Verkündigung und Dialog

Fundamentaltheologie: ihre Bedeutung und ihre Felder

Die innere Verschränkung von Verkündigung und Dialog ist höchst relevant für die Theologie insgesamt und insbesondere für die Fundamentaltheologie. Die Auslegung des Glaubens als solche bedarf der methodischen und systematischen Ausarbeitung des in ihr beschlossenen Dialoges, der Rechtfertigung der auslegenden Aussage am Urtext, der Durchdringung des Urtextes selbst, um von ihm her den übersetzenden, auslegenden Dialog auszulösen. Theologie ist der Prozeß der _fides quaerens intellectum_y des Glaubens, der sich mit den Fragen und Worten, Erwartungen und Verstehensmöglichkeiten des Menschen unterhält, um in ihnen sich darzustellen und auszudrücken. Theologie ist so auf das offenbarte und verkündete Wort Gottes, also auf Offenbarung und Verkündigung selbst als Voraussetzung angewiesen – und ist ihrerseits doch wiederum Voraussetzung für die gemäße Verkündigung. Inwiefern Theologie allein nicht genügt, um Maßstab der Verkündigung zu sein, inwiefern Verkündigung ihre Norm am offenbarten Wort Gottes nur in der Vermittlung durch die authentische Auslegung des Offenbarungswortes in der es glaubenden und verkündenden Kirche findet, braucht hier nicht entfaltet zu werden. Aber auch diese Maßnahme der Verkündigung an der Offenbarung durch die Kirche hindurch und in der Kirche ist ein theologisches Faktum, will sagen eines, das den Dialog einmal zwischen Gotteswort und Menschenwort und zum anderen zwischen Gotteswort im Menschenwort der Offenbarung und Gotteswort im Menschenwort der kirchlichen Verkündigung als reflektierten mit einschließt. Und die Reflexion dieses Dialogs, der Durchstoß dieses Dialogs zu seinem Sich-Verstehen ist eben Theologie. Anders gewendet: Theologie ist sich verantwortender, seine Verstehensmöglichkeiten ausarbeitender Glaube, der sich in solchem Verstehen freilich nicht in dieses auflösen darf, sondern in diesem Verstehen seinen eigenen Überschuß über das Verstehen zu wahren, zur Geltung zu bringen und so aufs neue – zu verstehen hat.

Zum Wesen des Dialogs gehört, daß seine Partner zwar je ihre Position haben, daß aber ihre Positionen sich nicht in einer Addition der Standpunkte erschöpfen, sondern daß jeder Partner, von sich her sprechend und denkend, auch von jedem der Partner her spricht und denkt. Das Ganze des Dialogs und seiner Partner soll also in jedem dieser Partner, ja letztlich in jedem Dialogbeitrag anwesend sein. Wo ein Dialogbeitrag diesem Anspruch entriete, da gehörte er nicht mehr streng in den Dialog, er sprengte ihn.

