Glauben – wie geht das?

Maria in der Perspektive der Kirche

Die Kirche hat Maria als Urbild und Vorbild des Glaubens verstanden, und die Grundmerkmale des Glaubens sind in den großen Mariendogmen zum gültigen Bild und zur prägenden Form verdichtet. Aber diese Dogmen und die kirchliche Marienfrömmigkeit insge- [160] samt bedeuteten nie nur eine Selbstreflektion des Glaubens, sondern lebendige Beziehung zu einem Menschen, der gelebt hat und lebt Wir dürfen an Maria anschauen, wie wenig sich Jesus, der menschgewordene Sohn Gottes, von der Geschichte der Menschheit, von der Gemeinschaft der Heiligen trennen läßt. Und so dürfen wir unsere österliche Formel auch auf Maria übertragen: Unser Christsein heißt leben mit der, die lebt. Solches Leben mit ihr hat kein „Eigenleben“, sondern kommt allein vom Leben mit ihm, der lebt, führt aber auch aus einer inneren Dynamik zum Leben mit ihm, der lebt. In jener, aus der das Wort Fleisch angenommen hat, hat auch unser Glaube Fleisch angenommen. So wirkt in Maria der Anstoß fort, ja steigert sich in ihr der Anstoß, daß Gott in Jesus die Geschichte und das Leben des Menschen umgedreht hat, indem er sich total mit dieser Geschichte und diesem Leben eingelassen hat. Doch wer sich diesen Anstoß erspart, der droht der Herausforderung des Glaubens und seiner befreienden Kraft auszuweichen. Gibt es nicht zu denken, daß Maria, daß Kirche als Institution, besonders die Gegenwart Jesu im Amt der Kirche, daß schließlich die Sakramente jene drei Punkte sind, an denen wir nur zu leicht den Anstoß der Menschwerdung zurückzudrängen versucht sind? Geschieht aber nicht gerade an diesen Punkten die erregende Übersetzung des Christusgeheimnisses in die menschliche Geschichte hinein? Der Herr selber handelt unter endlichen, geschichtlichen Zeichen – Anstoß des Sakramentes. Der Herr selbst verschenkt sich, indem er Menschen schenkt und sendet, die in seinem Namen und seiner Vollmachten sprechen und handeln – Anstoß von Amt und Sendung in der Kirche. Der Herr selbst handelt unmittelbar mit seiner aus dem Nichts erschaffenden, mit seiner begnadenden und auferweckenden Macht an einem Menschen, an jenem Menschen, der Werkzeug für die Fleischwerdung des Wortes ist – Anstoß Mariens. Es ist dreimal der Anstoß der in Jesus gekommen und in Jesus an uns weitergeschenkten Nähe Gottes.

Die Kirche preist Maria als die unbefleckt Empfangene, will sagen als den Menschen, in dem von Anfang an und ohne die Trübungen und Brechungen unserer gefallenen Freiheit Gott, seine Gnade, [161] sein Sich-Schenken, alles hat wirken können, was er wollte. Die Kirche glaubt weiter Maria als die jungfräuliche Mutter des Herrn, die sich, die ihre Leibhaftigkeit ganz einbrachte in die Fleischwerdung des Wortes – aber so, daß sie sich und ihr leibhaftiges Dasein rein und allein dem wirkenden, schaffenden Gott dargebracht hat. Die Kirche glaubt Maria als die „Gottgebärerin“, als jene, die nicht nur einem begnadeten, von Gott erfüllten Menschen, sondern wahrhaft dem Sohn Gottes aus der Kraft des in ihr wirkenden Geistes Gottes menschliches Leben geschenkt hat. Schließlich glaubt die Kirche Maria als die mit Leib und Seele, als die in ihrer ganzen menschlichen Existenz aus dem Tod in die Vollendung, in die Herrlichkeit Aufgenommene. Geht es hier nur um ein paar „Ehrentitel“ für Maria, um ein paar theologische Spezialitäten, an denen für unser Glaubenszeugnis letztlich nichts hängt? Oder können wir hier die Nähe, die Wirksamkeit, die geschichtliche Konkretheit des Wirkens Gottes anschauen? Lesen wir die kirchlichen Glaubensaussagen über Maria einmal im Licht der biblischen Ansage der Gottesherrschaft, die uns den Einstieg in unsere Frage eröffnete: Glauben, wie geht das?

