Gemeinschaft des Zeugnisses

Institution in der Zeit der Kirche

Die Aufgabe der Kirche ist es, die endgültige Unmittelbarkeit Gottes zu den Menschen und der Menschen zueinander in Gott vorzubereiten, zu bezeichnen und zu vermitteln. In dieser ihrer Aufgabe ist die Spannung zu ihrer Erfüllung mit ausgesagt, diese Spannung auf die Erfüllung [135] bedeutet aber zugleich „Spanne“, Spannung bis zur Erfüllung, bedeutet Zeit. Die Kirche hat es wesenhaft mit der Zeit zu tun. Die Zeit der Kirche nun hat ihre eigene Qualität, ihr eigenes Gepräge: sie ist Zeit, in welcher sich das Entscheidende, Endgültige zeitigt; es zeitigt sich in dieser Zeit aber so, daß es sich ihr auch noch vorenthält. Zeitigung des Heiles und Vorenthalt des Heiles in einem bezeichnen die Spannung der Zeit der Kirche. Zeit der Kirche ist so immer Zeit innergeschichtlicher Vorgänge, zugleich aber Zeit, in welcher Sinn und Ende des Geschichtlichen und somit jenes, was, ihm entzogen, es erst gewährt, zugleich aufbrechen.

Das hat für jene Elemente, aus welchen das Leben der Kirche sich bildet, seine Folgen: In der Kirche begegnen wir auf der einen Seite der Zusage Gottes, die er unwiderruflich bereits gegeben hat, dem Wirken Gottes, das hoheitlich und endgültig gewährt ist und nicht mehr durch das Nein und die Labilität der Menschen und ihrer Antwort zurückgerufen werden kann. Wir begegnen auf der anderen Seite aber ebenso diesem Wort Gottes und Wirken Gottes doch je nur in seiner Übersetzung ins menschliche Wort und Tun hinein, in denen ihre geschichtliche Gestalt vom menschlichen Vollzug abhängig, „wehrlos“ ihm ausgesetzt, von ihm mitgeprägt ist. Unverfügbares, Gabe von Gott her, und Unabsehbares, Antwort vom Menschen her, sind im Geflecht der Kirche, dessen, was sie verkündet, tut, ist, nicht voneinander zu trennen. So ist die Zeit der Kirche „feste“ Zeit, Zeit, die gefestet ist in der bleibenden Treue Gottes, Zeit, die durch kein menschliches Ereignis außer Kraft zu setzen ist, und sie ist ebenso unabdingbar je auch Zeit des Menschen, seiner Antwort an Gott, Zeit eben des Bundes, der neu und ewig und zugleich je menschlich und in seinen Geschicken wandelbar besteht und geht.

[136] Dieser Bund bewirkt, daß nicht nur der menschliche Anteil an der Kirche die Züge der Geschichtlichkeit trägt, so daß dem Menschlich-Geschichtlichen das ewig Göttliche gegenüberstände; Gott selbst ist jener, der, sich offenbarend, sich mitteilend, den Bund schließend, von sich her je sich „zeitigt“, sich also hineinbegibt in das Geschick des verschiedenen Ankommens und Angenommenwerdens, er mutet seinem eigenen Anteil am Bund die Geschichtlichkeit im menschlichen Vernehmen und in der menschlichen Antwort zu.

Die zeitlichen Dimensionen der Kirche sind nicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Sinne einer bloßen Verlaufszeit; sie sind vielmehr das Weiterwähren des unveräußerlichen Anfangs im Vergehen der Zeit, der Einbruch des entzogen erst Kommenden in das verbergende und doch gewährende Jetzt, schließlich der Ineinsfall des bewahrenden Gedächtnisses und der ausgreifenden Hoffnung im Ereignis der je neuen Gegenwart. Gedächtnis, Hoffnung und Ereignis spielen ineinander, und dieses Ineinanderspiel eben ist die „Zeit der Kirche“1.

