Wandern mit deinem Gott

Mi 6,8 als Scheide zwischen Wesen und Unwesen der Religion

Bernhard Welte hat weittragende Überlegungen zu „Wesen und Unwesen der Religion“1 in das religionsphilosophische Denken eingebracht. Mi 6,8 erscheint als einer der klassischen Anschauungsorte zur Bewäh- [241] rung des dort Gesagten. Auch hier bestätigt sich die religionsphilosophische Relevanz dieses Verses. Wir kommen an dieser Stelle auf die ausgelassenen inhaltlichen Bestimmungen unseres Verses und seines Textzusammenhanges zu sprechen. Israel, das seiner Schuld vor Gott bewußt wird und zur Umkehr und Sühne bereit ist, stellt die Frage: „Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für mein Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde?“ (Mi 6,6f.). Israel ist zu allem bereit, aber dieses Alles wird spontan verstanden im Sinne des Quantum, wenn auch durchaus so, daß das Nächste und Wichtigste, Kostbarste und Intimste, die eigenen Kinder, davon nicht ausgenommen werden.

Gott aber, der an seine liebenden Heilstaten der Erwählung und Rettung des Volkes erinnert, besteht in seiner Antwort durch den Propheten auf dem Kern solcher Erinnerung: Er hat die Zuwendung seiner selbst als die Geschichte eröffnende und verwandelnde Macht dem Volk zugesagt, und solche Zuwendung kann nur ankommen und Geschichte machen im Volk, wenn das Volk in solcher Zuwendung lebt. Diese Zuwendung aber ist nicht ein in einzelnen Taten abzugeltendes Soll: hinter diesen Leistungen stände dann das sich selbst gehörende und nur der Hilfe Gottes bedienende Ich des Menschen, sein Eigeninteresse, das Gott und sein Verhalten zu Gott „instrumentalisiert“. Gottes Zuwendung bringt Ihn und bringt das Volk selbst ins Spiel, und nur indem das Volk in diesem Spiel drinnenbleibt, will sagen indem das Volk als ganzes und der einzelne in ihm Zuwendung lebt, „Zuwendung ist“, kann das Spiel gelingen. Was zu wahren ist, ist das Gefüge, das Gleichgewicht des Ganzen, das aus Zuwendung erwächst und in dem diese Zuwendung als universale, ganzheitliche Haltung lebt. Dann aber wird wichtiger als das spezifisch Religiöse, als der abgesonderte Kult der Gottesdienst des Lebens, der im Bruderdienst, im gemeinsamen und zugleich gegenseitigen Leben in der Zuwendung Gottes besteht. Diese Zuwendung zueinander ist nicht ein Ersatz – auch dies wäre wieder ein trennendes und quantifizierendes Denken – für die Zuwendung zu Gott unmittelbar. Doch diese Zuwendung zu Gott unmittelbar ist ein Bleiben mit ihm auf dem Weg, ein „Wandern in Dienmut“. Nur im Vollzug, der alle und gerade die mitmenschlichen Bezüge umfängt, ist solches Wandern mit dem Gott des Ganzen möglich. Nur so löst sich die verheißende Kraft der die Geschichte Israels stiftenden Taten Gottes ein.

[242] Dies ist die Logik, die hinter der vollmächtigen Botschaft von Vers 8 steht. Sie ist vollmächtige Botschaft, aber dies mindert nicht die innere Transparenz ihrer Logik, die sich wie von selbst ergibt, wo der Ansatz verstanden wird: der göttliche Gott, der Gott des Ganzen, der Gott der Zuwendung.

Religionsphilosophie kann nicht diesen Ansatz ersetzen und statuieren, wohl aber kann sie die „Ordnung“ dieses Ansatzes unterscheiden von anderen Denkordnungen und dann die immanente Logik dieser Ordnung erschließen. So wird Religionsphilosophie selber in eine Weggemeinschaft, in eine dienende Wanderschaft mit dem Geheimnis Gottes gewiesen, den sie, auf ihn achtend und sich mit Bedacht in ihn hinein „verlierend“, ans Licht hebt. Dienmütiges Wandern mit … wird zum Grundrhythmus ihres eigenen Vorgangs. In ihm hat sie sodann die Kraft der Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Formen des Glaubens und der Religion. Es sei nochmals auf die Überlegung von Bernhard Welte verwiesen, der in einer nicht nur zufälligen und äußeren Weggemeinschaft mit dem Exegeten Alfons Deissler seine Religionsphilosophie betrieb.

Religionsphilosophie als dienende Wanderschaft mit dem sich zeigenden Geheimnis in der Vermittlung jener Plausibilität, die in diesem Zeigen waltet und den Menschen beschenkt und in Anspruch nimmt: dies tritt aus der inneren Gestalt des Verses Mi 6,8 also hervor.


  1. Welte, Bernhard: Vom Wesen und Unwesen der Religion, in: Auf der Spur des Ewigen. Philosophische Abhandlungen über verschiedene Gegenstände der Religion und der Theologie, Freiburg i. Br. u. a. 1965, 279–296. ↩︎