Kirche und Kunst – heute

Gottes göttliches und menschliches Bild

Gott geht für uns nur auf, wenn er für uns Bild und Gestalt wird – sonst entgeht er uns und entgehen wir ihm. Doch ebenso gilt: Gott geht nicht auf, wenn er Gestalt wird – er ist je größer als alle Gestalt und als alle möglichen Gestalten zusammen; Bilder und Gestalten, die ihn vorweisen, entziehen und verstellen ihn zugleich. Wie ist diese Spannung zu lösen?

Ehe wir von der Inkarnation sprechen, haben wir zu bedenken, was wir sagen, wenn wir ihn den ewigen Sohn des Vaters und sein gleichwesentliches Wort nennen. Der dreifaltige Gott hat nicht das Problem von Bild, Fassung, Gestalt außerhalb seiner selbst; dieses Problem ist in ihm schon je gelöst. Er ist dies: sich selbst mitzuteilen, auszusprechen, zu fassen in sich selbst. Wir können sagen: Gott ist in sich selbst „Überschuß“. Wir können keinen Augenblick einen nur einsam in sich verweilenden Gott uns denken, nein, in seinem Ursprung ist dieser Gott Selbstmitteilung, Hervorgang, eben: vollendete Ursprünglichkeit. Schon immer Aufbruch, ist er doch nicht von sich hinweggetrieben, um sich erst in einer Endlichkeit, in einem Außerhalb zu finden. Nein, wie Bonaventura im sechsten Kapitel seines Itinerarium ausführte, Gott ist reine, sich selbst mitteilende Güte gerade darin, daß das Mitgeteilte der Ausdruck dieses Gutseins, Gott selber ist und so in Gott selber bleibt. Reines Aussichgehen ist reines Insichbleiben, göttliche Selbstmitteilung ist göttlicher Selbstbesitz. Dann aber ist das Wort, in dem Gott in sich selber sich aufschließt und mitteilt, mehr als bloße ratio. Gott registriert sich nicht nur, es kommt in seinem Wort vielmehr zum Ausdruck, daß er eben Ursprünglichkeit, Mitteilung ist. Das Wort ist Wort der Liebe, Wort der Ursprünglichkeit, Wort jener sich verströmenden Güte. Mehr als ratio und so gerade ratio dessen, was mehr ist als ratio. Der Logos ist Wort dessen, das Gott Liebe ist, Wort der Liebe. Unsere endliche Sprache fängt dies mit dem Wort vom „Wort“ allein nicht ein, wir brauchen das andere Wort hinzu, das Wort „Sohn“.

Gerade darin, daß Gott in sich selber Überschuß ist, der sich je schon eingeholt, schon je zur Gestalt gebracht hat, ist aber auch der Überschuß Gottes über sich als Gott hinaus, ist seine Möglichkeit zum frei seingelassenen Andern, zur Welt eingeschlossen. Das Wort, der Sohn, ist Wort solchen Überflusses und solcher Freiheit. Um nochmals Bonaventura ins Spiel zu bringen, sei an seinen zentralen Satz über die ars aeterna erinnert: „Der Vater nämlich zeugte von Ewigkeit seinen [16] ihm wesensgleichen Sohn und sprach so sich und seine ihm gleiche Gleichheit aus und darin sein ganzes Können; er sprach aus, was er schaffen konnte, und vor allem, was er schaffen wollte, und alles drückte er in ihm aus, das ist im Sohn oder in dieser Mitte als in seiner Kunst.“

Nun aber das Ungeheure: Was Gott als sein überflüssig Anderes frei sein lassen konnte, das ließ er nicht nur an sich selber frei, sondern dem teilte er sich ganz mit, in das gab er sich selbst hinein, um in ihm, um in seinem anderen Gestalt zu werden für dieses andere. Das Wort Fleisch geworden und hat in solcher Fleischwerdung sein Wort nochmals verlauten, nochmals Gestalt werden lassen – für uns. Daß der Vater seinen Sohn hingibt, sich entäußern läßt, eintreten läßt in unser Dasein, das ist Ereignis, Gestalt des Wortes, das im Anfang ist und das in Gott selber ist. Überschuß des göttlichen Überschusses in die Endlichkeit hinein, das ist die Ikone Gottes, das Bild in der Welt.

