Botschaft: Kirchenbau

Konsequenzen aus den „Merkmalen der Kirche“*

Ich komme zu einem zweiten Ansatz, der für die ästhetische Dimension des Ganzen und auch funktional bedeutsam ist. Kirche ist Ekklesia, das bedeutet: Kirche ist die Herausgerufene, die aus allen Völkern herausgerufene Gemeinschaft, die für alle das Zeichen des allgemeinen Heilswillens Gottes ist; sie ist Gemeinschaft, in der die neue Nähe zu Gott und Gottes neue Nähe zu den Menschen gefeiert und begangen wird. Diese Kirche aber wird von alters her bezeichnet durch die vier Attribute: Ecclesia una, sancta, catholica, apostolica; eins, heilig, katholisch, apostolisch.

Ich möchte zuerst etwas zu den theologischen Dimensionen sagen, bevor ich die Konsequenzen für den Kirchenbau zur Sprache bringe. Menschen, die eigentlich nicht zusammengehören, Juden und Griechen, sind zusammengerufen und werden eins durch Ihn (vgl. Eph 2,11–22). Einheit mit Gott beglaubigt sich in der Einheit miteinander. Daran soll die Welt erkennen, daß Christus vom Vater gesandt ist, daß wir eins sind miteinander (vgl. Joh 17,21). Einheit ist trotz aller Unterschiede eben Zeugnis dafür, daß es nicht um uns geht, sondern daß der Herr jenes Werk vollbrachte, das wir aus uns nicht vermögen. Es ist diese Einheit, die eindringlich in der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils in neuer Tiefe uns dargelegt ist (vgl. LG, bes. Kap. 7).

Als Herausgerufene ist Ekklesia geheiligt; das heißt ausgesondert; sie lebt nicht für sich, sondern für Gott. Dieses Heiligsein ist freilich im christlichen Verständnis etwas anderes als bloß „Sakralität“ im alten Sinn. Wenn wir uns fragen, was dieses neue Heiligsein bedeutet, dann finden wir eine Antwort im Römerbrief, [17] wo uns gesagt wird, daß wir uns nicht der Welt angleichen, sondern für den Herrn leben sollen durch seinen Heiligen Geist (vgl. Rom 12,2 und Rom 12 insgesamt). Hier ist aber von Alltäglichem die Rede, nämlich von unseren Diensten und Aufgaben; doch sie sollen immer mit jenem Pfeffer und Salz des Geistes gelebt werden, so daß wir das, was wir tun, in Freude, in Einfalt, in Liebe tun. Daß wir es mit diesem Unterschied der hingebenden Gelassenheit vollziehen, ist das Spezifische. So können wir das „Heilige“ leben, damit das unterscheidend Christliche in unserem Leben sichtbar wird. Sich „heiligen“ heißt: sich ihm hingeben, ihm gehören (vgl. Joh 17,19). Die Identität, die Selbstfindung geschieht paradoxerweise im Sichüberantworten, im Sichloslassen, dies ist das Heiligende, die heiligende Begegnung. So sieht es das Johannesevangelium (vgl. Joh 17,17–19); ähnlich die Deutung des Heiligen im Hebräerbrief (vgl. Hebr 2,11).

Der Geist konstituiert Kirche als katholische, als weltkatholische und kirchenkatholische. Kirche bringt das Umfassende des Heilswillens Gottes dadurch zum Ausdruck, daß sie sich nicht auf eine Kultur, nicht auf eine Sprache, nicht auf einen Stil, nicht auf einen Sektor begrenzt; sie stellt sich vielmehr dar im Umfassen, in der Universalität, im Hineingehen in die Vielschichtigkeit dessen, was in der Welt ist. Katholisch ist die Kohärenz, das Miteinander, das Hineinholen des anderen ins Eigene, das Aufsprengen des engen Rahmens ins Ganze. Einbringen des Eigenen und Loslassen des Eigenen ins Ganze sind zwei Aspekte derselben Katholizität.

