Klaus Hemmerles Johannesauslegungen sind Versuch und Bemühen, das Evangelium in die Situation anderer hineinsprechen zu lassen. Sie sind getragen und geprägt von der Erfahrung, daß dieses Evangelium zuvor in seine eigene Situation hineingesprochen hat. Sie sind auch Zeugnis dafür, wie sehr die Botschaft des Johannes ihm die „Situation“ geworden ist, in der er lebte und aus der heraus er sprach.