Sicher, die menschliche Natur, die das Wort annimmt und in der es uns begegnet, ist geschichtlich geprägt und vereinzelt. Jesus ist ein Mensch in der Reihe der Menschheit, er hat Eigenschaften, Bestimmungen an sich, die ihn abgrenzen von anderen Menschen. Nur durch seine individuelle Abgrenzung gegenüber den anderen Individuen ist er wahrhaft uns gleich, wahrhaft einer von uns, steht er mit uns auf demselben Boden der Geschichte. Doch der da auf demselben Boden unserer Geschichte steht, der neben uns steht, ist jener, der in uns allen inwendiger ist als wir uns selbst, er ist jener, in dem wir von Ewigkeit her von Gott erdacht, gemeint, ermöglicht, sein gelassen sind. Sein Menschenwesen ist angenommen aus Kommunion mit uns und als Kommunion mit uns. Wir sind ganz umfaßt, ganz drinnen, all das Unsere ist geteilt von ihm, er steht wirklich an unserer Stelle.

Er steht an unserer Stelle, weil er sich unsere Endlichkeit nicht erspart hat. Und daß er sie sich nicht erspart hat, dies gerade ist Aufgang einer Göttlichkeit in unserer Geschichte. Ja, so ist Gott, daß er sich nicht zu gut ist, sich zu entäußern, sich bis in unsere Endlichkeit hinein uns zuzueignen. Um es einmal recht anfechtbar auszudrücken, nicht im Sinn einer metaphysischen Aussage, sondern eines Signals für die entäußernde Bewegung seiner Liebe: Gottes Selbst-unterbietung ist gerade Gottes Selbstüberbietung. Im Weniger seiner Gestalt, im Ärgernis von Bethlehem, Nazareth und Calvaria wird jene Größe und Göttlichkeit Gottes, der die Liebe ist, offenbar. Dem nichts zuviel ist, auch nicht weniger zu werden als er selbst und in diesem Weniger uns zu begegnen, er erweist darin seine unverlierbare und unerschöpfliche Größe, er gewinnt gerade darin für uns seine Gestalt, sein Bild.

Nicht nur die Götterbilder sind zu klein für den lebendigen Gott, auch das Gottesbild Mensch ist zu klein für ihn. Aber indem er es annimmt, in diesem Bild sich uns zu schenken, sich für uns hinzugeben, ist eben er selbst in solchem endlichen Bilde da, wird die Endlichkeit solchen Bildes sein gültiges Sakrament, seine berührbare Gegenwart. Die Liebe des Wortes, das Fleisch wird und sich im Fleisch uns hingibt, löst die unlösbare Spannung zwischen der Unmöglichkeit Gottes, im Bilde ganz da zu sein, und unserer Not, ihm nur im Bilde zu begegnen.

[17] Und doch kommen wir von neuem in eine Krise unseres Gedankens. Es gibt ein Bild Gottes – aber kann es dann noch Bilder geben? Streicht Jesus Christus als die einzig gültige Ikone Gottes nicht alle unsere Bilder des Heiligen, alle unsere heiligen Bilder durch? Sind nicht gerade durch die Menschwerdung des Wortes alle Bilder entthront, sind sie nicht in ihr als Idole entlarvt? Müßte nicht Epiphanius dann eigentlich sagen: Gerade weil es dieses eine Bild Gottes gibt, brauchen wir keine Bilder und dürfen wir keine Bilder haben? Was berechtigt ihn, die genau andere Konsequenz aus der Menschwerdung des Sohnes Gottes zu ziehen?