Das Wort für uns

Jesu Geschichte mit dem Vater

Vielleicht hilft es weiter, sich einmal in der Heiligen Schrift, sich im Wort Gottes selber, umzusehen. Dort begegnen wir vielen elementaren Worten und Formeln, die wie ein Blitz die ganze Landschaft des Glaubens, den ganzen [48] Horizont des Christlichen erleuchten. Für mich selber hat eine eigentümliche Kraft immer wieder ein Wort des Johannesevangeliums entfaltet, ein Wort, das knapp die Grunddaten unseres Glaubens zusammenfaßt, dabei aber nicht im bloß Objektiven bleibt, sondern sie in eine ausdrückliche Beziehung zu uns, zu unserem Leben setzt. Jesus spricht in den Abschiedsreden von jenem Tag, da der Geist zu uns kommt, und er verheißt uns, daß wir dann erkennen werden, worauf es ankommt. Die Stelle heißt: „An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater; ihr seid in mir, und ich bin in euch“ (Joh 14,20).

Zunächst geht es also um das Geheimnis Jesu, und dieses Geheimnis heißt: „Ich bin in meinem Vater.“ Gewiß, Jesus hat uns Hilfen für unser Leben, Modelle des Verhaltens, ein Beispiel neuen Menschseins gebracht. Er hat die Liebe zum Nächsten, die neue Sicht des Nächsten in die Mitte gerückt. Dies gilt und dies bleibt, und es soll nicht ins zweite Glied gerückt werden. Aber in all dem geht es ihm um den Vater. Und nur weil er uns den Vater eröffnet und den Vater nahebringt, tritt der Mensch selbst in ein neues Licht, werden wir zu einer neuen Menschlichkeit [49] befreit. Jesus schenkt uns seinen Vater. Er sagt und beglaubigt uns, daß dieser Vater auch unser Vater ist, daß er sich um uns kümmert, daß wir mit allem, was uns drückt, mit allem, was wir nicht vermögen und verstehen, zu diesem Vater kommen dürfen. Sein Vater ist unser Vater.

Und Jesus lebt in diesem Vater. Er will in dem sein, was des Vaters ist. Der Wille des Vaters ist seine Speise. Die Stunde des Vaters ist seine Stunde. Er betet zum Vater, er verkündet den Vater, er führt uns zum Vater. Der Vater ist sein Lebenselement. Dies aber nicht so, wie wir uns in unserem „Element“ fühlen, wenn unsere Lieblingsideen plötzlich ins Spiel kommen. Der Vater ist nicht die Lieblingsidee Jesu. Nein, er ist der lebendige Raum, in den er wirklich, mit seinem ganzen Leben, eingeht, in den er sich hineingibt und hineinstirbt, so ernst und so ganz, daß der Vater der Raum seines Lebens ist in alle Ewigkeit. Er ist vom Vater ausgegangen, er eröffnet den Vater, er kehrt zum Vater zurück, er ist im Vater: der Vater ist wirklich sein Lebensraum.

Das aber ist etwas Ungeheuerliches auch für uns. Wenn wir nach dem letzten Geheimnis, [50] nach dem Grund und Sinn von allem fragen, wenn wir das Antlitz Gottes suchen, dann dürfen wir in Gott Jesus finden. Gott hat keine tiefere Tiefe, kein inwendigeres Geheimnis als ihn. Er ist in seinem Vater. Soviel wir über Gott nachdenken und spekulieren, so tief wir ihn ergründen mögen, Tieferes werden wir nie in ihm finden als Jesus. Er ist sein letztes, innerstes und äußerstes, sein einziges Wort. In Jesus hat Gott uns alles gesagt und alles gegeben, was er zu sagen und zu geben hat.