Lerne am Herd die Würde des Gastes

Ich will jetzt nichts

Auf eigentümliche Weise dekontextualisiert wirken denn auch die nicht sehr zahlreichen schriftlichen Zeugnisse Hemmerles von seinen Begegnungen mit den Päpsten, in welchen Äußerungen allein auch seine Begegnungen mit der Kurie einen Niederschlag gefunden haben.

In einem Brief aus dem Jahr 1977 heißt es mit Bezug auf seinen ersten Ad-limina-Besuch:

„Ich dachte mir, als ich zum Papst ging und auch als ich zu so vielen Kardinälen gehen musste, um die Probleme der Kirche in unserem Land mit ihnen zu besprechen: Ich will jetzt nichts, ich erwarte jetzt nichts, ich urteile jetzt nicht, sondern ich bringe einfach ein Stück Liebe.“1

Das ist zitiert aus einem Brief Hemmerles an Kinder. Doch der Inhalt ist nicht den Adressaten geschuldet. Er hatte diese vielleicht kindlich anmutende Haltung. Er pflegte sie nicht allein im Verhältnis zu römischen Dikasterien oder den Päpsten, aber darin auch nicht weniger.

Man mag das für unangemessen halten und darin eine – u. U. biographisch erklärbare – prinzipielle Schwäche und Hilflosigkeit erkennen,2 man mag darin Meister Eckharts Kennzeichnung des „armen Menschen“ entdecken – „Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat“3 –, fest steht jedenfalls: Nach Reflexionen über das Papsttum als historisch-politische Größe oder über den Vatikan als eine Organisation mit ihren Mechanismen der Macht, sucht man bei Klaus Hemmerle vergebens. Sein persönliches Verhältnis zum Vatikan war durchgehend unpolitischer Natur.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang denn auch Hemmerles Beziehung zu den Konzilspäpsten. Nicht dem „guten“ Papst, Johannes XXIII., galt seine ganz besondere Wertschätzung, sondern dem mit „Humanae vitae“ assoziierten und oft als „Zauderer“ apostrophierten Paul VI.4 Dass Hemmerle ihm persönlich begegnet ist und dieser ihn zum Bischof ernannt hat, wird eine Rolle gespielt haben. Nicht weniger jedoch, dass sie eine Option teilten: die Option für den Dialog, dem Paul VI. 1964 den dritten und weitaus längsten Teil seiner ersten Enzyklika „Ecclesiam Suam“ gewidmet hat.5

„Wir“, so heißt es dort noch, wo der Papst von sich spricht, „können nicht anders vorgehen als in der Überzeugung, daß der Dialog unser apostolisches Amt kennzeichnen muß“.6

Im Bemühen um den Dialog, das auch dann nicht aufgegeben wird, wenn es Ablehnung und Verunglimpfung einträgt oder wenn das Amt in Entscheidungssituationen führt, in denen der Dialog vorderhand an sein Ende kommt:7 darin mag Klaus Hemmerle sich mit Paul VI. verwandt gefühlt haben. Von ihm darin bestärkt worden, war er. Er berichtet, Paul VI. habe ihm 1976, bei ihrer ersten Begegnung, gesagt:

„Suchen Sie das Gespräch, hören Sie zu, mit einer solchen Liebe, dass der andere sich angenommen weiß, selbst dann, wenn Sie äußerlich seine Probleme nicht lösen können.“8

In dem – nach meiner Kenntnis – wichtigsten Zeugnis von Hemmerles Kenntnis der Stadt Rom und ihrer Geschichte und ihren Kunstschätzen geht es denn auch um einen Dialog bzw. um das Anzetteln eines Dialogs.


  1. Brief vom 5.4.1977 an die Unterstufe eines Internates, in: Briefe an Kinder und junge Leute. Ein Bischof beantwortet Schülerfragen, hg. V. Dorothee Mattes, München 2000, 27. ↩︎

  2. Vgl. Heinz, Hanspeter: Wehrloser Kämpfer. Persönliche Notizen, in: Klaus Hemmerle = das prisma. Beiträge zu Pastoral, Katechese & Theologie 6 (1994) Sonderheft, 16–19; Charisma als Macht? Klaus Hemmerle (1929–1994) – Ein Podiumsgespräch mit Peter Blättler, Bernhard Casper, Wilfried Hagemann, Hans Hermann Henrix, Peter Hünermann, Stephan Loos und Josef Schreier, in: Henrix, Hans Hermann (Hg.): Bischof Klaus Hemmerle (1929–1994) – Ein geistlicher Meister, Aachen 2004, 132–141. ↩︎

  3. Predigt 52 (Beati pauperes spiritu, quia ipsorum est regnum coelorum), in: Meister Eckhart: Deutsche Predigten und Traktate, ed. V. Josef Quint, München 1963, 303. ↩︎

  4. Vgl. Hirtenwort zum Tode Papst Pauls VI., in: Kirchlicher Anzeiger für die Diözese Aachen. Amtsblatt des Bistums Aachen 48 (1978) 103 f.; Inmitten der Spannungen unserer Zeit. Papst für den Menschen (Predigt im Requiem für Paul VI. am 9.8.1978), in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen 33 (1978) Nr. 43, 22. ↩︎

  5. Vgl. Paul VI., Ecclesiam Suam. Die Wege der Kirche. Erstes Rundschreiben Papst Pauls VI. 6. August 1964, Recklinghausen 1964, sowie z. B.: Verkündigung und Dialog. Zur Bedeutung der Fundamentaltheologie für die Kirche, in: Waldenfels, Hans u. a (Hg.), Theologie – Grund und Grenzen. FS für Heimo Dolch, Paderborn 1982, 63–77; gekürzt in: AS IV, 232–240. ↩︎

  6. Paul VI., Ecclesiam Suam (Anm. 15), 27. ↩︎

  7. Vgl. Enzyklika und Dialog. Der Stellenwert des Lehramts im kirchlichen Gespräch, in: Rheinischer Merkur 23 (1968) Nr. 36, 4 f. ↩︎

  8. Brief vom 28.4.1977 an Schülerinnen einer Kaufmännischen Schule, in: Briefe an Kinder und junge Leute (Anm. 11), 31. ↩︎