Und schließlich gilt es, den apostolischen Ursprung treu zu bewahren und nicht jedem Geschmack, jeder Mode äußerlich und anpasserisch nachzulaufen, sondern auch das Unbequeme des Ursprungs durchzutragen, weiterzutragen und zu aktualisieren. Die stilistischen Konsequenzen für den Kirchenbau können abgelesen werden an diesem Profil von Kirche: Sie ist eins – weil Christus uns eint; geheiligt – nicht aus sich, sondern aus Ihm; katholisch – mitten im Ganzen, aber auch in der ganzen Kirche; apostolisch – in Ihm gegründet als Zeugnis für alle.

Zuerst: Kirche muß immer konzipiert sein als Eines. Ich finde es herrlich, wie mitunter einfach an einem Kirchenraum weitere Räume angebaut wurden, wie um ein Kirchenschiff Labyrinthe der Geschichte wucherten und somit ganze Geschichtsgänge in Kirchen sichtbar werden. Ich finde es aber schrecklich, wenn man einen Bau, weil noch ein paar hundert Leute mehr hineingehen müssen, noch irgendwo um ein Seitenschiff erweitert und das Ganze aus den Fugen der Proportion gerät. Ich glaube, weniges ist so abstoßend wie eine umgemodelte, umarrangierte oder mit irgendwelchen Versatzstücken versehene Kirche. Von außen muß eine Einheit sichtbar sein, die auch von innen her stimmt. Großartig, wo Generationen in eine Einheit hineinwachsen; aber der Gusto für innere Einheit ist elementar. Ich meine, dieses Einssein aller muß ablesbar sein an der Einheit des in sich gefügten und gegliederten Baues. Einheit in der Vielheit muß sichtbar werden.

Das Zweite: Ein heiliger Raum ist nicht sakraler Zusatz. Ich finde es unangemessen, wenn man einen Saal baut, und weil es eine Kirche ist, werden noch ein paar Rundbögen hineingebaut. Oder man hat etwas Praktisches konstruiert und dann noch als „Zuckergebäck“ irgendwelche Betonrüschen und sakralen Zierat zugefügt. Sakralität ist nicht Zusatz von frommen Utensilien. Der Kirchenbau soll frei sein von dem, was nicht von der Substanz und von der Form her notwendig ist; Form und Substanz aber müssen stimmen, damit der Unterschied aufleuchtet. Die Sakralität geschieht nicht im Extravaganten, sondern darin, daß im Ringen um das Normale das „Andere“, das Zeichenhafte sichtbar wird. Ich denke, daß das eine große Aufgabe ist.

Das dritte: Wir brauchen die Katholizität des Baues, und zwar in doppelter Hinsicht. Die Kirche muß nicht nur im Dorf, sondern in der Weltkirche bleiben. Wir brauchen nicht das Extravagante, wohl aber neue Ideen. Es ist ein Glücksfall, wenn solche auftauchen – aber eben in der Fügung ins Allgemeine; dies bedeutet nicht Apotheose des Mittelmaßes; wohl aber muß erfahrbar werden, daß wir in dieser Kirche zugleich in der Kirche, in der Kirche aller sind, auch und gerade, wenn man hier auf neue und andere Weise in ihr ist.

Schier noch wichtiger scheint mir, daß wir nicht jede Mode aufgreifen und doch die die neuen Erfahrungen, Erkenntnisse und Möglichkeiten des Bauens integrieren. Wir müssen Kirchen in unserer Welt und für unsere Welt bauen – nicht Kirchen, die sich in unserer Welt verstecken und ducken, nicht modische Kirchen, die man morgen nicht mehr sehen mag, sondern Kirchen, die von ihrer inneren Signatur her zeigen, daß sie Kirchen von heute sind – Kirchen, die aus den Welt- und Menschenerfahrungen von heute kommen. Sonst sind es keine katholischen Kirchen. Sie sind nicht katholisch, wenn sie nicht mit der Kirchen ihrer Grundstruktur übereinstimmen – wenn sie nicht inkarnatorische Kirchen sind.

Und ein letztes: Sie sollen apostolisch sein: einladende Kirchen, Kirchen, die in aller Diskretion dennoch bezeugen, einladen und Zeichen setzen. Der Ursprung will in ihnen aufscheinen – und will seine Botschaft weitersagen, so daß viele sich rufen lassen zur Ekklesia, zur Kyriake.