Berufung und Nachfolge. Zum Text „Leben heißt antworten“: Was bedeutet Berufung heute?

Leben heißt antworten (Wirlfried Hagemann)

In der Analyse, was denn der Mensch sei und was sein Leben ausmacht, half dem Klaus Hemmerle, was er bei Bernhard Welte und dessen phänomenologischem Ansatz gelernt hatte. Ausgehend von der sich seiner selbst vergewissernden Aussage von René Descartes „cogito, ergo sum – ich denke, also bin ich“, formulierte er „amo, ergo sum – ich liebe, also bin ich“, um dann seine Grunderfahrung in die Worte zu gießen „amor, ergo sum – ich werde geliebt, also bin ich“. Ich bin da, weil jemand mich will, weil jemand mich ins Leben gerufen hat – aus Liebe. So formuliert er dann: Ich bin geliebt, deswegen bin ich.1 Diese Erfahrung hat er in seinem Werk GERUFEN UND VERSCHENKT2 in klarer Weise ausgeführt. In diesem Werk hat Hemmerle in bemerkenswerter Weise, wie schon oben von Jakob Ohm dargestellt, Menschsein und Gerufensein zusammen gesehen. Ich bringe dazu einige wichtige Zitate unter dem Titel Aphorismen zum Thema geschaffen sein – gerufen sein.

  • Du bist nicht nur ein Knäuel von Zufälligkeiten, du bist nicht nur der zu diesem oder jenem Leben Verurteilte, du bist nicht nur glücklich unter der Bedingung, dass du dies oder jenes um jeden Preis erreichst; nein, du bist gerufen, gewollt, geliebt – und wo dies bei dir ankommt, da wirst du frei, denn frei sein heißt, frei sein zu antworten. Den Ruf finden und die Antwort finden, das heißt die Freiheit finden, das heißt sein eigenes Menschsein finden.3

  • Menschsein heißt gerufen sein. Das Gute ruft uns, und nur in diesem Ruf, im Ankommen dieses Rufes sind wir frei zu antworten. Und das ist die Würde des Menschen, antworten zu können, verantwortlich zu sein.4

  • Nur der wird den großen Ruf seines Lebens hören und ihm treu bleiben, der die kleinen Rufe des Alltags auch wahrnimmt. Was willst du jetzt von mir? Wie kann ich jetzt in deinem Willen leben? Gerade der Umgang mit dem Wort Gottes als einem Wort, das immer neu nicht nur mich beschenken und mich trösten, sondern auch mich fordern darf, so dass es in mir Lebensgestalt wird, befähigt dazu, dass der große, einmalige, personal auf mich zugeschnittene Ruf in mir Macht gewinnen kann.5

  • Es gehört zu Jesu ureigenem Tun, dass er (Jesus) zusammenführt, sammelt, Gemeinschaft bildet, Communio stiftet. Zuletzt und zutiefst geschieht dies in seiner dienenden Hingabe des eigenen Lebens als Lösegeld für die Vielen (vgl. Mk 10,45), die gegenwärtig wird im Bundes- und Opfermahl, in der Eucharistie (vgl. Mk 14,17–25).6

  • Immer ist Berufung dazu da, dass Gemeinschaft neu werde, Gemeinschaft gegründet werde. Nie ist einer für sich berufen, sondern immer geschieht Berufung für den Dienst an den anderen, am Ganzen. Gott beansprucht Menschen für sich, indem er sie beansprucht für sein Volk, für die anderen.7

Aber so glatt geht es nicht. Das hat Hemmerle am eigenen Leib gespürt, besonders auch in seinem Dienst als Bischof. Auf seinem Schreibtisch lag eine kleine Kopie des Kreuzes, das Johannes vom Kreuz gezeichnet hatte.8 In der Begegnung mit den Bildern „Gitterköpfe“ im Atelier von Herbert Falken, einem Pfarrer seiner Diözese, dem er zeit seines Lebens tief verbunden war, hat Hemmerle ein besonderes Wort entwickelt: das „erscheitern“.