Von hierher fällt Licht auf den Sinn, auf die Begrenztheit und auf die Pluralität kirchlicher Strukturen, institutioneller Elemente an der Kirche. Es sei zunächst am beispielhaften Feld menschlicher Beziehungen erläutert: Das Ereignis, das unabsehbare, unherleitbare Geschehen des großen „Augenblicks“ der Beziehung läßt sich nicht institutionell fassen und in fixe Bahnen leiten. Gleichwohl ist es immer wieder der Ursprung von etwas wie „Institution“. Der „Augenblick des Ereignisses“ widerstreitet von seinem [137] Wesen her dem „Augenblick der Flüchtigkeit“, dem Augenblick der bloßen Verlaufszeit. Dennoch ist er nur in solchem Augenblick gegeben. Der „Überhang“ des qualitativen Augenblicks über den punktuellen führt nun dazu, daß der große Augenblick sich als denkwürdig verwahrt, um im Verlauf der Verlaufszeit weiterzuwähren. So aber schlägt er um in die Treue des Gedenkens, mehr noch: des gemeinsamen Weges, der seine Gangart und seine Festigkeit aus dem erhält, was war, aber so war, daß es nicht nur war, sondern ist. Es ist aber nur, wenn es nicht nur gewesen ist, sondern wenn sein „Gewesen“ je neue Möglichkeiten im unabsehbaren Weitergehen eröffnet und entbirgt, wenn also der gründende Anfang zugleich als vom bloßen Weitergehen unerschöpfte Hoffnung wiederkehrt, wenn zwischen gedenkendem Verwahrtsein und hoffendem Ausblick sich je neues und so gerade je selbiges Jetzt schenkt als die gültige Wiederkehr des großen Augenblicks, Wiederkehr, die ihn indessen nur dadurch wiederholt, daß er je neuer Augenblick wird. Was bei seinem Einbruch das „Neue“ war, kann es nur bleiben, wenn es selbst stets neu wird, sich schenkt. Beziehung, die nur ihren Anfang konservierte und äußerlich repetierte, wäre, vom Anfang an, bereits tot. Beziehung, die ihren Anfang nur vergäße, die nur von ihm wegginge, hätte sich von Anfang an aufgegeben. Beziehung geht von ihrem Anfang weg auf ihren Anfang zu im stets neuen Anfang, mag dieser auch einmal in den Durststrecken der scheinbar bloßen Treue und bloßen Hoffnung verschattet sein; gerade diese Verschattung vermag aber neue Tiefen und Gründe in ihr zu entbergen, so daß solche bloße Treue und Hoffnung zum neuen Ereignis desselben zu werden vermögen.

Der Übertrag des so in seiner schematischen Figur am Geschick menschlicher Beziehung Abgelesenen auf das [138] zeithafte Geschick der Kirche, das zwischen ihrem Herrn und ihr und zugleich zwischen den Gliedern ihrer Gemeinschaft im Herrn sich zuträgt, fällt nicht schwer. Der Sinn des Lebens der Kirche ist, die Zeit „nach“ ihrem Ursprung im stiftenden Willen des Herrn in diesen Ursprung zurück- und hineinzutragen, ist also die Bergung aller Zeit in die Zeit Gottes, die in Jesus angebrochen ist. Der Sinn des Lebens der Kirche ist zugleich die Orientierung aller Menschenzeit durch die Zeit der Kirche auf das Kommen des Herrn zu, in welchem alle Zeit als angenommen, geliebt und verwandelt in Jesu Tod und Auferweckung offenbar wird. Der Sinn des Lebens der Kirche ist so zugleich Gedächtnis und Hoffnung, Gedächtnis und Hoffnung als Verweis zwar auf äußerlich Entzogenes, Verweis aber, der dieses Entzogene dennoch zum je jetzigen Ereignis für die Zeit der Welt und in ihr bringt. Dieser dreifach-eine Sinn des Lebens der Kirche erfordert Institution, geht aber nicht in ihr auf, wie menschliche Gemeinschaft, um zeithaft zu „dauern“, sich institutionalisiert und doch nie durch solche Institutionalisierung allein lebendig bleibt. Ein Unterschied ist allerdings wesentlich: Das Menschen aneinanderbindende Ereignis hat immer die labile menschliche Freiheit, die Endlichkeit der Partner zur Voraussetzung, das absolute Moment des Bindenden dieses Ereignisses ist eingebettet in die Begrenztheit derer, zwischen denen es sich begibt. Das Ereignis hingegen, welches durch die Kirche weiterwährt und sich weitergewährt in die Zeit, ist Gottes Tat und reißt von daher auch seinen Anspruch und seine Verheißung des Währens über die Fraglichkeit menschlicher Antwort und ihrer endlichen Bedingungen hinaus. So eignet auch der Institution, in welcher das Ja Gottes zur Welt fortdauert in die Welt hinein, das Element des Unantastbaren und Unabdingbaren. Durchaus zwar [139] den Zufälligkeiten menschlichen Versagens und menschlicher Endlichkeit ausgesetzt, ist die Institution der Kirche und das, was in ihr ihren Bestand gewährleistet, doch in der Treue Gottes selbst aufbewahrt und gefestet.

