Ehe und Familie in einer trinitarischen Anthropologie

II. Theologischer Zugang

Wechseln wir, das bislang am Phänomen Abgelesene von seinem theologischen Grund her angehend und es in ihm verankernd, die Weise unseres Vorgehens. Wir erzählen sozusagen die theologische Vorgeschichte von Ehe und Familie, sie in raschen Schritten durchlaufend.

  1. Am Anfang steht der dreifaltige Gott. In allem, was unser Glaube uns sagt, geht es um ihn. Alles nimmt von ihm seinen Ausgang, alles tendiert hin zu ihm, alles ist umfangen von seinem schaffenden, erlösenden, vollendenden Wirken. Wir verstehen die Offenbarung, aber auch die Welt und den Menschen nur, wenn wir sie in ihren trinitarischen Zusammenhang hineinrücken.

    Ganz knapp sei dieses begründet: Der Sohn, der uns Kunde bringt vom Vater und der aus unserem Fleisch im Heiligen Geist „Abba, Vater“ ruft, das ist der Ausgang unseres christlichen Glaubens und unserer christlichen Sicht auf Gott, den Menschen und die Welt. Dies ist das dreifaltige Gefüge: Der Sohn geht aus vom Vater und gibt sich und in sich alles ihm zurück im einen Heiligen Geist. Dies ist die Ankunft des dreifaltigen, innergöttlichen Urgeschehens in unserer Geschichte. Diese Geschichte selbst, die Welt, die Schöpfung hat solches dreifaltige Urgeschehen zur Voraussetzung. Nur weil Vater und Sohn im Geist eins sind, können sie sich frei überschreiten und in ungeschuldeter Huld die Welt sein lassen. Die Welt ist gerufen, sozusagen die Proportionen des dreifaltigen Geschehens, nun freilich im Gefälle zwischen Schöpfer und Geschöpf, zu wiederholen: sich selbst von Gott zu empfangen und gehorsam ihm zurückzugeben. Dabei ruft der Liebeswille Gottes diese Welt hinein in die Teilhabe am Leben Gottes selbst durch die Gnade.

    [25] Der vertikalen Beziehung, die in den trinitarischen Proportionen geschieht, entspricht die Konsistenz des Geschaffenen in sich selbst, welches in horizontaler Richtung je in sich und je im Ganzen die trinitarischen Proportionen spiegeln soll. Höhe und Inbegriff dieser Berufung ist die Berufung der Menschen zur gnadenhaften Einheit in Gott, in welcher durch die gegenseitige Liebe sich einer dem andern geben, sich einer dem andern verdanken und alle so den Raum fügen sollen, in welchem Gott selber nicht nur dem einzelnen, sondern der Gemeinschaft einwohnt. Dies ist das Ziel der Weltgeschichte, die himmlische Communio in Gott ist der Sinn der Schöpfung.

    Der Ungehorsam der Sünde zerbricht den gnadenhaften Nexus des Menschen mit dem Leben Gottes und der Menschen untereinander. Die Schuldgeschichte der Menschheit ist Geschichte des Ungehorsams gegen Gott, aber auch der Entfremdung des einen vom andern – man denke an die Geschichte von Kain und Abel und an jene der Verwirrung der Sprachen aufgrund des selbstherrlichen Aufbaus des Turmes von Babel. Gott aber läßt den Menschen nicht allein, sondern bietet ihm seinen Bund an. In diesem Bund will Gott die Geschichte der Treue und des Gehorsams, des Daseins füreinander zwischen ihm selber und seinem Volk wieder aufrichten als Sinnbild und Anfang einer neuen Menschheitsgeschichte. Der Bund hat notwendig die vertikale und die horizontale Dimension, die sich uns in den Zehn Geboten, im Bundesgesetz also, darstellt. Das wechselseitige Verhältnis zwischen Gott und dem Volk soll Maßstab für das Verhältnis der Glieder des Volkes zueinander sein.

    In der Geschichte des Bundes legt sich dem Menschen die Geschichte und das Wesen der Schöpfung aus, die sich als Ganze Gott verdankt und trotz des Bruches, der durch die Sünde in sie hineingekommen ist, nach der Sintflut unter dem Regenbogen des Friedens, der von Gott gewährten Beständigkeit und Ordnung steht.

    [26] Der mit dem Volk Israel geschlossene Bund wird immer neu durch den Menschen unterboten, im bloßen Gegenüber zu Gott vermag der Mensch nicht die trinitarischen Dimensionen seines Verhältnisses zu Gott und des Verhältnisses zu seinem Nächsten zu erfüllen.