Wir erinnern uns der elementaren Sätze Jesu nach Markus: „Erfüllt ist die Zeit und nahegekommen ist die Herrschaft Gottes. Kehret um und glaubet an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Der Anfang von seiten des Menschen ist die Umkehr, ist die Aufgabe des eigenen Anfanges, der Sprung in den Anfang Gottes hinein. Die Umdrehung des Menschen ist verlangt, ein Denken, das nicht nur die Pläne und Möglichkeiten des Ich zur Voraussetzung hat, sondern Gott, den neuen Anfang, den er schenkt. Nirgendwo können wir solche Umkehr menschlicher Existenz tiefer anschauen als in Maria, der unbefleckt Empfangenen. In ihr hat Gott mit seiner Bereitschaft, selber der neue Anfang zu sein, bis in die äußerste Konsequenz hinein ernst gemacht. Maria, reiner Mensch, bloßer Mensch, Mensch aus der Geschichte der Schuld und ihrer Last hervorgegangen, aber dem Anfang Gottes so total überantwortet, daß nichts anderes in ihrem Menschsein hervortritt als seine Mitteilung, als seine Gabe. Diese Gabe kommt ihr, kommt ihrem Handeln und Antworten zuvor – [162] und löst sich doch in ihrer Glaubensantwort ganz ein, entspricht ihr.

Wir sind nicht „Immaculata“, wir sind im nachhinein in Jesu Tod und Auferstehung getauft und der immer neuen Umkehr und Versöhnung bedürftig. Aber in solcher Umkehr geschieht das Entsprechende: Hineinnahme in Gottes neuen Anfang, jene neue Ursprünglichkeit und Reinheit, die wir aus uns nicht zu erreichen vermögen, die uns so neu mit uns selbst überrascht, wie unser eigenes Dasein uns mit uns selbst überrascht, da wir geschaffen sind und uns nicht selber machen können. Umkehr in die neue Schöpfung, und darin Gemeinschaft mit einer, in der diese neue Schöpfung, die Umkehr der Geschichte in Gottes neuen Anfang sichtbar ist – das ist der Weg auch unseres Glaubens.

Ja, auch für Maria ist der Weg, der aus dieser Umkehrung ihrer Existenz folgt und der sie einlöst, der Glaube. Und ihr Glaube wird Gestalt in ihrer jungfräulichen Mutterschaft. Mit dieser tritt sie in die Geschichte alttestamentlichen Glaubens ein und wächst über diese Geschichte zugleich hinaus. Im Alten Testament heißt Glaube in immer neuer Abwandlung: die Zukunft, die wir nicht aus uns vermögen, uns schenken lassen von Gott allein, uns selbst dabei aber einlassen auf sein Geschenk. Und das wiederum heißt, sich einlassen auf Gottes Verheißung, auf den Weg, auf den diese Verheißung uns über unser eigenes Vermögen und über unser eigenes Erfahren und Sehen hinaus ruft. Der Glaube des Abraham, der aufbricht ins Unbekannte (vgl. Gen 12,1–9), der aus dem erstorbenen Schoß Sarahs den Sohn der Verheißung erwartet (vgl. Gen 17,15–22; 18,1–15); die Geburt des Simson (Richter 13,1–25), den der Engel der unfruchtbaren Frau verheißt, der Glaube der Hannah, die den Samuel empfängt (vgl. 1 Sam 1,1–20) – sie weisen in die Richtung, die bis zum äußersten ausgeschritten wird im Glauben Mariens und in ihrer jungfräulichen Mutterschaft. In ihr „dehnt“ Gott nicht nur die Möglichkeiten des Menschen über ihr eigenes Maß hinaus, sondern er erschafft aus Unmöglichkeit neue Möglichkeit, er setzt beim Nullpunkt an. Und der Glaube Mariens tut diesen ersten Schritt, diesen schöpferischen An- [163] fang Gottes mit. Gott nimmt in Maria den Menschen in Anspruch, um unser Menschsein mit uns zu teilen und anzunehmen, um von sich aus und zugleich von uns aus Mensch zu werden. Der Glaube Mariens, ihre jungfräuliche Mutterschaft, ist der Höhepunkt schöpferischer Aktivität des Geschöpfes, und dieser Höhepunkt ist zugleich eben „Nullpunkt“, reines Sich-Überlassen, reines Sich-Beschenkenlassen.