Doch nun zu den Elementen des Institutionellen, die aus der eigentümlichen Zeitlichkeit der Kirche sich ergeben: Die Mitte des Lebens der Kirche ist dieses Leben selbst, in welchem die Unmittelbarkeit Gottes sich in der Unmittelbarkeit der Glieder zueinander bekundet, ereignet und für die Welt erschließt; es ist das Ereignis der Liebe und der Einheit, die Jesu Gebot und Fürbitte beim Abschied der Kirche als Maß gesetzt hat. Diese Einheit und Liebe sind beständige Anforderung der Freiheit derer, welche die Kirche sind; sie werden nur in dem Ausmaß Leuchtkraft und Wirksamkeit erhalten, als diese ihr Dasein dahinein verzehren, daß die Liebe Jesu sich inmitten der Zeit ereignet. Sie ereignet sich aber nie nur aus dem Bemühen und Wollen der Liebenden allein, sondern ist immer zuerst und zuhöchst, nicht neben ihrer Freiheit, sondern gerade in ihr, Gabe, Geschenk des Geistes Jesu. Alle Gaben des Geistes, so tut das Neue Testament deutlich dar (vgl. bei 1 Kor 12,13), meinen zuletzt diese Liebe und vollenden sich allein in ihr. Das Ereignis der Liebe als die Mitte des Lebens der Kirche geschieht indessen nicht als weltabseitiges Idyll, nicht jenseits der Geschichte, sondern mitten in ihr. So aber ist es auf den selbst geschichtlichen und konkreten Kontakt mit dem Ereignis der Liebe Gottes in Jesus, das einmal, an einer bestimmten Stelle der Geschichte, sich begab, angewiesen und ist des weiteren darauf angewiesen, Gestalt zu werden, die als Zeichen der Hoffnung aufgerichtet und erhalten bleibt über die Zeiten hinweg. Das aber heißt: dieses Ereignis der je gegenwärtigen, unabsehbaren Nähe Jesu in der Gemeinschaft [140] der sich Liebenden ist angewiesen auf die Strukturen, welche lebendig und verbindlich Gedächtnis und Hoffnung, so aber Ordnung in die Gemeinschaft einbringen und ihr die Identität mit Ursprung und Ziel ihres geschichtlichen Weges gewährleisten.

Der Sinn des kirchlichen Amtes geht also auf. Seine Aufgabe ist es, über den Abschied des Herrn hinweg und alsdann über den Tod der Apostel hinweg auf das Kommen Christi am Ende zu durch die Zeit hin das Erbe des Herrn weiterzugeben und zu bewahren, damit es zu jeder Zeit dasselbe bleibe, zugleich aber bei jeder Zeit neu ankomme, alle Zeiten und alle Menschen in den Zeiten erreiche. Das Amt ist so die lebendige traditio Christi, die bewahrende Weitergabe und zugleich Hingabe Jesu in die Zeit und an die Zeit. Dieser ebenso „konservative“ wie „progressive“ Wesenszug des Amtes, der die unveränderte Fülle und Reinheit des von Jesus Anvertrauten ebenso bewahrt wie die Dynamik dieses Anvertrauten, immer neu sich zu übersetzen, stellt die eine Komponente im Sinn des Amtes dar. Die andere, mit ihr unlöslich verbundene, läßt sich umschreiben: Das Amt ist Hüter der Hoffnung. Was meint das? „Bis er kommt“ (1 Kor 11,26), die Hinaussicht aufs Ende setzt dem Amt nicht nur seine Grenze, sondern auch sein Maß. Es soll die Wege der Kirche hinaus- und weiterführen auf dieses Ende zu, soll den Wegen der Kirche die Hoffnung gewährleisten, indem es darauf besteht, das aufzeigt, dem alles zuordnet, worauf es ankommt. Das „Ereignis“ je jetzigen Lebens muß seine Orientierung bewahren, diese Orientierung aber gewährt der Fülle des Lebens die Ordnung, läßt das Leben zur Gestalt gerinnen, welche der Welt zum Zeichen und Wegweiser der Hoffnung wird. Indem aber das Amt alles in der Kirche dem Einen, der kommt, zuordnet, ordnet es alles und alle in [141] der Kirche gerade einander zu, ordnet es alle hinein in jenen Frieden, durch welchen die Kirche der Welt das Zeichen der Einheit und so der Hoffnung auf das kommende Reich gibt.

