Macht und Ohnmacht des Wortes

Macht des Wortes als Ohnmacht

Lassen Sie mich noch einen allerletzten Schritt tun. Dieser Schritt heißt in der Umkehrung, die unausdrücklich schon mitgesagt wurde: Nicht nur ist [92] Ohnmacht das Prinzip der Macht, sondern Macht ist auch das Prinzip der Ohnmacht.

Die Macht des Wortes, im anderen etwas anzurichten, die Macht des Wortes, daß ich im anderen sein kann, die Macht des Wortes, daß ich mich dem anderen mitteilen kann, ist eben auch seine Ohnmacht. Ohnmacht darin, daß ich mich exponiere. Daß ich fixiert bin, daß ich preisgegeben bin, daß ich nicht mehr unangefochten mich habe, sondern daß ich nun einmal durch das, was ich gesagt habe, in der Welt bin. Ich bin in den anderen, ich kann mich nicht einfach zurückholen, sondern ich bin kompromittiert. Ich bin eingelassen auf dich und ich bin der, zu dem ich sprechend mich gemacht habe. Ich kann mich nicht wegdistanzieren von meinen Worten, sondern ich werde beim Wort genommen. Und somit bin ich nicht nur in meinem Wort geäußert, sondern ich bin in meinem Sein geäußert und entäußert, und eigentlich muß ich mich immer und immer wieder über mein Wort hinaus entäußern, indem ich nicht nur hinter meinem Wort stehe, sondern auch bei meinem Wort stehe und zu meinem Wort stehe, draußen aus mir bin mit meinem Sein. Ich kann mein Wort draußen nicht allein lassen, sondern ich muß mich hinstellen zu meinem Wort, das ich gesagt habe. Ja, es geschieht einfach: ich werde beim Wort genommen. Und dazu Ja zu sagen, ist ganz entscheidend. Liegt nicht die Krankheit der Worte heute weithin darin, daß wir hundert und tausend Gründe finden, warum wir nicht bei unserem Wort stehen können? Daß wir uns nicht mehr bei einem Wort nehmen lassen, das uns auf Dauer und ganz und ausschließlich bindet? Daß wir die Angst haben vor der Ohnmacht gegenüber unserem gegebenen Wort, so daß wir es nur allzu leicht als psychologische Überforderung hinweginterpretieren? Wenn mein Wort nur aktuell, in diesem Augenblick, gelten und wenn ich mich nicht dazu stellen will, dann ist eben das Wort wertlose Ware geworden und kann dieses Wort nichts mehr ausrichten. Nur indem die Macht des Wortes eben auch das Recht hat, Prinzip meiner Ohnmacht zu werden, ist mein Wort tatsächlich mächtig. Und genau das ist doch die Weise, wie Gott sich geoffenbart hat. Er hat sich so zu seiner Offenbarung dazu gegeben, daß er nicht nur einen Boten seiner Offenbarung geschickt hat, sondern sich sozusagen obendrein hinzugeworfen hat ins Schicksal seiner Mißverständlichkeit, Ausgeliefertheit und Verschmähtheit in seinem Wort. Er selber ist der Angespuckte, der Verurteilte, Mißverstandene, Zertretene, derjenige, mit dem unsere Freiheit alles hat machen dürfen, was sie will. Er selbst ist der in seinen Worten Totgetretene, ins Schweigen, in die Verlassenheit Hineingetretene. Das ist die äußerste Offenbarung des Wortes, daß wir im Kreuz sehen, bis wohin Gott zu seinem Wort steht

[93] Und dies ist nicht nur die Offenbarung Gottes, sondern auch die Offenbarung dessen, was Wort heißt. Wort heißt: sich geben in der Entäußerung. Entäußerung als Gabe: das ist Wort.

Nur weil es möglich ist, daß wir uns geben, daß wir uns wagen, daß wir uns ausliefern, nur deswegen gibt es im Ernstfall Sprache. In der Sprache äußert sich das Sein selbst. Letztlich ist dieses Sein Sich-Geben, Sich-Wagen, Sich-Aussetzen, Sich-Entäußern. Und so ist der verstummende und sich entäußernde Gekreuzigte die Offenbarung Gottes, die Offenbarung des Wortes, die Offenbarung des Seins. Wenn wir uns zu ihm stellen, können wir die neue Entdeckung machen, daß in der Tat dieser Rhythmus des Sich-Gebens und Sich-Schenkens, Sich-Zeigens, Sich-Verlassens, diese Macht der Ohnmacht und diese Ohnmacht der Macht das Geheimnis aller Dinge, das Geheimnis auch unserer Sprache ist.

Aber nur wer das ist, kann das sagen, und wer das sagt, der muß dies auch sein.