Der Begriff des Heils

Integration des Unheils

Kehren wir noch einmal zurück zur Differenz gegenwärtigen Bewußtseins gegenüber dem Heilsbegriff. Die Restitution der gewohnten Bestimmungen des Heils und die Restitution der Struktur des Daseins als Struktur, die auf Heil zu tendiert, sowie die Transposition dieser Struktur in phänomenale Grundzüge des Heils, die ihrerseits sich in Grundzüge der Offenbarkeit dessen umwenden, der uns sagt: Euer Heil bin ich! – dies alles läßt im gegenwärtigen Bewußtsein gleichwohl den Verdacht zurück, daß der Nerv seiner Anfrage nicht getroffen sei. Die strukturelle Übereinstimmung zwischen dem menschlichen Dasein, wie es heutiges Denken und Erwarten artikulieren, und dem in der christlichen Tradition angebotenen Heilsverständnis droht eine Erfahrung außer sich gelassen zu haben. Es ist die Erfahrung von Unheil, von Sinnlosem, von Schutt, der durch menschheitliche Evolution ebenso wenig integriert wird wie durch die Aufhebung ins Übernatürliche. Da sind nicht einmal nur die schrecklichen Erfahrungen, sondern gerade auch jene, die weder schrecklich noch köstlich sind, die einfach herumliegen als die schwergewichtige Masse des Alltäglichen, Notwendigen, Ablaufenden. Das ist das Leben, und zu Ursprünglichkeit, Integration, Verwandlung hat das alles fürs erste herzlich wenig Bezug. Es ist, wie es ist. Heil scheint deswegen unaktuell, weil es nicht geeignet ist, Unheil oder Un-Heil zu integrieren. Neue Schöpfung findet doch nur nebenan, nur in einem Bezirk innerhalb des Lebens oder neben dem Leben, aber nicht im Leben als ganzem und solchem statt.

Die Antwort hierauf kann nur die frontal-christliche sein; sie hat keine phänomenalen Anlässe im Dasein als solchem. Die Antwort ist das Leben Jesu, das sich selbst im Glauben als ein unser Leben teilendes, es mittragendes und mitlebendes zu verstehen gibt. Integrative Kraft eignet einer solchen Kommunion, die Jesus mit unserem Leben eingeht, freilich nur, wenn es nicht nur dieser Einzelne ist, der als einer unter Unzähligen etwas mitmacht, was alle mitmachen. Heil, Integration des Un-Heils bedeutet das Mitleben Jesu mit uns allein, wenn es Leben des Ursprungs schlechthin, wenn es Inkarnation ist.