    Die Lösung Gottes: Er sendet seinen eigenen Sohn, damit er am äußersten Ende der Schöpfung und der menschlichen Existenz, in der Verlassenheit von Tod und Schuld, die er auf sich nimmt, neu sein nunmehr alles umfassendes „Abba, Vater“ im Heiligen Geist spricht und aus der Todeshingabe im Heiligen Geist zu jenem neuen Leben, zu jenem neuen Anfang erweckt ist, welche die unseren sein sollen. In ihm sind alle Getrennten, sind alle Sünder, sind alle aus ihrem Verhältnis zu Gott und zueinander Gefallenen eins, in ihm ist es uns möglich, kraft seines Geistes so zu leben, daß wir wahrhaft eins miteinander sind und er selber in unserer Mitte sein kann. Wir dürfen „Abba, Vater“ mit dem Sohn im Geiste sprechen, wir dürfen einander so annehmen, wie der Herr uns angenommen hat, kraft des gelebten Neuen Gebotes soll zwischen uns jene Einheit wachsen, wie der Vater und der Sohn eins sind.

  2. Diese Geschichte ist Gottes und unsere Ehe- und Familiengeschichte. In der Erschaffung des Menschen ist das gegenseitige Verhältnis von Mann und Frau und ihre Offenheit in eine neue Generation grundgelegt als die Synthese jenes „horizontalen“ Bildes der Trinität, zu dem Schöpfung im Ganzen gerufen ist. Losgelöst von Gott, emanzipiert von ihm, ist dieses Bild getrübt und immer neuer Störung, ja Zerstörung preisgegeben. Gott selbst zieht nun diese Ehe- und Familiengeschichte an sich: Daß im Alten Testament immer wieder der Bund zwischen Jahwe und dem Volk uns vorgestellt wird als Ehebund, ist nicht nur ein zu diesem Bund nachträglicher Vergleich, sondern es ist die Rückbindung des Abbildes an das Urbild. Dieser Bund Gottes mit der Menschheit erfüllt sich, wird endgültig, erreicht seine äußerste Di-[27]mension in Jesus Christus. Die Schriften des Neuen Testamentes sprechen davon – dies braucht hier nicht belegt zu werden. In der Todeshingabe Jesu für die Menschheit an den Vater am Kreuz, in der Geburt einer neuen Menschheit aus dieser Hingabe wird der Mensch insgesamt, wird auch die Ehe des Menschen geheilt, wird Familie neu, sakramental begründet.

  3. Um aus den rasch skizzierten Linien den Rahmen für eine trinitarische Anthropologie zu fügen, braucht es eine Zwischenüberlegung, die anknüpft an der klassischen theologischen Lehre von den Appropriationen. Die Einheit Gottes ist, weil er als ein Gott in drei Personen existiert, nicht loser, sondern dichter, sie ist allein absolute Einheit. Der heilige Bonaventura hat zu diesem Punkt bis heute auch phänomenal unübertreffbare Bemerkungen in seinem „Hexaemeron“ geliefert (XI, 8). Die strikte Einheit des göttlichen Wesens wirkt sich aus in der Gemeinsamkeit aller Werke und Wirkungen Gottes ad extra. Zu dieser Einheit gehört es aber auch, daß an den opera ad extra jede Person als sie selbst ihren Anteil, besser das Ganze als ihren je eigenen Anteil hat. Den Werken, dem Geschaffenen, dem Seienden, allem, was ist, sofern es ist, prägt sich so der Stempel der Einheit auf. Das „unum“ ist eine der transzendentalen Bestimmungen des Seienden.

    Seine Einheit kommt dem Seienden, sofern es ist, aber nur zu in der Beziehung auf anderes, von dem her und auf das zu es ist, und in sich selber ist die Einheit Beziehung der ontischen Teile oder ontologischen Konstituentien, aus denen es als geschöpflich Eines zusammengesetzt ist. In den Wirkungen nach außen, die, wie gesagt, je allen drei Personen zu eigen sind, spiegeln sich doch – wenn auch nach der jeweiligen Perspektive in unterschiedlicher Lesart – die Positionen, die Entsprechungen zu den konstitutiven göttlichen Relationen: Eigenschaften, [28] Wirkungen Gottes werden den verschiedenen Personen appropriierbar, und solche Appropriationen – wiederum könnte die Bonaventuranische Theologie im ganzen als Kronzeuge herangezogen werden – sind alles eher als bloße fromme Spielerei. Dementsprechend spiegeln die für die Einheit des geschaffenen Seienden in sich und über sich hinaus konstitutiven Beziehungen, wenn auch in unterschiedlicher Richtung lesbar, die innertrinitarischen Beziehungen wider. Wie anders als von seinem Ursprung her sollte auch das Entsprungene gelesen werden, wo anders als in seinem Ursprung sollte das Urbild des Geschaffenen liegen?

    Nun aber wollen wir in zweifacher Richtung das trinitarische Grundgeschehen zur Sprache bringen, um Seiendes allgemein und das Humanum insbesondere als Spiegel dreifaltigen Lebens aufzuhellen.

