Franz von Baaders philosophischer Gedanke der Schöpfung

Idee in Gott: Gewähr seiner Freiheit zum Anderen

Wie gewinnt Baader im Wissen um die nur in Gott stehende Selbständigkeit des Geschöpfes Antwort auf die Frage, weshalb Gottes Freiheit vom Anderen die Freiheit zum Anderen positiv einschließe?

Was „manifestiert“ wird, was aufgeht, indem sich das Geschöpf Gott läßt, ist die Idee. Ihre „Leibwerdung“ ist „Zweck“ jedes Prozesses überhaupt1. Sie ist eigentlich das, was ist in allem, was ist, wie auch das, was im Kunstwerk ist, eben seine Idee ist. Und doch gewinnt das Kunstwerk zugleich Sein als es selbst, es „ist“ etwas, wenn es das reine Da der Idee ist, wenn sie in ihm erscheint und sonst nichts. „Man muß übrigens ein . . . Produkt für vollendet erklären, wenn die unmittelbare Selbheit des Substrats ganz und völlig in und durch die höhere Selbheit (der Idea des Gedankens) aufgehoben sich zeigt.“2 Wenn also das Andere des Unbedingten sich diesem läßt, auf daß das Unbedingte sei, ist nur noch dieses in ihm – und gerade deshalb ist auch das Andere es selbst. „Der Vokal durch den Konsonanten sich manifestierend spricht nicht nur sich, sondern auch den Konsonanten aus.“3

Diese Einschließlichkeit des Seins des Anderen im ausschließlichen und [120] alleinigen Sein des Unbedingten rührt von der wesentlichen Beschaffenheit der Idee. Am menschlichen Abbild angeschaut: „Die Idee, die ich mitteile, geht nicht von mir ab, trotz unzähliger Kopien.“4 „Der sein Kunstwerk darstellende, seine Idea hiemit äußerlich gemacht habende Mensch entäußert sich so wenig hiedurch ihrer als des Originals, daß er vielmehr . . . nur umso tiefer sich ihres Besitzes versichert, und dieses Original bleibt ungeachtet aller und unzähliger Kopien desselben doch bei ihm, ja er bleibt es selber.“5

Die „Stätte“, in der etwas erscheint, wird zum Abbild dessen, was erscheint. Wenn überhaupt nichts in ihr erschiene, wäre auch sie überhaupt nicht; das Erscheinen des in ihr Erscheinenden macht, daß sie selbst ist, was sie ist. Was aber ist, indem sie ist, ist das in ihr Erscheinende.

Was erscheint und sie zum Abbild macht, ist die im Erscheinen geschehende Anwesenheit, das „Bild“ seines Ursprungs – Bild im funktionalen Sinne verstanden, denn als „Ding“ wäre es ja nur Abbild. Der Ursprung selbst wäre nicht ohne sein Bild, ohne sein Erscheinen. Indem er ist, erscheint er, und nur solange und sofern er im selben Bilde erscheint, ist er derselbe, das, was er ist.

Das, was ist im Bilde und im Abbild als der Stätte, in die das Bild eingeht, ist also sein Ursprung. Wenn er in vielen Abbildern erscheint, so ist er gleichwohl derselbe und ist nur einer; denn jedes Abbild gibt doch nur das Bild wieder, in welchem der eine Ursprung erscheint. Ursprung ist im „Bild“ daher je unbegrenzt abbildbar; die Reproduktion als solche verschlägt der Einmaligkeit und dem Bestehen des erscheinenden Ursprungs nichts und bestimmt doch ihre Stätte in ihrem Sein.

Die Stätte aber, die ein Bild empfängt, wird, sofern sie es wiedergibt, in abgeleitetem Sinne selbst zum „Ursprung“6. Das Bild geht, bei ihr ankommend, zugleich wieder von ihr aus, und dieses ihr Wiedergeben ist, wenn auch nicht auf selbst ursprüngliche und nicht auf je selbe Weise, wesentlich unerschöpflich. Die weiteste Anwendung: Jedes Seiende gibt sich, das heißt aber: sein Bild grundsätzlich unbegrenzt wieder; indem es ist, fällt sein Bild in die Schrankenlosigkeit und Beständigkeit der Wahrheit selbst: was ist, ist, insofern es ist, immer und überall und auf jede Weise, was es ist, mag der Bestand, auf den sich das „ist“ bezieht, noch so zufällig und hinfällig sein. Die eigentlich wiedergebende Kraft, die „Ursprünglichkeit“ jedes Seienden aber rührt nicht von ihm, nicht von seiner ontischen Bestandhaftigkeit oder den „Ursachen“, die diese zustande bringen, sondern daher, daß im Seienden, sofern es ist, in seiner Bestimmtheit und Begrenztheit sich teilgebend dieses erscheint: daß überhaupt ist, was ist. Dieses ist das erste Bild des ersten Ursprungs, die Mitteilbarkeit und zugleich Unverlierbarkeit und Entzogenheit des Unbedingten selbst, was sich, in selbst nur abbildlicher Weise, anzeigt in der Aussage: daß ist, was ist.

Daß ist, was ist, umgreift und begründet alles, was wirklich oder doch [121] möglich ist, und ist an sich selbst doch keines von dem, was ist, ja unabhängig von dem, was ist und ob etwas ist. Es ist das in allem, was ist, wenn und sofern es ist, wiedergegebene Bild, die „Idee“ schlechthin, die nur sie selbst und unbeschränkt sie selbst ist und doch unendlicher Wiedergabe fähig, in welcher das je Wiedergebende selbst allererst ist und an ihr teilnimmt je nach der Weise seiner Wiedergabe. Daß ist, was ist, erscheint wie ein erster Name, in dem die Macht, die gewährt und Gewähr dafür gibt, daß ist, was ist, sich ebenso mitteilt wie als unberührbar verbirgt.