Dann aber hat Theologie etwas in sich, was nicht nur Theologie ist. Sie führt den Dialog des Glaubens mit seinen Verstehensmöglichkeiten, mit den Fragen und Erwartungen, auf welche der Glaube antwortet, in sich selbst zugleich von der Gegenseite her, als Dialog auf den Glauben zu. Um ein [74] elementares Beispiel zu gebrauchen: Verkündigung sagt, daß Jesus der Messias, der Christus ist. Theologie hat darzutun, daß dieses Prädikat, der Christus, der Messias, Jesus angemessen ist, Jesus wahrhaft zukommt. Darin aber ist eine Gegenbewegung mit eingeschlossen. Wer sagt, Jesus ist der Messias, der sagt auch: der Messias, das, was Messias meint, ist in Jesus erfüllt. Er fragt von der Messiaserwartung, er fragt von dem her, was im Prädikat an menschlichen Erfahrungen, Fragen und Erwartungen mitgebracht ist, auf Jesus Christus hin. Die Öffnung der menschlichen Prädikate auf den zu, von welchem der Glaube sie aussagt, – das ist eine zugleich eminent theologische und, wenn man so will, doch vortheologische Aufgabe. Vortheologisch: denn der Standort ist nicht der Glaube, sondern jene Erwartung, Frage und Erfahrung, die auf den Glauben geöffnet und in die hinein Gottes Wort ausgelegt werden sollen. Theologisch, ja konstitutiv für Theologie ist solcher vortheologischer Dialog: denn es geht nicht nur um die Vorbereitung auf den Glauben, sondern eben auch um die Vorbereitung jener Prädikate, deren die Verkündigung, um verständlich und also Verkündigung zu sein an sich selber bedarf. Und mehr noch, es gehört zur inneren Bewegung des sich offenbarenden, mitteilenden, dem Menschen zusprechenden Gotteswortes, daß es in diese Gegenposition der Verkündigung hineindrängt. Es entäußert sich dorthin, wo es vom Menschen her, von seinen Erfahrungen, Fragen und Erwartungen her in Sicht kommt, um sie zu erfüllen und zu überbieten. So aber haben wir den Standort der Fundamentaltheologie, ihren zugleich theologischen und für Theologie und Glaube konstitutiven, vortheologischen Standort, anvisiert. Der reflexiv ausgearbeitete und aufgearbeitete Dialog, der zur Verkündigung als deren Vollzug, Vor- und Nachgeschichte gehört, das ist die Sache der Fundamentaltheologie, und zwar sofern in diesem Dialog je von den menschlichen Möglichkeiten, Erwartungen und Erfahrungen her auf den Glauben, auf das Gotteswort, auf seine Bezeugung und Verwirklichung zu gefragt wird. Fundamentaltheologie reicht somit also auch in die Geschichte und Nachgeschichte der Verkündigung hinein – aber stets unter dem Vorzeichen der Vorgeschichte. Der intellectus proprius der fides ist immer auch ab extra, aus sich selbst aufgehender intellectus; an den Glauben herangetragener, in ihn mitgebrachter intellectus; und diese Seite, die für die Innenseite und mit ihr konstitutive Außenseite des intellectus fidei, wird bereitgestellt und beigebracht durch die Fundamentaltheologie.

Wir wollen, freilich nur schematisch und andeutungsweise, noch einen weiteren Schritt hinzufügen. Lassen sich die Aufgaben der Fundamentaltheologie im Beziehungsgeflecht zwischen Subjekt und Prädikat der Glaubensaussagen noch präziser bestimmen und breiter ausfalten?

Im 10. Kapitel des Römerbriefes sind Glaube und Bekenntnis – damit [75] aber zugleich Verkündigung und Inbegriff christlich verstandener Offenbarung – aufs knappste zusammengefaßt in zwei Formeln: „... denn wenn du mit deinem Mund bekennst: ‚Jesus ist der Herr' und in deinem Herzen glaubst: ‚Gott hat ihn von den Toten auferweckt', so wirst du gerettet werden“ (Röm 10,9). Zweierlei Formeln stehen hier nebeneinander, eine prädikative und eine narrative. Offenbarung ist ein Geschehen, von dem drei Aussagen gelten: a) Es ist unter Menschen, im Raum menschlicher Geschichte geschehen. b) In diesem Geschehen sind aber nicht nur menschliche, innergeschichtliche Faktoren am Werk, sondern hier hat Gott selber gewirkt, hier hat er sich selber erschlossen, in dieses Geschehen geht er selber hinein, und in ihm geht er selber auf. c) Dieses Geschehen aber ist höchst bedeutsam für den Menschen und die Welt, in ihm geht es um ihr Heil. Voll entfaltet sind diese drei Dimensionen im Christusgeschehen als der vollendeten Selbstmitteilung und Selbstgabe Gottes. Dieses Geschehen aber ist nicht nur ein gewesenes, sondern es ist, als ein für allemal geschehen, zugleich in Gottes Kraft gegenwärtig, es ist nicht nur narrativ, sondern auch akklamativ bzw. prädikativ auszusagen, ja verlangt nach einer solchen Aussage. Im Kontext unserer Stelle: „Jesus ist der Herr.“ Man konnte phänomenologisch und textlich aus dieser Prädikation selbst wiederum drei Dimensionen erheben, die indessen auch unabhängig von einer solchen Bemühung als in den Grundaussagen des Glaubens miteinander verwoben und für sie konstitutiv gelten müssen. Jesus ist der Herr, das sagt etwas aus über Gott, von dem her der Titel, der ihm zusteht, also auch Jesus zukommt. Zugleich ist etwas ausgesagt über Jesus selber, darüber, wer er ist. Und nochmals zugleich ist etwas ausgesagt über uns, weil wir in ihm unseren Herrn haben, weil er Herr ist für uns und weil dieses Wort „der Herr“ seine Heilsbedeutung für uns prädiziert.