Bei der Ausstellung der „Gitterköpfe“ gelingt es Hemmerle, dieses Erscheitern vom Paschageheimnis Jesu her zu deuten:

„Ich habe neu Pascha halten, Kreuz und Auferstehung neu entziffern gelernt. Ich muss Ostern nicht verschweigen, weil es gerade nicht das glückliche Ende eines verharmlosten Todes ist, sondern Ostern ist hier erscheiterte Erlösung: Erlösung – aber erscheitert. Gelingen muss immer erscheitert werden; Erlösung muss erscheitert werden. Wenn nicht alles eingesetzt und weggegeben, wenn nicht alles preisgegeben ist, wenn nicht der letzte Tropfen Blut ausläuft, wenn nicht die letzte Reserve meiner Verbindung mit dem Vater weggegeben, ihm zur Disposition gestellt ist, dann bin ich nicht ganz in der Liebe, die mich erlöst und die bis zum Letzten, eis to telos, geht. (…) Der Erstarrte und Zerflossene ist jener, der uns Auferstehung erscheitert hat. (…)

Noch etwas habe ich neu erfahren: das vielleicht geheimnisvollste Dogma, das dem Menschen von heute am meisten entrückt erscheint, den Glaubenssatz von dem Wort, das von Anfang an war und das bei Gott war, und das als Wort sagt, dass dieser Gott Liebe ist. Es gibt kein anderes Wort; es ist das erste, dahinter ist nichts anderes mehr und alles ist von dort. Dieses Wort ist nicht verfügbar, es spricht nur, wenn ich mich … ins erscheiternde Gelingen einlasse. So, nur so, ist es wirklich das Wort. Und so darf ich in diesen erlittenen Bildern doch den Glanz jener Erlösung sehen: Menschsein ist kostbar; das Schreckliche muss getragen werden; es lohnt sich, weil darin ein Wort mir zuwinkt, das einfach sagt: Ja, du darfst und du sollst, lebe, wage. Also doch, ganz leise, ganz keusch: Gott ist Liebe.“9

Aus diesen letzten Zeilen wird überdeutlich, dass Hemmerle gern gelebt hat, als Mensch und als Christ, als Einzelner und in Gemeinschaft, als Philosoph und als Theologe und als Bischof. In seinen Schriften leuchtet auf, das für ihn Leben bedeutet: eine antwortende Existenz zu werden.


  1. Vgl. Wilfried Hagemann: Trinität – Die Suche nach dem Ursprung bei Klaus Hemmerle, Vortrag bei der Tagung der Bischöflichen Akademie Aachen zum Thema „Klaus Hemmerle 80 Jahre. Freiheit – Spielräume des Menschen und Spielraum Gottes“, 9. Mai 2009: „Ich muss mich nicht als Monade verstehen, wie es Leibniz einmal gedacht hat, also als eine in sich selbst verschlossene Person. Ich darf mich wissen als eine Person, die in die Liebe von Vater und Sohn hineingenommen ist. Wenn Descartes auf der Suche nach einer Formel für das Mensch-Sein einmal formulierte ‚cogito, ergo sum‘ – ich denke, also bin ich, darf ich mit Klaus Hemmerle weiterführend sagen ‚amor, ergo sum‘ – ich bin geliebt, also bin ich. Weil ich geliebt bin, bin ich. Weil ich hineingenommen werde in den Raum des dreifaltigen Gottes, kann mich das Gott-Sein Gottes bis ins Innerste berühren: Alle Erfahrungen, die ich mache, alle Abgründe, in die ich versinke, alles Dunkel, das ich erleide und alle Schuld, die ich auf mich lade, werden umfangen von der Liebe Gottes, der sich mir ganz zuspricht, auch wenn ich selbst kein Wort mehr habe.“ ↩︎

  2. Klaus Hemmerle, Gerufen und verschenkt. Theologische Meditationen über die priesterliche Berufung. Neue Stadt München. 2013 ↩︎

  3. Aus: Gerufen und verschenkt, 46. ↩︎

  4. Aus: Gerufen und verschenkt, 44. ↩︎

  5. Aus: Gerufen und verschenkt, 48. ↩︎

  6. Aus: Gerufen und verschenkt, 186f. ↩︎

  7. Aus: Gerufen und verschenkt, 31. ↩︎

  8. Vgl. Hemmerle, Klaus: Herbert Falken, Christusbild – Menschenbild. Geleitwort zur Ausstellungseröffnung am 30.8.1986 im August-Pieper-Haus Aachen, in: Halbjahreshefte der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst 6 (1986) 10/11 6–10. Sowie: Hemmerle, Klaus: [Der Gekreuzigte](https://www.klaus-hemmerle.de/ de/werk/der-gekreuzigte.html#), in: Göllner, Reinhard (Hg.): Glaubend sehen lernen. Praktische Beiträge einer Theologie des Bildes, Hildesheim [u.a.] 1993, 54–58.
    Das Kreuzbild des Johannes vom Kreuz, das im Museo Monasterio de la Encarnación in Ávila aufbewahrt wird, misst im Original 57 x 47 mm. ↩︎

  9. Hemmerle, Klaus: Herbert Falken, Christusbild – Menschenbild. 10. ↩︎