Der Mensch als Thema der Kirche und der Kunst

Kunst und Kirche: Das wechselseitige Sich-Retten in seinem Anderen*

Ich sage zuerst einmal, was ein Problem ist für den Künstler gegenüber der Kirche: Die Kirche weiß, wer der Mensch ist, weil es Gott schon gesagt hat. Und weil sie es weiß, weil sie Maßstäbe hat, die sie in der Tat nicht verraten darf, weil sie Prinzipien hat, die in der Tat durchgetragen werden müssen, weil sie Werte hat, die in der Tat zu schützen sind, deswegen droht sie für den Künstler dieses Einmalige, Freie des Menschen zu subsumieren unter Vorgewußtes, Vorgefertigtes. Denn der Künstler hat eine Angst vor der Vereinnahmung durch fertige Programme und vorfabrizierte Werte; nicht weil er ein Libertinist ist, nicht weil er gerne freier leben will, sondern weil er in seinem Gestalten jenen Überschuß des Menschen in sich selber entdeckt, daß der Mensch je anders, je neu und je frei ist. Die Kirche weiß, daß der Mensch in seinem Freisein und Künstler-Sein gefährdet ist, daß er sich selber nicht retten kann und daß er nur als der in Gott Geheilte und Gerettete jene Freiheit findet, die er will. Und deswegen ist sie auch dort, wo sie der Kunst und dem Künstler wohlwollend begegnet, doch immer jemand, der in der Rückfrage lebt und diese Rückfrage nicht unterlassen kann und sie nicht aus geistiger Enge stellt. Dieses Messen der Kunst am Maßstab der Kunst Gottes, die der Mensch ist – darin liegt die Schwierigkeit der Künstler mit der Kirche und der Kirche mit den Künstlern.

Es kann da eigentlich nur so gutgehen, wie es zwischen Gott und den Menschen gutgeht in der Erlösung. Was ich von der Erlösung gesagt habe als dem eigentlich dramatischen Ernstfall von Kunst, muß ich nun noch einmal sagen im Blick auf das Verhältnis von Kirche und Künstler. Ich muß es sagen im Blick auf die Kirche, und ich muß es sagen im Blick auf die Kunst. Die Kirche muß sich selbst in der Kunst retten und sie muß die Kunst in sich retten. Und der Künstler muß die Kirche, muß deren Botschaft in sich selber retten und sich in ihr. Das heißt: Wenn in der Kunst Ausdrucksmöglichkeiten, die bislang verborgen waren, Horizonte, die bislang verschlossen waren, vielleicht bedrohlich aufgehen und fremd sich offenen, so daß sie nicht ins Konzept von Kirche passen, dann ist die Kirche herausgefordert zu fragen, welche Botschaft vom Menschen hier ist. Sie hat im Gegenzug die Aufgabe, das, was ihr als Evangelium Jesu Christi gesagt ist, so ernstzunehmen auf die Kunst hin und auf den Menschen, daß sie nicht ruht, bis dieses Eigene Unverwechselbare ihrer selbst in der Kunst gerettet ist, also Gestalt wird.

Die Sorge der Kirche um die Kunst ist eine doppelte: einmal muß die Kirche sich darum mühen, daß auch die Botschaft der Kunst ihr etwas sagt. Solange ein Kunstwerk existiert, das mir als Bischof nichts sagt, kann ich nicht ruhig sein. Ich muß solange ringen, bis ein Kunstwerk mir etwas sagt von meinem Eigenen. Das kann ich nicht mit einigen Deutungen machen, sondern nur in einer Inkubation der Geduld, in einem liebenden Werben. Und die Kirche muß umgekehrt das, was sie zu verkünden hat, solange immer neu anbieten und sagen, bis es den Funken der Gestalt entzündet. Was nicht den Funken entzündet und Gestalt wird, was nicht künstlerischer Ausdruck wird, das ist nicht [10] ganz in der Welt, das ist nicht ganz inkarniert – und deswegen nicht ganz verkündet. Das ist die Aufgabe der Kirche für die Kunst.

Und ich meine, daß auch die Kunst immer wieder sich herausfordern lassen müsse von dem, was ihr zunächst fremd ist, von der Botschaft, mit der sie „nichts anfangen“ kann. Ich glaube, daß die Herausforderung und die geheime Verlockung gerade in dem besteht, was fremd und anders ist, in der Botschaft, und daß die Kunst, indem sie damit umgeht, mit sich selber umgeht und der Künstler sich und den Menschen entdeckt. Er muß sich retten in dem anderen Medium und das Andere retten in sich. Das Andere hineinnehmen in sich und dieses Andere in seiner Maßgabe nicht in einem Kompromiß halb und halb draußen lassen, halb und halb hereinnehmen, sondern durchtragen, bis daß es Gestalt wird in Kunst. „Ich ruhe nicht, bis Du Gestalt geworden bist in mir, und ich ruhe nicht, bis meine Sprache Sprache geworden ist für Deine Botschaft.“ Das ist, glaube ich, das Credo jedes Künstlers, das er zu sprechen hat jenseits von religiösen oder nicht-religiösen Themen. Das ist ein hartes, immerwährendes und unendliches Geschäft; das ist ein Jakobs-Kampf, bei dem Jakob und der El, der Gott, sich gegenüberstehen. Und ich meine, daß bis zum Morgen jenes letzten Tages dieser Kampf als der furchtbare Kampf für die Menschheit weitergehen muß und daß Kunst und Kirche, Künstler und Kirche nicht voneinander scheiden dürfen, bis sie sich gegenseitig gesegnet haben.