Aus dieser Funktion des Amtes, Anfang und Ende bewahrend, übersetzend, ordnend einzubringen ins Ereignis des gegenwärtigen Lebens der Kirche, ergibt sich aber auch dies: Das Amt ist zwar unveräußerliches, vom Ursprung gegebenes, aber nicht einziges Lebensprinzip der Beziehungen, in welchen das Leben der Kirche besteht. Der Herr vermittelt sich, sein einmal gegebenes Wort und seine einmal gegebene Zusage, zwar durch das Amt in die Zeit der Kirche hinein, er vermittelt sich aber zugleich durch die unabsehbare Unmittelbarkeit seines Geistes, der auch in der Kirche weht, wo er will. Es gibt so eine dreifache Wachsamkeit auf den Herrn: die Wachsamkeit auf sein durch nichts zu verstellendes und zu überdeckendes Gekommensein, das neu ankommen will in jede Zeit; die Wachsamkeit auf die Stunde seines vollendeten Kommens am Ende; aber auch die Wachsamkeit auf sein Kommen im Geist, das zu jeder Stunde und an jeder Stelle sich schenken kann. Gewiß ist es Aufgabe des Amtes, die Geister zu prüfen.2 Der Geist, der jetzt und irgendwo kommt, kann keinen andern Herrn und keinen andern Geist bezeugen als den, der schon gekommen ist. Doch gerade dieses prüfende Gewähren der Einheit des Geistes unterscheidet sich von einem „Verfügen“ des Geistes: Als den Geist prüfend erweist das Amt sich als hörend auf den Geist, nur ein hörendes Amt kann auch ein wahrhaft prüfendes sein.

Dieses unversehene, je neue Kommen des Geistes im Leben der Kirche, in dem, was in ihrer Gemeinschaft der Liebe jetzt und allenthalben geschieht, scheint dem Institu- [142] tionellen an der Kirche das innere Ende zu setzen. Auf diesen Anschein muß mit einem Ja und mit einem Nein geantwortet werden. Mit einem Ja durchaus dann, wenn man Institution als positive oder negative „Sicherung“ der Gaben des Geistes versteht. Das Amt und die vielen Gaben, die andere als amtliche Funktion haben, sind gemeinsam Gaben desselben Geistes. Die Eigenart und Eigenständigkeit der – negativ gesagt – nicht-amtlichen Gaben des Geistes würde ebenso ausgelöscht, wollte man sie der Initiative des kirchlichen Amtes als dessen Ausfluß einfachhin einordnen, oder wollte man diese Gaben selbst in ein Neben- oder Gegenamt verfassen. Klerikalismus von rechts und von links widersprechen ebenso der Fülle des Geistes in der Kirche. Und doch ist die Unverfügbarkeit und Wehrlosigkeit des charismatischen Aufbruchs nicht das Letzte und Einzige, was hier zu sagen ist. Wie das Amt aus Sendung und Stiftung bleibende Struktur und in deren zeitlicher Anwendung doch ein geschichtliches Erscheinungsbild zeigt, so eignet den Gaben des Geistes, die sich in der Unmittelbarkeit des Lebens der Glieder der Kirche mit Gott und miteinander ändern, nicht nur das Gesetz des Neuen und Anderen, sondern auch eine bleibende innere Struktur: Immer gilt, daß der Herr eine besondere Weise seiner Nähe an das Versammeltsein der Jünger in seinem Namen geknüpft hat (vgl. Mt 18,20); immer gilt, daß er uns gerade im Letzten und Ärmsten der Brüder begegnen will und etwas zu sagen hat (Mt 25,40); immer gilt, daß jede Gabe zur Auferbauung des Leibes gegeben ist.

