Wegmarken der Einheit

Geschichte Gottes mit der Menschheit: Geschichte der Einheit

[11] Gibt es ein Problem, gibt es eine Sehnsucht, gibt es eine Grunderfahrung unserer Zeit?

Zunächst erscheint es, daß es in unserer Epoche vor allem um die Freiheit gehe. Formen von Unterdrückung, Entfremdung, Zwänge und Abhängigkeiten beherrschen das Leben. Daß die einen sich in Freiheit entfalten können und die anderen daran gehindert sind, das will man nicht länger hinnehmen. Ideologien, Theologien und Bewegungen der Befreiung erwachen allenthalben.

Noch ein anderes Wort kommt uns in den Sinn, wenn wir an unser Heute denken: das Wort Zukunft. Noch nie hat man so weitgehend die Zukunft planen und berechnen können. Aber auch noch nie war vielleicht die Angst vor der Zukunft so groß. Denn mit den Mitteln, Zukunft zu gestalten, wachsen auch die Mittel, Zukunft zu zerstören. Werden wir morgen alles vernichten, was wir heute schaffen? Oder werden wir durch das Wachstum unserer Technik die Lebensmöglichkeiten der Natur und der Menschheit von innen unterhöhlen? Oder aber richten wir uns ein Paradies des Konsums ein, das zwar alle Wünsche befriedigt, aber das Herz leer läßt?

So stellt sich mit dem Wort Zukunft zugleich ein drittes Wort ein, das die Not und die Hoffnung der Menschen heute benennt: das Wort Sinn. Resigniert fragen die einen, was alles für einen Sinn habe. Andere wandern aus und suchen sich in Phantasie und Traum diesen Sinn, den sie in ihrer erlebbaren Gegenwart vermissen. Wieder andere verzweifeln an diesem Sinn und zerschlagen mit Gewalt das, was Generationen vor ihnen aufbauten. Aber zugleich dürfen wir doch jene nicht übersehen, die mutig und hoffnungsvoll aufbrechen, um den [12] Sinn zu suchen, der wahrhaft frei macht und Zukunft eröffnet.

Ich glaube indessen, daß wir nicht bei diesen drei Worten stehen bleiben dürfen. Es geht in ihnen um ein viertes oder besser erstes: Einheit.

Warum werden Freiheit und Befreiung zum bedrängenden Problem? Gab es früher nicht ebenfalls schreckliche Unterdrückung und Knechtung? Das Neue an unserer Situation: Die Menschheit wächst immer mehr zusammen, wir leben im Bewußtsein des Ganzen – aber wenn ein Volk, eine Gruppe, eine Schicht die anderen nicht sich frei entfalten lassen, wenn nicht alle am Leben des Ganzen Anteil gewinnen, dann wird eben Leben unerträglich. Nur wenn wir zugleich weltweit und innerhalb einer jeden Gesellschaft jene Einheit finden, in welcher alle mit allen so zusammenleben, daß alle sich entfalten können, ist das Problem der Freiheit gelöst. Die wahre Einheit ist allein die Garantie für wahre Freiheit.

Und diese menschheitliche Dimension der Entwicklung ist es auch, was das Problem der Zukunft so brisant werden läßt. Es gibt nur die unteilbare Zukunft der ganzen Menschheit – Zukunft für nur einen Teil ist keine wahre, keine menschliche Zukunft. Wahrhaft Zukunft ist nur in jener Einheit, die alle gemeinsam leben läßt, die alle sich entfalten läßt.

Die Sinnfrage wiederum ist die Frage nach dem, was von innen her alles zusammenhält. In der Gesellschaft unserer noch so dichten Kommunikationsnetze sind viele einsam, viele zurückgeworfen auf sich selber, mangelt vielen die Begegnung und der Dialog. Doch solange Dialog bloß Austausch von Nichtigkeiten ist, bringt er keine Sinnerfahrung. Wir müssen das gemeinsame Wort finden, das uns den Sinn des Ganzen erschließt und uns zugleich miteinander sprechen, uns zueinander finden läßt. Nur das Wort, das wahre Einheit stiftet, gibt Sinn.

Ein Individualismus, der die Gesellschaft nur zur Summe isolierter Individuen macht, oder ein Kollektivismus, der den [13] einzelnen untergehen läßt in einem von außen auferlegten Programm, diese beiden Extreme sind der Gegensatz zu jener Einheit, nach welcher der Mensch sich sehnt. Die Menschheit ist auf der Suche nach der wahren Einheit: Letztlich ist dies die Signatur unseres Zeitalters. Das eine Wort, welches das Herz unserer Epoche trifft, heißt Einheit.

Die Spiritualität des Fokolar ist Spiritualität der Einheit. Es gibt für sie keine Realität, die mehr in der Mitte, mehr an der Wurzel liegt als die des Testamentes Jesu: „Laß alle eins sein!“ Diese Spiritualität ist indessen nicht entstanden aufgrund einer Reflexion der Nöte des Zeitalters. Vielmehr ging es hier wie oftmals in der Geschichte der Kirche: Menschen wollen nichts anderes als sich dem Ruf Jesu zur Nachfolge öffnen – und indem sie es tun, wächst eine neue Gestalt gelebten Evangeliums, die – ohne daß dies vorher zu planen oder auch nur zu ahnen gewesen wäre – Wegweisung für diese Zeit, Antwort auf ihre Fragen bedeutet. Wir dürfen aus der Distanz von fast 40 Jahren seit den Anfängen der Fokolar-Bewegung sagen: Was 1943 in Trient begann, ist eine Gabe an die Kirche und an die Menschheit, die auf ihrem Weg zum dritten Jahrtausend auf der Suche ist nach einem neuen Verstehen und Leben der Einheit.

Im Lichte unserer Situation einerseits und der Spiritualität der Einheit andererseits ergibt sich dem, der unbefangen auf die Heilsgeschichte blickt, die Erkenntnis: Einheit ist nicht nur ein Thema von heute, es ist Grundthema der Geschichte Gottes mit dem Menschen. Ja, wir dürfen sagen: Die Geschichte Gottes mit dem Menschen ist die Geschichte der Einheit. – Dem soll im folgenden anhand fundamentaler Linien des Alten wie Neuen Testamentes nachgegangen werden. Ich möchte nicht das reiche Material jener Schriftstellen ausbreiten, die sich auf das Thema Einheit beziehen. Vielmehr sollen von einigen zentralen Punkten aus die Botschaft der Heiligen Schrift insgesamt als Botschaft der Einheit, der [14] Schöpfungs- und Erlösungsplan als Plan der Einheit, die Heilsgeschichte als Geschichte der Einheit aufgeschlüsselt werden.