Franz von Baaders Philosophischer Gedanke der Schöpfung

Göttliches Selbstsein als Selbstgeschehen

Das Selbstsein Gottes, das seiner freien Äußerung vorgeht als sie ermöglichende, setzende und begreifende Ursprünglichkeit, wird von Baader in sich als „geschehend“ gedacht. Selbstmitteilung setzt Selbstbesitz voraus, und Selbstbesitz bedeutet sich offenes Selbstverhältnis, insofern aber überbietend-aufhebenden Inbegriff von „Bewegung“. Hierbei ist Bewegung freilich nicht als Überwindung eines erst ineins zu führenden Auseinanders von Anfang und Ziel zu verstehen, sondern als das anfängliche und zugleich vollendete Ineinander von Anfang und Ziel, das durch die reine Einheit beider vollkommene Ruhe, durch die offene Anwesenheit dieser Einheit und Ruhe bei sich aber ebenso vollkommene „Bewegung“ darstellt – wobei die Vollkommenheit der Bewegung deren noch nicht eingeholtes Auseinander, die Vollkommenheit der Einheit und Ruhe deren Abwesenheit von sich selbst schon ausschließen.

So bemerkt Baader: „Wenn es aber ein die Natur Gottes mit der des Geschöpfes vermengender Irrtum ist, den Begriff einer sukzessiven Genesis, einer Geschichte oder der Zeit, auf Gott zu übertragen, so ist es nicht minder ein Irrtum, den Begriff einer Genesis überhaupt, nämlich einer nichtzeitlichen, aus Gott hinausweisen und behaupten zu wollen, daß Gott in sich, und abgesehen von ihm als Schöpfer, nur ein bewegungs- und lebloses, unfruchtbares Sein hätte, und daß er notwendig schaffen mußte und muß, um sich eine Motion zu machen.“1 Diese „nichtzeitliche Genesis“ ist im Wesen des nicht von außen herstellbaren, nicht aus anderen Elementen konstruierbaren Selbstbewußtseins beschlossen: Es ist „mit einem Schlage mit allen seinen Momenten und Elementen zugleich fertig, und diese bestehen nicht etwa vor oder nach ihm“2. Gerade deshalb ist der Geist keine starre „Monade“3; er ist „fertig“, weil er bei sich ist, sich und also sein Beisichsein in die Offenheit zu sich selber hält; er ist fertig, auf sich beruhend also, weil er sich auf sich bezieht; Bezüglichkeit aber ist, auf die bezeichnete Weise, Bewegung.

Der Begriff der Vollendetheit und Unbedingtheit ist für Baader Begriff der Identität von Ruhe und Bewegung4, von „Differenz und Indifferenz, Unterschiedenheit und Einheit“5. Diese mit der Ruhe identische Bewegung in Gott ist die „simultane“ Bewegung, eben seines unbedingten Beisichseins6.

„Also ist jede Sukzession absurd, so wie eine vorsätzliche Geburt Gottes, oder ein Anfang aus blindem Sehnen (Schelling). Es ist nichts, was als Stoff vor oder nach dem Bestehen des Geistes existierte. Somit ist die Göttlichkeit des absoluten Geistes aus der Natur des Geistes selber geschöpft.“7