    Im 6. Kapitel seines „itinerarium“ versucht der heilige Bonaventura sich an das Geheimnis des dreifaltigen Gottes heranzutasten, indem er seinen Ausgang nimmt von der klassischen Bestimmung des Guten: bonum diffusivum sui. Die radikale und in sich selbst vollendete Selbstmitteilung Gottes geschieht dadurch, daß er nicht einsam bleibt und nicht zweisam bleibt. Göttliches Sein ist reine Ursprungsmacht. Ursprungsmacht aber ist erst dort absolut, wo sie in sich selbst alles das, was in ihr ist, als Ursprung wiederholt: Unbedingter personaler Ursprung setzt in sich den ebenso unbedingten personalen Mitursprung und in der einen, den Ursprung und Mitursprung absolut gleichen – also ebenfalls göttlichen, ursprunghaften, personalen – Gabe des Ursprungs an seinen Mitursprung und des Mitursprungs an seinen Ursprung, im Band der dritten göttlichen Person, vollendet sich solches Ursprungsgeschehen. Gerade die dritte Person ist entscheidend dafür, dieses Ursprungsgeschehen ganz und als Geschehen der absoluten Gutheit Gottes zu verstehen. Liebe, die nur ihren ihr gleichen Partner will und nicht mit ihm sich über ihn hinaus [29] öffnet, ist nicht jene Liebe, die sich ganz läßt und so gerade in sich, als Liebe, vollendet (vgl. dazu auch Hexaemeron XI, 12). Solche in sich radikal offene und darin in sich selbst abgeschlossene, vollendete Ursprungsmacht, Gutheit und Liebe ist zugleich frei, sich über sich selbst hinaus in ungeschuldeter, un-notwendiger Weise mitzuteilen, also anderes zu schaffen, sich anderem zu offenbaren, sich selbst seinshaft anderem mitzuteilen, ins andere einzugehen.

    Können die Eigentümlichkeiten der drei Personen, die allein durch die sie voneinander abhebenden Relationen konstituiert sind, als Bestimmungen verdeutlicht werden? Dies gewiß im strengen Sinn nur, sofern solche Bestimmungen nichts anderes ausdrücken als eben diese Relationen. Der Vater drückt die eine und unteilbare Gottheit aus auf die Weise der Anfänglichkeit, die von keinem anderen Anfang her ist, des reinen Aufbruchs, jener liebenden Freiheit, die nichts anderes ist als Aufgang über sich selbst hinaus. Im Sohn ist genau dasselbe – gefaßt, angekommen, geborgen, gesetzt: Sohn, Wort, Bild, Gestalt. Und im Geist lebt wiederum die eine, unteilbare Gottheit als in sich selber Gabe und Band.

    Es genügt nun nicht, nur die Entsprechung zwischen der dreifaltigen Selbstmitteilung Gottes und jener doppelten Offenheit des menschlichen Grundaktes, der Ehe und Familie konstituiert, festzustellen, und es genügt auch nicht, die drei Momente des menschlichen Selbstvollzugs (Selbstsein, Gegebensein, Mitsein) und die drei Grundcharaktere menschlichen Aktes (Setzen, Gestalten, Verbinden) ins Licht des dreifaltigen Urgeschehens zu rücken. Wir müssen eines noch hinzubemerken: Der Seinsakt eines jeden Seienden kann in sich und über sich hinaus nicht anders als in solchem Rhythmus geschehen, das Seiende kann ohne solche dreifache Prägung nicht sein. Der Akt und die Prägung des Seins des Seienden sind durch die Geschöpflichkeit, durch die Kontin-[30]genz in ein anderes Gefälle und in eine Vielfalt der möglichen Perspektiven hineingerückt, doch es muß als konstitutiv gelten: Seiendes ist, indem es eben – ist: Aufbruch, Setzung, Unterscheidung vom Nicht. Darin aber geht es hinein in seine Faßbarkeit, in seine Gestalt, in seine Erscheinung, in welcher es gegeben ist. Nur in der Einheit von Sein und Erscheinen, nur in der Entsprechung zwischen Seinsakt und Wesenswort ist es in sich und bringt es sich zugleich über sich selbst hinaus ins Ganze ein. Im Seienden selbst sind die Merkmale und Grundakte in der Weise und dem Maße der jeweiligen Seinsqualität gegeben – und dieselben Proportionen und Merkmale tragen sich in die Beziehungen zwischen den Seienden ein.