Gott – Jesus – wir (ich selber, die Menschen insgesamt, die Welt): diese drei Größen sind in der Offenbarung Gottes in Jesus Christus zugleich involviert. Gott ist der, als welcher er sich in Jesus Christus enthüllt, mitteilt und schenkt. Jesus Christus ist der, in welchem Gott uns mit dem Seinen im Unseren begegnet und endgültig nahe ist, er ist unwiderruflich und unüberholbar der „Gott mit uns“. Wir selbst sind die in Jesus Christus von Gott Angenommenen, Geretteten, Erlösten und Erfüllten. Anders gewendet: Gott ist der, der in der Hingabe des Sohnes am Kreuz und in seiner Verherrlichung uns aufstrahlt. Jesus Christus ist der, als welcher er im Glanz der Ostern aufgeht. Mensch und Welt sind das, als was sie im für uns dahingegebenen und erweckten Jesus Christus sich uns enthüllen.

Stellen diese Aussagen indessen nicht unser voraufgehendes Modell auf den Kopf, daß nämlich aus der Welt unserer Erfahrung und unserer Fragen jene Ausdrucksmöglichkeiten gesucht werden sollten, durch welche die Bot- [76] schaft der Offenbarung Botschaft für uns, verständliche Botschaft wird? Hier, in den letzten Aussagereihen, schlugen wir doch den gegenläufigen Weg ein: Von Gott, von Jesus, von Mensch und Welt werden Prädikate ausgesagt, die das Unerhörte, Neue, Eigene der Offenbarung Gottes beinhalten. Und doch könnten diese Prädikate das Eigene, Neue und Andere der Offenbarung nicht aussagen, wären sie nicht herausgenommen aus unserer Welt des Fragens, Erwartens und Erfahrens. In diesen Prädikationen selbst spielt eine merkwürdige Geschichte: Sie müssen aus unserem menschlichen Bereich, aus unseren eigenen Möglichkeiten genommen sein, unsere Tendenz auf Heil und Sinn ausdrücken, um dann von Gottes Handeln und also von diesen drei Subjekten (Gott, Jesus, Welt: Mensch) prädiziert werden zu können. Indem sie aber aufgrund des göttlichen Heilshandelns in Jesus für uns von diesen drei Subjekten ausgesagt werden, widerfährt ihnen selbst, diesen Prädikaten, eine Korrektur, eine Verwandlung vom Subjekt her – und gewinnen die Subjekte selbst in solcher von ihnen her korrigierter Prädikation einen neuen Stellenwert. Gott heißt beispielsweise etwas anderes, weil im Kontext christlicher Offenbarung von ihm ausgesagt werden kann, daß er die Liebe ist – Liebe heißt etwas anderes, weil sie im Verstehen christlicher Offenbarung das auszudrücken vermag, was Gott ist. „Jesus“ sagt etwas anderes weil er „der Herr“ ist. „Herr“ bedeutet etwas Neues, weil Jesus „der Herr“ ist.