Und wiederum laufen in dieser Spitze die Linien unseres Glaubens und Lebens zusammen, oder besser: diese Spitze entfaltet sich in den Linien unseres Glaubens und Lebens. Bei allem Unterschied unserer Berufung zur einmaligen Berufung Mariens gilt doch auch für uns: Produktiver Glaube ist immer jungfräulicher Glaube, Glaube, daß Gott mit unserem Nichts-Haben und Nichts-Sein etwas, ja alles anfangen kann, etwas, ja alles wirken kann. In der Tat ist der Schritt des Glaubens in der Geschichte der Kirche immer wieder und heute im besonderen der Schritt dieses „jungfräulichen“ Glaubens, der sich beileibe nicht in äußerer Jungfräulichkeit erschöpft, der aber im Mut zur buchstäblichen Jungfräulichkeit und im Verständnis für solche Jungfräulichkeit eine wichtige Erkennungsmarke hat. Umkehren und an das Evangelium glauben, dazu ruft uns die Botschaft Jesu, weil sie uns das Ereignis der Ereignisse zuzurufen weiß: das Nahekommen der Herrschaft Gottes. Und Gottes Herrschaft kommt uns nahe, indem eben Gott aufbricht vom Jenseits unseres Erfahrungshorizontes und einbricht in ihn, Mitte unserer Welt werdend. Was Jesus ansagt, das aber ist er bereits. Er ist der nahe, der mit uns lebende Gott, der alles von Gott einbringt und alles vom Menschen annimmt. Der einzige Sohn Gottes, Fleisch annehmend aus Maria der Jungfrau, das heißt aus der Perspektive Mariens: Maria ist die „Gottesgebärerin“.

Zweifellos ist dies die Mitte der Mitte ihres Geheimnisses. Und doch ist es keine einsame Mitte. Auch hier dürfen wir in Maria unsere eigene Berufung anschauen, auch hier bahnt sie den Weg des Glaubens, den wir zu gehen haben. Denn unser Glaube läßt sich nicht trennen von jenem bezeugenden und Leben zeugenden Ge- [164] horsam Mariens, der nicht weniger als Gott selbst empfängt, weitergibt und verschenkt. Wenn Paulus in Geburtswehen liegt, damit Jesus Christus in den galatischen Christen Gestalt gewinne, dann ist der springende Punkt aller Seelsorge berührt, und nicht nur der Seelsorge jener, die dafür eine eigene Weihe und Sendung haben. Die Sorge des Christen um seinen Nächsten ist Sorge darum, daß Jesus in ihm erkannt und erkennbar wird, daß Jesus in ihm Lebensraum gewinnt, Gestalt gewinnt. Unser Wort und unser Leben sollen Jesus selbst zum Zuge kommen lassen, einbringen, vermitteln. Unser Glaube ist der Weg der Herrschaft Gottes, ist der Weg dessen, was wir aus uns und was auch unser Glaube aus uns nicht vermag.

Unser Markusvers leitet die Anzeige der Gottesherrschaft ein mit dem Sätzchen: „Erfüllt ist die Zeit!“ Die Zeit ist deshalb erfüllte Zeit, weil grundsätzlich jetzt das Auseinander von Verheißung und Erfüllung überwunden ist. Die Zeit wird – wir sahen es an Jesu Kreuzestod – bis in die tiefste Tiefe ihrer Endlichkeit hinein ausgelitten. Der Schmerz der Endlichkeit wird nicht wegoperiert. Aber die Endlichkeit selbst wird zur Schale der Erfüllung. Der Karfreitag wird zur Schale von Ostern, und Ostern bricht aus dem Karfreitag hervor. Daß dies nicht der einmalige Sonderfall im Geschick des Heilsbringers ist, sondern Verkündigung dessen, was auch mit uns geschehen wird, Anfangen einer neuen Zeit, eben der erfüllten Zeit, die unsere leere und gespannte Zeit bereits jetzt umfängt, das dürfen wir wiederum mit dem Glauben der Kirche ablesen an Maria. Sie ist die „Assumpta“, die schon jetzt ganz in die Herrlichkeit Gottes Hineingenommene. Das Ende, die Vollendung ist in ihrem Schicksal schon eingetroffen und betrifft darin unser eigenes Schicksal, das noch in der Spanne zwischen Anfang und Vollendung steht. In der Assumpta erhält auch für uns das österliche Wort eine neue Dimension: „Ihr seid in Christus auf erweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische. Denn ihr seid gestorben, und euer neues Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,1–4). [165] Wir erleben die Erfüllung in der Verborgenheit, und diese Verborgenheit macht uns je neu mit Maria zur Schale, die den Herrn empfängt und birgt und weiterreicht, zum Hintergrund, den er erfüllen, auf dem er Kontur gewinnen, auf dem er hervortreten kann für die Welt. Weil wir mit ihm verborgen sind, kann er in uns und aus uns aufleuchten. Darin faßt sich das marianische Geheimnis unseres eigenen Glaubens und seines Weges durch die Welt zusammen.