    Diese Beziehungen nun erreichen sich selbst, werden als solche hell und vollzogen, wo eben das Sein über die Vorhandenheit hinausreicht in den Bereich des Geistigen, Personalen. Der unüberwindbare Unterschied: Die Einheit von Existenz und Wesen, damit aber die Dreipersonalität des Insichseins und die absolute Einheit des Wesens in der personalen Selbstmitteilung widersprechen der Grundkonstitution geschöpflichen Seins, sie sind allein Kennzeichen des absoluten, göttlichen Seins. Nichtsdestoweniger stehen sowohl das Selbstsein der einzelnen geschaffenen Person wie das Mitsein von geschaffenen Personen unter diesem Maß. Die vom Phänomen des menschlichen Aktes und des Grundaktes der Geschlechtlichkeit abgelesenen und abgeleiteten Strukturen haben ihre letzte Verankerung im dreifaltigen göttlichen Sein und sind von ihm her umgriffen und erhellt.

  4. Wo der dreifaltige Gott sich selber mitteilt und wo Menschen sich selber und ihr Mitsein ins Licht und Leben des dreifaltigen Gottes, in seine Gnade hineinhalten, da gewinnen die phänomenologisch gewonnenen Bestimmungen, die mit dem Sein als solchem verbundenen Maße eine neue Plausibilität und Kraft.

    [31] Bereits im „Vorhof“ der Offenbarung des Dreifaltigen, bereits in der Geschichte Israels, die auf die Heilung des Bruches der Welt- und Menschheitsgeschichte, der durch die Sünde eintrat, und auf die neue Einung der Menschheit im Glauben an den lebendigen Gott hinzielt, verstärken sich die gezeichneten Strukturmomente: Jahwe ist der Gott, der immer neu da sein wird (vgl. Ex 3,14), der immer neu aufbrechen wird zu seinem Volk hin und den neuen Aufbruch des Glaubens, das immer neue Wagnis in eine menschlich dunkle Zukunft hinein auf sein Wort hin fordert, eröffnet und trägt. Seine Treue, sein Bund, seine Ordnung, seine Verheißung sind die Gegebenheiten, die mehr als alle anderen, als alles äußerlich Berechenbare und Feststellbare die Geschichte, die Existenz Israels tragen. Und in solchem Bund gibt es nur eines: Mitsein mit dem lebendigen Gott und Mitsein miteinander in der Offenheit für Gottes je neue Zukunft. Wort, Antwort und Aufbruch mit Gott in die je neue Generation, in die je von ihm her sich schenkende Zukunft – so wird Israels Geschichte zum gelebten Ehebund.

    Dort aber, wo von unserem Leben, von unserem Sterben, von den Abgründen unserer Gottesferne aus der Sohn dem Vater sein Jawort gibt und dort in der Auferweckung des Vaters Jawort uns weitersagt, da wird das Grundgeschehen von Ehe und Familie in der Tat zum Inbegriff und zur lebendigen Zelle dessen, was Kirche heißt: im Bild des Dreifaltigen geeintes Volk Gottes. Was über Einheit und Treue, was über Vollzug und Verzicht, was über die vielfältige Wahl der Zeit, was über den sich selbst übersteigenden Mut zur gemeinsamen Zukunft im Kind gesagt wurde, das wird transparent für jenes Leben Gottes, das wir in unserem Leben, das wir in unserem Einssein miteinander sakramental wiederholen, abbilden, bezeugen und in der Weggestalt des Irdischen vorwegnehmen dürfen.

    [32] Hier holen wir eine eingangs gemachte Bemerkung wieder ein: Auf eine theoretische Begründung und Ableitung der in unserer Welt oft so befremdlich wirkenden christlichen Lehre von Ehe und Familie können wir nicht verzichten. Die theoretische Aufarbeitung der Probleme allein aber gewinnt ihre lebendige Überzeugungskraft nicht, wo nicht das Zeugnis des Lebens von innen her die Plausibilität der christlichen Botschaft dartut. Dieser Satz aber bedeutet nicht sozusagen eine theologische Resignation, sondern er hat selber einen theologischen Grund: Die theoretische Aufarbeitung zeigt die Parallele zwischen göttlichem und menschlichem Maß. Die Phänomenologie erschließt das Vokabular menschlichen Daseins, die Theologie entdeckt es als trinitarisch. Aber nur der Mitvollzug mit dem uns eröffneten Leben des dreifaltigen Gottes macht diesen und uns „sprechend“ in unserem Leben. Das dreifaltige Leben Gottes, das je größer ist als unser Begreifen, ist der Raum, in den wir hineingetauft sind. Nur wenn wir die dreifaltige Beziehung, die in Jesus Christus unser Lebensraum geworden ist, liebend mitleben, läßt sich ahnend und anfanghaft erfahren, daß Leben im Maß der Dreifaltigkeit das ganz erfüllte menschliche Leben ist. Dadurch, daß Einssein zwischen uns wie zwischen dem Vater und dem Sohn geschieht, soll die Welt zum Glauben kommen (vgl. Joh 17, 21–23). Diese Berufung der Ecclesia ist Berufung der Ecclesiola Familie.