Volk Gottes auf dem Weg

Kirche keine Endstation

Jesus Christus hat nicht vor allem und nicht zuerst die Kirche gepredigt, er hat Gott gepredigt und sein Reich. Wir beten nicht: die Kirche komme, sondern: dein Reich komme. Doch was heißt Reich Gottes? Es heißt gerade nicht, wenigstens nicht einfachhin: Kirche. Das Markusevangelium faßt die Predigt Jesu zusammen in dem Satz: „Erfüllt ist die Zeit, nahegekommen ist das Reich Gottes. Kehret um und glaubet der Frohen Botschaft!“ (Mk 1,15). Reich Gottes ist also etwas „Nahegerücktes“, etwas, das noch nicht ist, aber mit der Dringlichkeit und verändernden Macht der Nähe uns bevorsteht, auf den Leib rückt. Reich Gottes ist unsere Zukunft, Zukunft, die uns eine neue Gegenwart gewährt, unser ganzes Da­sein umwendet und in Anspruch nimmt. Und worin besteht dieses Reich? Darin, daß Gott in Jesus sich aufgemacht hat, aus seiner Ferne und Verborgenheit herauszutreten, die Verschleierungen und Verschlüsselungen dieser Zeit zu durchbrechen, unter denen er allenfalls als theoretische, moralische, jenseitige, aber im Konkreten umgehbare Größe erscheint. Gott steht uns unmittelbar bevor als der offenbare Inhalt unseres eigenen Lebens und des Lebens der ganzen Welt. Wir werden ihn schauen, alles, was ist, wird laut und [18] vernehmlich und unmißverständlich seinen Namen ausrufen, er wird sein: „alles in allem“ (vgl. 1 Kor 15,28).

Es wäre jedoch zu wenig über das Reich Gottes gesagt, wenn man es nur als Beziehung zwischen Gott und den Geschöpfen sähe. Wenn Gott aufgeht, löscht das eigene Leben der Geschöpfe nicht aus, es wird gerade vollendet, kommt zu seiner höchsten Entfaltung, wird in der innigsten Vereinigung mit Gott gerade an sich selbst freigegeben. Diese Freigabe und Vollendung der Geschöpfe befreit sie indessen auch von aller Isolierung, von aller Verschlossenheit in sich allein. Wo Gott eintritt ins Innerste ihres Seins und Lebens, da fallen auch die Schranken zwischen ihnen, die gegenseitigen Beziehungen, in denen sie erst sind, was sie sind, werden vollendet. Das Reich Gottes ist also nicht nur vollendete Gemeinschaft mit Gott, sondern auch vollendete Gemeinschaft in Gott. Gott ist Liebe (vgl. 1 Joh 4,16). Seine Ankunft, sein Reich sind An­kunft und Reich der Liebe. Wo er ist, da wird alles zur Liebe, und nur wo die Liebe ist, ist auch er. Die Liebe zwischen allen, die Liebe als Inbegriff aller Beziehungen, das ist kein Zusatz zum Kommen des Reiches Gottes, es ist vielmehr das eine und selbe Ereignis, in welchem er sich uns schenkt, uns einander schenkt, uns alles schenkt. Die großen biblischen Bilder vom Reich Gottes, das Mahl (vgl. z. B. Lk 22,15–18 und 29–30) und das Neue Jerusalem (vgl. Offb 21), tun dies auf eindrucksvolle Weise dar.

Wenn das Reich Gottes kommt, werden die Mauern zwischen Gott und uns und die Mauern zwischen uns gegenseitig fallen. Reich Gottes, das heißt also: Unmittelbarkeit Gottes zu uns, gegenseitige Unmittelbarkeit zueinander. Das Kommen dieses Reiches ist kein Endprodukt einer Entwicklung, kein Zustand, welchen die Evolution entweder automatisch oder durch unseren Einsatz und unser Mitwirken herstellen kann, das Kommen dieses Reiches ist Ereignis, ist Geschenk, es kommt nicht aus unserem Können und Bemühen, sondern aus Gottes Hoheit und Macht. Gleichwohl erfordert es allen unseren Einsatz, gleichwohl muß unser welthaftes Tun Bereitung des Reiches Gottes, Zugehen auf das Reich Gottes, Wirkenlassen des Reiches Gottes in uns und in unserer Welt bedeuten. Doch die Hoffnung darauf, daß es wirklich kommt, verdanken wir nicht uns, sondern Gott allein. Wir können das Kommen dieses Reiches nicht berechnen, kontrollieren, an irgendeinem äußeren Maßstab ablesen. Christliche Hoffnung geht ganz von sich weg, hat nichts in ihren Händen, blickt allein auf den, der ihr einziger Grund und ihr einziges Ziel ist. Kirche aber ist Gemeinschaft in dieser Hoffnung, Verkündigung dieser Hoffnung an die Welt.