Aus solchen, nur auswahlweise herausgegriffenen, bleibenden strukturellen Elementen des Lebens Jesu in der Kirche, das nicht im Amt erschöpft und vom Amt allein zu regeln ist, kann freilich nicht eine institutionelle Glie- [143] derung dieses nichtamtlichen Lebens abgeleitet werden. Gleichwohl bezeichnen solche bleibenden Grundverhältnisse oder -strukturen einen Anhalt für Institutionelles. Wo nämlich die Gesellschaft und entsprechend auch das Geflecht der Beziehungen in der Kirche so komplex und zugleich großräumig werden, daß eine innere Überschaubarkeit dessen, was in der Kirche geschieht, nicht mehr unmittelbar gewährleistet ist, wird es notwendig, helfende und vermittelnde Strukturen zu planen. Gemeinschaften und Gruppen, die durch ihr geistliches Miteinandersein einen besonderen Ruf und eine besondere Wirksamkeit des Geistes Jesu erfahren – wir denken zum Beispiel an die Orden –, haben schon immer ihrem Zusammenschluß eine innere Ordnung gegeben. Auch der Dienst an der Not und somit an Jesus in den letzten seiner Brüder hat bereits von Anfang an zu Formen der organisierten Hilfe gedrängt. Die Vielfalt der Gaben und Aufgaben im gesellschaftlichen Leben der Kirche führt des weiteren zu Möglichkeiten des Institutionellen, in welchen eine kooperative und beratende Partnerschaft für das Amt und mit dem Amt und somit ein Hineinreichen ins Gesamt der Kirche ausdrücklich werden.

Gerade das Erfordernis, den Dienst am Ganzen der Kirche im Kontakt mit diesem Ganzen wirksam für Kirche und Welt zu gestalten, hat das kirchliche Amt heute dazu geführt, Gremien und Gemeinsamkeit mit allen Gruppen und Ständen der Kirche zu schaffen, in welchen das vorbereitet und angewendet werden kann, was der eine Inhalt und Sinn aller Gaben des Geistes in der Kirche ist: die Einheit in der Liebe, welche die Kirche zum Zeichen und zur lebendigen Gegenwart des Herrn für die Welt macht.

Wir haben so den zu Eingang knapp gezeichneten Befund des Wandels im kirchlichen Institutionswesen wieder- [144] um eingeholt. Das Entscheidende, was sich gewandelt hat und wandeln muß, ist nicht mit organisatorischen Maßnahmen abzutun, so wenig diese damit überflüssig, ersetzbar, nur zweitrangig wären. Das Entscheidende ist der Aufbruch aller Strukturen und alles Institutionellen in der Kirche für den je neuen und je selben Dienst an der Einheit aller miteinander, aller mit dem Herrn und so gerade mit der Welt, für welche sich der Herr hingegeben hat. Dieser Dienst läßt alles an amtlichen wie nichtamtlichen Strukturen und Institutionen nur als „medial“ und „ironisch“ erscheinen, was es unveräußerlich oder geschichtlich wandelbar in der Kirche gibt. Gerade dieser „mediale“ und „ironische“ Charakter hilft aber auch, wird er nur deutlich gesehen, die Scheu zu überwinden, die viele heute vor dem Institutionellen in der Kirche tragen. Diese Scheu ist gut beraten, wenn sie Scheu ist vor einem Haben, Besitzen, gesicherten Sich-Durchsetzen; schlecht beraten aber ist sie dann, wenn sie Scheu wäre vor der Niedrigkeit, Endlichkeit und Vorläufigkeit des Geschichtlichen. Aller Mut zur Geschichtlichkeit muß unter Christen aber sein Mut zur Welt und Mut zueinander, dann ist er Mut zum Geist des Herrn.


  1. Dieser Ausdruck spielt bewußt an auf den Titel des Buches von Heinrich Schlier „Die Zeit der Kirche“, Freiburg i. Br. 1956. Schlier sagt, nicht nur hier, Wegweisendes zur Zeitlichkeit der Kirche und der Offenbarung selbst. ↩︎

  2. Lumen Gentium 12. ↩︎