Wohl gibt jedes Seiende wieder, daß ist, was ist, und ist dadurch, was es ist; doch bleibt dieses Wiedergegebene dem Seienden mit Ausnahme des Selbst verborgen; daß ist, was ist, ist nicht für jedes Seiende, sondern nur für das Selbst. Dieses aber steht dadurch in der Freiheit; sein Vollzug ergreift zwar je nur „etwas“, sein Etwas aber immer angesichts dessen und als Gestalt dessen, was überhaupt und im Ganzen ist, er ist offen in den grenzenlosen Raum des Seins. Diese Freiheit indessen ist nur dann wahrhaft für das Selbst, wenn es in seinem Vollzug selber alle verfügende Einengung aufgibt und sein läßt, daß ist, was ist. Fügt sich das endliche Selbst dem nicht, so ist dies freilich trotzdem und geht es aus ihm selber auf, indem seine widersprechende Freiheit, im Widerspruch gehalten, nicht zu sich kommt7Aussprechen muß“ die Kreatur „Gott; wie sie ihn ausspreche, macht keinen Unterschied für Gott, sondern nur für sie8. Die eine Wahrheit, die eine „Idee“, daß ist, was ist, macht, daß ich bin und frei bin – und ich bin es gerade dann, wenn ich mein Sein und meine Freiheit darein aufhebe, frei walten lasse, daß ist, was ist.

Die Beschaffenheit der Idee zeigt so an, wie der unbedingte Ursprung, der sich in ihr besitzt, sich nicht verliert, indem er sich mitteilt, weil das, was das Andere es selbst und in sich sein läßt, eben die Idee, nicht außerhalb des unbedingten Ursprungs fällt. Kraft dessen, daß ist, was ist, ist alles, was ist, es selbst, und doch ist nichts additiv Anderes dazu und zu dem Ursprung, dessen fassendes Bild es ist, daß ist, was ist. Baader weist darauf hin, daß alles geistige Hervorbringen – auch des Menschen – den hervorgebrachten Gedanken nicht im „räumlich-zeitlichen“ Sinn entäußert, sondern ungeteilt behält. Wohl ist das Andere durch das eingesenkte Bild es selbst, doch als es selbst „durchdrungen“ von ihm, insofern aber „zugleich außer letzterem und in ihm“9 – „außer“ ihm, deshalb, weil die Idee nicht auf ihre Gegenwart im „Seienden“ angewiesen, dieses ihr gegenüber also zu-fällig ist.

Die Weise des Ausgangs der Idee, in welcher der selbstseiende Ursprung zugleich bei sich und bei seinem Anderen ist und welche er seinem Hervor­gebrachten einsenkt, ohne doch sie und sich zu mindern und zu verlieren, ihre den Ursprung zugleich mitteilende und in sich verwahrende Bewegung [122] nennt Baader hin und wieder „Emanation“, ohne freilich die Gefahr des Mißverständnisses zu übersehen, die er erläuternd zu bannen versucht. „Substantia, sagt Tertullian, extenditur, non separatur, womit selber (Tertullian) den Begriff der Emanation von seiner Materialisierung befreit.“10 „Die Alten bezeichneten das Einsenken“ des Bildes in sein Anderes „mit Emanation, worunter sie nicht den krassen pantheistischen Begriff eines Herausfließens verstanden, das wäre nur eine itio in partes. Die Idee, die ich mitteile, geht nicht von mir ab, trotz unzähliger Kopien.“11


  1. SpD 1,8 VIII 79. ↩︎

  2. SpD 1,9 VIII 87. ↩︎

  3. SpD 1,8 VIII 79. ↩︎

  4. SpD 1,8 VIII 82. ↩︎

  5. SpD 1,9 VIII 86. ↩︎

  6. Vgl. das „Persönlichwerden“ des Weibes in der Empfängnis (Geist X 12). ↩︎

  7. Vgl. Baaders Unterscheidung der Wahlfreiheit von der Folge ihrer Anwendung, der eigentlichen Freiheit oder Unfreiheit: z. B. FC 1,4 II 154 ff.; SpD 1,11 VIII 108; SpD 1,12 VIII 117. FC 3,4 II 246; Freiheit 16 VIII 165; X 120; EG ↩︎

  8. Freiheit 40 VIII 187; vgl. FC 3,4 II 246; Freiheit 16 VIII 165; X 120; EG 14 VII 174 f. Anm. ↩︎

  9. Vgl. SpD 1,9 VIII 85 Anm. ↩︎

  10. SpD 1,9 VIII 86. ↩︎

  11. SpD 1,8 VIII 81. Auch die aufs erste sonderbar anmutenden Ausführungen Temps II 64 ff. (89– 92 Anm.) sind von hier aus zu verstehen. Wohl bezeichnet Baader den „Lebenshauch“ des Menschen als „emaniert“, weil eben die Idee als solche ihm wesentlich anwesend, sein „Leben“ ist. Daß der Mensch als existierend gleichwohl unverrückbar „geschaffen“ ist, „kreatürliche Persönlichkeit“ (Hegel IX 416), ewig vom Schöpfer unterschiedener „kreatürlicher Geist“ (RPh 33 I 243), ohne je „einwesig“ mit Gott zu werden (vgl. z. B. FC 6,6 II 400; FC 6,8 II 405), ist durchgängiges Anliegen Baaders. ↩︎