So betrachtet, differenziert sich jedoch die Aufgabe der Fundamentaltheologie. Es bleibt dabei, sie ist die reflexe Erhellung jenes Dialogs, in welchem das Wort Gottes seine ihm gemäße menschliche Gestalt je neu findet vom Menschen, von seinem Bedürfen, Fragen und Verstehen her. Sein, Bedürfen, Fragen und Verstehen werden fundamentaltheologisch auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus hin erhellt. Aber der Vollzug solcher Erhellung ist komplexer als zuvor vermutet. Menschliche Prädikate, welche menschliche Erfahrungen und Fragen und Möglichkeiten artikulieren, werden erörtert und diskutiert auf Gottes Heilshandeln in Jesus hin. Dieses erscheint jedoch nicht als die geradlinige Erfüllung, sondern es geht auf als das zugleich Affirmierende, Negierende und Transzendierende der menschlichen Voraussetzungen. Und im Rückstoß treten auch diese alsdann selber in ein neues Licht. Also: Wonach fragen die Fragen des Menschen, worauf weisen die Möglichkeiten des Menschen, wonach rufen die Bedürfnisse des Menschen? Wie entspricht dem die Botschaft der Offenbarung, und wo liegt das Nicht, Anders und Mehr dieser Botschaft gegenüber dem aus den Möglichkeiten und Fragen des Menschen immanent Erhobenen? In welches neue Licht treten sodann die menschlichen Voraussetzungen des Verstehens der Offenbarung, wie werden sie im Licht der Offenbarung selber verwandelt? Dies ist der Fragegang, wenigstens der eine Fragegang der Fundamental- [77] theologie. Ist er durchlaufen, so sind die Prämissen erfüllt, damit die Aussagen möglich sind, wer und was aufgrund der Offenbarung Gottes, aufgrund des Heilshandelns Gottes in Jesus Gott selber, Jesus und der Mensch samt seiner Welt sind.

Allerdings gehört zur Fundamentaltheologie gemäß dem von uns versuchten Ansatz noch ein weiterer Fragegang hinzu. Dem Prozeß, in welchem aus Gottes Wort und Handeln einerseits und aus des Menschen Verfaßtheit und Möglichkeit andererseits die Prädikate für Gott, für Jesus, für den Menschen und die Welt gewonnen wurden, entspricht ein weiterer, der freilich nur die andere Seite des ersten ist. Was nämlich mit den Prädikaten geschieht, das geschieht zugleich mit den Subjekten. Auch sie sind einerseits dem Menschen von sich her zugänglich und werden zum anderen durch das Heils- und Offenbarungsgeschehen konstituiert. Auch wenn kein anderer Gott ist als jener, der sich uns in seinem in Jesus gipfelnden Heilshandeln erschlossen hat, so ist Gott eben doch das Gemeinte und Geahnte, Verehrte und Entdeckte menschlichen Denkens und menschlichen Herzens. Und Jesus ist eine durch kritisch zu prüfende Quellen zugängliche geschichtliche Gestalt und zudem ein Datum in der Geschichte menschlicher Meinung, Haltung, Kultur. Und der Mensch – das sind wir selbst, so uns ganz nah und ganz Rätsel. Ist aber der Gott der Religionsgeschichte oder der Philosophie der Gott Isaaks, Abrahams und Jakobs und der Vater unseres Herrn Jesus Christus? Ist der Jesus der Historie jener, als welcher er in der Verkündigung lebt? Und ist der Mensch, von welchem die Botschaft der Offenbarung zeugt, jener, den wir durch die Selbsterfahrung und ihre wissenschaftliche Thematisierung kennen? Es ist also ebenso notwendig, den Prädikaten des Glaubens die Subjekte zu verschaffen, in denen sie sich festmachen lassen. Und wiederum ist ein Vorgang der Entsprechung, des Widerspruchs und der Korrektur vonnöten, ähnlich wie wir ihn zuvor beobachtet haben. Die Frage nach Gott, nach Jesus Christus und nach Welt und Mensch von unserem Denken und Erfahren her auf die Offenbarung hin zu stellen und auszuarbeiten – aus unserem Erfahren, Fragen, Erwarten und Bedürfen her die Prädikate zu sichern und zu reflektieren, zu bestätigen, zu korrigieren und neu anzumessen, die das Eigene und Einmalige der von Glauben erschlossenen Sicht von Gott, Jesus, Welt und Mensch einfangen –, das ist die Aufgabe der Fundamentaltheologie. Diese Aufgabe wird um so anspruchsvoller, aber auch um so wichtiger, je weiter die Welten säkularer Erfahrung und überlieferter Gestalt der Verkündigung auseinandertreten. Kirche braucht Fundamentaltheologie heute dringender denn je. Und sie braucht sie um ihrer selbst willen: damit sie sich selber erschließe und beglaubige als der Raum, in dem der Mensch Jesus Christus und in ihm Gott und in ihm zugleich sich und seine Welt finde.