Reinhold Schneider, Der Turm des Freiburger Münsters

Meine Geschichte mit dem Text

An jenem 27. November ging ich, damals ein 15jähriger Schüler des Berthold-Gymnasiums in Freiburg, mit meinem Vater durch die Stadt zur Schule, wo ich Nachtwache halten sollte. Mit knapper Mühe erreichten wir noch den Luftschutzkeller des Gymnasiums, ehe der Luftangriff losbrach. Als wir hernach über die halbzerstörte Treppe nach oben krochen und uns unter blutrotem Himmel ein grausiges Bild der Zerstörung erwartete, hielten wir Ausschau nach dem Münsterturm, und mein Vater rief aus: „Gott sei Dank, er steht noch, dann ist alles gut!“ Dieses Bild, das den Untergang überragende Zeichen des Unzerstörbaren, war eine der eindringlichsten Predigten, die mir je gehalten wurden. Sie wurde mir Wort und bleibende Erinnerung in Reinhold Schneiders Sonett. [65] 1978 hatte ich die Eröffnungsrede beim Freiburger Katholikentag auf dem Münsterplatz zu halten. Ich konnte nicht anders als bei diesem Turm, seinem Geschick und den Versen von Reinhold Schneider anknüpfen. Das Leitwort des 85. Deutschen Katholikentages in Freiburg hieß: „Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben“ (Jer 29,11). Die optimistische Aussicht der 60er Jahre auf eine von Plan und Fortschritt geprägte Zukunft war Unsicherheiten und Ängsten gewichen. Neue Orientierung tat not. Das 1944 Geschehene und von Reinhold Schneider Gesagte wurde neu aktuell.1


  1. Vgl. hierzu meinen erwähnten Redebeitrag in: Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben, Paderborn 1985, S. 89-93; hierbei ist mir auf S. 89 der Irrtum unterlaufen, Reinhold Schneiders Gedicht sei aus der Nacht des 27. November 1944 geboren. ↩︎