Gesprächsführung

Geführtes Gespräch

  1. Gespräch ist also wesentlich ein „geführtes“: Wir führen es, und dieses Wir enthält die unverfügte, je führende Freiheit jedes Partners. Es enthält aber zugleich jene Übereinstimmung, in der wir es uns gefallen ließen, nicht nur ich und du im Sinne einer Mehrzahl, sondern „wir“ in der höheren und uns selbst doch keineswegs auslöschenden Einzahl der Gemeinsamkeit zu sein. Die Übereinstimmung, in der „wir“ das Gespräch führen, macht uns zu Geführten vom Wir, vom Geschenk eines gewollten und doch nicht gemachten Zusammengehörens. Solche Führung ist kerne Verfälschung, sondern die Erfüllung dessen, was das Wort „Führung“ im personalen Sinne meint. Druck und Gewalt stehen im umgekehrten Verhältnis zur Freiheit, sie drängen mich zurück, wollen ein Ergebnis, eine Leistung, nicht mich. Führung aber will mich vorwärts bringen, sie meint mich, will mich führen, d. h., ich selbst soll gehen, mir wird das Ziel, ich werde aufs Ziel zu freigegeben. So geschieht Führung am vollkommensten, wo sie sich erlauben kann, sich zurückzunehmen, an sich selbst gar nicht hervorzutreten.

  2. Führung des Gesprächs hat drei mögliche Grundgestalten:

a) Die Führung wird nicht zur Rolle, die jemand übernimmt, sondern geschieht unmittelbar durch den verbindenden und als verbindlich erfahrenen „Geist“ des Gespräches. Diese Gestalt ist zumal dort gemäß, wo zwei miteinander reden, denen es um die „Ausschließlichkeit“ ihres Verhältnisses oder um etwas geht, das sie beide gleich unmittelbar betrifft. Doch auch bei größeren Gruppen kann es für einen hohen Augenblick lang geschehen, daß der „Augenblick“ selbst, der eine Blick des einen Geistes, unter dem sich alle finden, unmittelbar führend wird.

b) Ein einzelner übernimmt die Rolle des Gesprächsleiters, nicht [424] um eigenwilliges Diktat zu üben, sondern um Ausdruck und Organ des eigentlich Führenden, der Einheit des Wir zu sein, im dreifachen Dienst an den Partnern, am Wesen und an der Sache des Gesprächs. Diese „Rolle“ der Gesprächsführung kann durch einen Notstand des Gespräches, vor allem durch die größere Zahl der Partner bedingt und so eine Notlösung sein, anderseits aber ist das Gestaltwerden des Geistes und der Einheit des Gespräches ein durchaus positiver Ausdruck seines Wesens.

c) Die „Führung“ des Gespräches fällt einem durch den Partner selbst im pädagogischen oder helfenden Gespräch zu. Der führende nimmt hierbei den Geführten ganz und ebenbürtig als Partner an, seine Führung geschieht, indem er so auf den Partner zugeht, daß er zu reden, sich zu öffnen anfängt, ins wirkliche Gespräch erst kommt; es ist also Gespräch eröffnende, erschließende Führung.