Diese „Natur des Geistes“ ist indessen von Baader nicht als ein bloß „seiendes“ Prinzip gesetzt, von dessen Phänomenalität Bestimmungen abgelesen oder abgeleitet und dann auf einen „seienden“ Gott übertragen [99] würden. Die Aussage verweilt beim Ereignis der Mitteilung, die ihren Ursprung nur deshab bezeugt, weil er selbst „hinter“ ihr bleibt, nicht mit­ teilbar ist. Wo nun das Sein des Vernehmenden und das Sein alles Seienden das Mitgeteilte der Mitteilung sind, da entzieht sich der mitteilende Ursprung aller Objektivierbarkeit, allem „Zukommen“ des Seins als die lautere Quelle solchen Zukommens. Es wird unmöglich, ihn „als das eine Objekt neben den Geschöpfen als den anderen Objekten zu betrachten“8. Gott entspricht die Eins, die insofern gar nicht „ist“, als sie „zählend, aber nicht Zahl oder gezählt“ ist9, im Vergleich zur „ersten bedingten Einheit“ eine „Null“, „womit aber nur die unaussprechliche absolute Fülle oder Vollendetheit dieser Monas angedeutet wird, nicht aber ihre Leerheit, ihr Nichts oder ihr Nullwert oder ihre Indifferenz gegen alle Erfüllung“10. „Nichts“ des Seienden ist sie als „die reine Produktivität, das reine Producens, als das Nichts oder die Negation und Abwesenheit alles Produziert­ seins oder Produktseins und nicht etwa jenes sinnlose Zero, jene Indifferenz unserer Naturphilosophen, in welcher die Kreaturen zu Grunde gehen, anstatt in ihr zu gründen“11.

Gerade dieser Abwehr aller verendlichenden Bestimmung vom Ursprung spricht sich das Geheimnis des Ursprungs in seinem lauteren Wirken und Bestimmen zu, welches seine eigene „Bestimmtheit“ durch ein von ihr erst zu Bestimmendes ausschließt, so aber, rein in sich schwingend, sich selbst eben als „simultane Bewegung“, als „nichtzeitliche Genesis“ zu denken aufträgt. Doch gilt es, auch diese „nichtzeitliche Genesis nochmals des Scheines irgendeines „Werdens“ zu entkleiden: „Von einem solchen Sichselbsthervorbringen (Fortpflanzen etc.) der Unité Centre kann also nie die Rede sein, und diese bringt durch alle immanenten Operationen doch nie sich selbst hervor (Einmal Eins ist Eins etc.).“12 Gerade hierdurch wird freilich die Selbigkeit der „Unite Centre“ mit dieser sie nicht hervorbringenden, sondern vollziehenden „immanenten Operation“ offenbar, sie „ist“ nichts anderes als die alles „Ist“ ermöglichende und so zuvor in sich überholt haltende immanente Operation der reinen Ursprünglichkeit.

Es erscheint als wichtig, vor dem Mitvollzug der fast verwirrenden Vielfalt der „Bestimmungen“, in die sich Baaders spekulativer Gottesgedanke entfaltet, bei der behutsamen Lauterkeit seines Anlasses einzukehren. Doch auch in der Fülle seiner bestimmten Aussagen ist sich Baader der – freilich unvermeidlichen – Verzeichnung des gemeinten Ineinanders der unbedingten Einfachheit ins Neben- und Nacheinander bewußt. Er betont etwa das Uneigentliche seiner trinitarischen Spekulation, „weil die Trinität, indem selbe in der Kreatur sich abbildet, von dieser allerdings, jedoch nur bildlich oder kreatürlich, begriffen werden kann, gemäß jenem Satze: Quidquid concipitur, secundum modum concipientis concipitur, nicht aber unkreatürlich, oder wie diese Trinität an und für sich ist“13.


  1. SpD 1,10 VIII 91 f. ↩︎

  2. SpD 1,7 VIII 67. ↩︎

  3. Siehe z.B. FC 1,8 II 161; Anth IV 225; IV 270; Freiheit 12 VIII 159. ↩︎

  4. Vgl. z. B. Temps II 51 (72); II 521; III 352; SpD 1,7 VIII 70; Freiheit 15 VIII 164. ↩︎

  5. SpD 1,7 VIII 65. ↩︎

  6. Vgl. MM 2 XIII 165–169; FC 5,9 II 332. ↩︎

  7. SpD 1,7 VIII 65. ↩︎

  8. V 263. ↩︎

  9. EG 3 VII 162 Anm.; vgl. FC 3,10 II 256 Anm. 2; SpD 2,11 VIII 251 Anm. ↩︎

  10. EG 3 VII 163. ↩︎

  11. SPh 11 XIV 117. ↩︎

  12. FC 5,24 II 355. ↩︎

  13. Hegel IX 415 f. ↩︎