Die Bedeutung der Kantschen Kritik der Gottesbeweise

Methodologische Überlegungen*

Das reiche Spektrum, welches uns der oberflächlich aufzählende Überblick der Wirkungen des Kantschen Gedankens zeigt, macht die Frage drängend, welches denn dieser Gedanke Kants an sich selbst, wie er zu verstehen, zu deuten und zu beurteilen sei. Die Antwort auf diese Frage wird durch diese Frage selbst erschwert: Wenn die Weise der Rezeption des Kantschen Gedankens an sich selbst so vielfältig ist, wie dürfen wir hoffen, ihm an ihm selbst rasch gerecht zu werden?

Sicherlich rühren viele Mißverständnisse von Gedanken überhaupt daher, daß die Auseinandersetzung mit ihnen formal richtig die fremde Aussage wiedergibt und erklärt, sie insgeheim aber selbstverständlich auf die Positionen des eigenen Denkens bezieht, ohne auf den Abstand zu achten zwischen dem, was das eigene Denken, und dem, was den mitgedachten Gedanken als Voraussetzungen und Ansatz prägt. Es wäre in unserem Fall, beim Versuch der Erklärung der Kantschen Kritik der Gottesbeweise, aufschlußreich, dem in einer besonderen Hinsicht nachzugehen: im Blick auf die Gestalt der Gottesbeweise nämlich, die Kant vertraut ist und die auch allein von Kants Kritik getroffen werden konnte; denn es ist offenbar, daß nicht etwa die quinque viae des Thomas von Aquin und ihr philosophischer Hintergrund im mittelalterlichen Aristotelismus, sondern die rationalistische Verformung des scholastischen Gedankens, vor allem die an Christian Wolff anschließende Schulphilosophie des 18. Jahrhunderts, Kants kritischer Analysis den Ansatz- und Angriffspunkt bietet. Gleichwohl möchten wir diesem Umstand nicht historisch nachgehen, sondern ihn nur indirekt im Vollzug unseres Gedankens in Rechnung stellen.

Wie aber, so bleibt nochmals zu fragen, sollen wir unser Mitdenken mit Kant selbst gemäß ansetzen?

Es wäre ein zu großes und zugleich ein zu kleines Programm, [97] Kants Gedanke, der zu seiner Kritik der Gottesbeweise führt, in sich selber auszufalten. Ein zu großes Programm: denn wozu seine dichte Sprache Hunderte von Seiten braucht, das läßt sich nicht in einen knappen Vortrag raffen. Ein zu kleines Programm: denn Wurzeln und Wirkungen dieses Gedankens machen erst seine ganze Bedeutung, machen erst wahrhaft ihn selbst aus. So wollen wir uns methodisch dazu entschließen, das Objektiv unserer Betrachtung auf Kants Gedanke hin einzustellen. Einmal wollen wir es unscharf, zu sehr in die Nähe, einstellen, um den Ursprung und Anlaß der Grundströmungen zu entdecken, die er geschichtlich in Gang brachte. Sodann aber wollen wir das Objektiv der Betrachtung überscharf einstellen, hinter die ausgeformte Gestalt des Gedankens, den Kant entwickelt, zurück, auf die innere Mitte seines Ansatzes; so tritt sein Recht und tritt seine Grenze deutlicher hervor.