Doch noch mehr müßte geschehen, wenn in solchem Mitleben mit uns wirklich alles integriert sein soll, was in der Fluchtrichtung menschlichen Lebens vom Heil weg liegt. Die Entzogenheit der alles gewährenden Gunst selbst, unsere Ferne von Gott, ja selbst die „Ohnmacht Gottes“ über unser Dasein [229] bedürfen der Integration. Als diese Integration aber weiß der Glaube die Passion, weiß er die Angst Jesu im Ölgarten, die den Kelch des Vaters nicht mehr mag, weiß er vor allem und zutiefst die Gottverlassenheit Jesu am Kreuz, den Schrei, der aus der totalen Leere kommt, in welcher aller „Schutt“ der Geschichte und alle Leere menschlichen Daseins kommuniziert sind. Hier, im Gang des Sohnes in die „Hölle“, in der äußersten Entfremdung vom Vater ist alles Unheil und alles, was nicht aufgeht, integriert und darin verwandelt in communio mit Gott und miteinander. Die Entfremdung, in welcher der Mensch abgeschnitten ist von sich selbst, von seiner Ursprünglichkeit, abgeschnitten von seiner Welt, abgeschnitten von der sie und ihn und sich selbst ihm gewährenden Gunst, wird dahinein umgewendet, daß sie „Möglichkeit“, Raum wird, in dem der unbedingte Ursprung sich öffnet, in dem er sein Ja und Du zum Menschen wiederholt. Darin wird von Grund auf „alles anders“. Es geschieht Verwandlung, es geschieht ein neues und ewig anderes Mal des Menschen und der Welt. Alles wird neu, neue Schöpfung. Im Sohn, in seinem mit uns mitgelebten Leben und mitgestorbenen Tod bricht so die Chance einer radikalsten menschlichen Ursprünglichkeit auf, die aus dem eigenen Nichts heraus Du zum Vater und zu allen sagt und so gerade Gottes eigene Anfänglichkeit in einem neuen Mal des Lebens wiederholt: neue Schöpfung, vollzogen von Christus, mitvollzogen von dem, der sie an sich widerfahren läßt, der sich nicht nur hineintauchen läßt in Tod und Auferstehung Jesu, sondern sie „anzieht“, sie mittut als sein neues Leben. Das Nichts der Gottverlassenheit Jesu am Kreuz, seines Ganges zur Hölle ist das alles in sich bergende Nichts, aus dem diese neue Schöpfung geschieht. Sie geschieht auf fundamentale Weise „genauso“, wie dies sich uns im Ineinsfall von Immanenz und Transzendenz schon zeigte: Der Sohn sagt das alles Nichts einbegreifende, grundlos und ungestützt auf den Vater zugehende Ja seiner Ursprünglichkeit und dieses Ja ist, ein selbes und doch radikal anderes Mal, das Ja des Vaters zu ihm und zu allem, was in ihm nichts ist. In der Radikalität der „Passion“ wird Jesus der Täter der neuen Schöpfung, der Schöpfung derer, die, indem sie diese Schöpfung mittun, sie erfahren, sie empfangen. Das Kreuz ist der Ursprungsort der fundamentalsten menschlichen Freiheit, Aktivität, Ursprünglichkeit. In der Unableitbarkeit und Positivität der Passion Jesu wird unser phänomenologischer Gedanke des Heils erst „wahr“.

Das Heil ist die neue Schöpfung aus dem Tod Jesu. Sie hat dieselben Dimensionen, seit sie in Jesus begonnen und in seinem Geist sich anfänglich bezeugt hat: Vergebung der Schuld, ewiges Leben, totale Gemeinschaft. Doch diese Dimensionen zeigen sich heute noch reicher und tiefer, indem sie bedroht, in Frage gestellt scheinen. Nicht nur der Tod, sondern auch die ungezählten Sackgassen des nicht mehr über sich selbst hinaus offenen Jetzt sind in der Erweckung Jesu hineingenommen in neues Leben. Nicht nur die Schuld, die sich als solche weiß, sondern auch die vielfältige Blindheit, in welcher der Mensch [230] sich selbst und erst recht seinen Gott nicht mehr sieht, werden zur Stätte des Neuanfangs mit ihm. Die communio sanctorum wird zur Kraft, das tausendfältige Aneinandervorbeigehen, das in der funktionalen Verflechtung aller mit allen Einsamkeit und Massenhaftigkeit zugleich bedeutet, zu verwandeln in die Offenheit des beständigen Für- und Miteinander.

Dieses Heil, diese neue Schöpfung sind jetzt. Aber dieses Jetzt hat keine Grenze, und es ist im Jetzt der Zeit noch nicht ganz bei sich eingetroffen. Weil die neue Schöpfung communio mit ihrem Anfang, mit Jesus und von ihm her mit allem ist, deshalb bleibt Eschatologie, konkrete Eschatologie, aktuell gerade heute. In diese Eschatologie gehört das Pneuma des Herrn, das schon jetzt wirkt und in dem er schon jetzt in uns ist und durch uns handelt. In diese Eschatologie gehört auch das Soma, der Leib. Im Leib hat Jesus sich hingegeben, leibhaftig hat er unser leibhaftiges Leben in sich hineingenommen. Hingabe ist aber in der Dimension des Heiles nicht Verlust, sondern Integration. Die Auferweckung, die leibhaftige, gehört hinzu, damit Heil Heil sei. Und darum gehört auch zum Heil, das schon jetzt im Pneuma sich bereitet, daß wir leibhaftig der Leib des Herrn seien, der sich gibt an die Welt, damit sie zu sich und das heißt damit sie in ihm integriert werde.