Hoffnung für uns

Identität durch gemeinsamen Dienst*

Es ist eine alte Erfahrung, daß jene am besten zueinander finden, die einen Weg miteinander gehen, sich miteinander demselben Werk widmen. Die gemeinsame Wendung nach außen ist Impuls und Kraft der gegenseitigen Zuwendung. Wenn in unserer Gesellschaft die Identität des einzelnen und die Kommunikation miteinander in Krise gera- [65] ten sind, so scheint das aufs erste dem zu widersprechen: Haben wir nicht geradezu einen Überdruck von Funktion, die uns nach außen preßt bis zur Entfremdung? Aber die Gegenfrage steht an: Ist der Leistungsdruck unserer Gesellschaft, ist der Zwang, gemeinsam den Apparat zu beheizen, der uns am Leben hält, nicht nur die Retorte sozialisierter Einsamkeit?

Gemeinsam dienen hingegen wäre der Weg, um von sich frei zu kommen, so aber zu sich und über sich hinaus zu kommen. Wo liegt der Unterschied? Doch wohl darin, daß man im Dienen auf die Bedürfnisse, auf die Erwartungen und Möglichkeiten eines anderen eingeht und sich selbst, sein Persönliches und Inneres davon herausfordern läßt. Gerade so kann es hervorkommen und sich entfalten, statt bloß Energie zu sein für die Abwicklung eines anonymen Programms. Selbstfindung und Begegnung hängen voneinander ab, und sie hängen davon ab, daß der Mensch dienen lernt. Das ist ein anthropologisches und zugleich ein zutiefst christliches und geistliches Postulat für die Erneuerung von Gesellschaft und Kirche. Zurecht fordert Misereor mehr als den Service unserer Spenden. Misereor braucht eine breitere Basis, braucht unser Interesse für jene, von denen wir unmittelbar nichts haben, die uns unmittelbar nichts nützen, braucht jene Horizonterweiterung, die uns freisetzt aus den Engführungen unserer Gesellschaft.

Damit aber hebt die Wirkung für uns selber, für Kirche und Gesellschaft in unserem eigenen Land an. Der Überschuß, den uns Misereor für die Partner in der Dritten Welt abverlangt, macht uns zugleich fähig zur Partnerschaft miteinander. Die Solidarität mit dritten führt zum Dialog mit dem zweiten, mit dem neben mir und läßt mich in diesem Dialog die Identität mit mir selber allererst entdecken.

Identität durch Dienst: diese Devise weist genauso die Richtung für die Identifikation mit uns selbst wie für die Identifikation mit der Kirche. Es wäre zu mitleidig und im letzten darum gerade nicht barmherzig, wollten wir das Angebot des Christseins und der Kirche nur anpassen, um es für jedermann verträglich zu machen. Die Methode Jesu jedenfalls lief anders. Er schenkte alles, sich selbst, wurde zum Diener aller – aber sein Geschenk wird nicht erkannt und nicht wirksam, wo es bloß als Konsumgut betrachtet wird. Er schenkt uns vielmehr, daß auch wir uns zu schenken, daß auch wir zu dienen lernen. Er will, daß wir uns von ihm die Füße waschen lassen, aber er sagt hinzu: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben“ und mutet uns das Neue Gebot zu, einander so zu lieben, in dem Maß also zu lieben, wie er uns geliebt hat (vgl. Joh 13).

[66] Natürlich muß sich zunächst jeder einzelne diese Bewußtseinsänderung gefallen lassen. In den ungezählten Beziehungen und Begegnungen, die seinen Alltag prägen, muß er als erster anfangen hinzuhören, sich beschenken zu lassen und zu beschenken. Doch nur dann kann Kirche insgesamt neu werden, wenn der Prozeß einer vielfältigen Zellenbildung in Gang kommt: Kirche nicht nur Weltkirche und nicht einmal nur Gemeinde, sondern Kirche überall dort, wo wir zu zweit und zu dritt zusammen sind in seinem Namen und er darum in unserer Mitte sein kann (vgl. Mt 18,20). Und das geht so, wie Misereor geht: Im Geben des Eigenen, um es neu zu empfangen, im Empfangen des anderen, um es in uns neu werden zu lassen.

Aber auch das Strukturproblem und Autoritätsproblem in der Kirche wird so gelöst. Es geht nicht darum, durch ein bißchen mehr oder weniger Druck die Autoritätsgrenzen nach oben oder unten, nach rechts oder links zu verschieben. Nein, Vollmacht ist Auslieferung und Mitverantwortung ist Auslieferung, Charisma ist Gabe, die nur dann nicht fault, wenn sie weitergegeben wird. Weder ein atomisierender Demokratismus noch ein vermassender Klerikalismus noch auch ein alles gelten lassender Indifferentismus, sondern die Communio schafft den neuen Stil.