Mit eigener Stimme

„Mit Seiner Stimme“

Wenn nicht im Anfang das Wort wäre und das Wort nicht bei Gott wäre und Gott selber wäre, dann gäbe es keine Predigt. Der Vater hat sich schon je ins Eigene, in den Sohn übersetzt, und dieser Sohn, dieses Wort ist Rückübersetzung seiner selbst in den Vater. So geht von beiden der eine Geist aus, jener Einklang, der nichts anderes zum Klingen bringt als den Vater im Sohn und den Sohn im Vater und der darin gerade das Neue, die Fülle ist. Weil das ewige Wort, das Wort in Gott nichts anderes sagt als den Vater, ihn aber ganz und gar, ist es Gott von Gott und Licht vom Licht, gezeugt, nicht geschaffen. Sich zurücknehmend in den Vater ist es dessen eigene Stimme und gewinnt in einem damit seine Eigenheit, ist es göttliche Person. Und nochmals in diesem einen und selben Hervorgang aus dem Vater, der nichts anderes ist als der Rückgang in ihn, gilt von ihm, was Bonaventura in seinem Hexaemeron ausführt: Der Vater sagt in ihm sich selbst – und alles, das Wort sagt den Vater – und so sich selbst und in sich selbst alles.1 Hier berühren wir den innersten Grund, [140] weshalb Predigt Rückübersetzung in ihren Ursprung ist und Vorstoß ins je Andere, Neue, Jetzige.

Die Rede vom Sohn, der des Vaters wesensgleiches, göttliches, ewiges, personales Wort ist, wird leicht als reflexiver Überbau des im Evangelium bezeugten Jesusereignisses angeschaut. Ist es hingegen nicht vielmehr die ihm selber inwendige Rückübersetzung? Sagt uns nicht Jesu Sterben und Auferstehen, daß der Vater uns alles gegeben hat, alles geben wird, weil er seinen einzigen, geliebten Sohn für uns hingab? (Vgl. Röm 8,32) Und sagt uns dies wiederum nicht: Wer von Jesus spricht, der spricht vom Inwendigsten Gottes selbst, es gibt gar kein Reden von Gott mehr, das nicht verborgen oder bewußt von diesem Gottgeheimnis Jesu mitredet? Die Leidenschaft der Predigt, in welcher der Prediger bezeugt, daß uns von Gott her alles geschenkt ist in Jesus Christus, die Zuwendung zum Hörer im Heiligen Geist läßt im Wort des Predigers die Hingabe Jesu ankommen, leiht ihr, leiht ihm die Stimme – und indem die Hingabe Jesu ankommt, indem er eintrifft und betrifft mit seiner Stimme, geht auf: Er ist die Stimme des Vaters, er ist der Sohn, das Wort!

Es geht nicht darum, die Zwischenschritte, Zwischentöne, Verflechtungen und Entwicklungen zu überspringen, die in der Herausbildung des kirchlichen Christusdogmas mächtig waren. Aber in ihnen geschieht die Geschichte des Glaubens selbst, und sie entschlüsselt sich in ihrer Plausibilität, wenn wir sie als „Rückübersetzung“ lesen. Und wo wir uns an das Geschehen solcher Rückübersetzung preisgeben, wird auch die scheinbar so fremde und entzogene Wahrheit der trinitarischen Ursprungsgeschichte, von der das kirchliche Dogma spricht, „predigbar“. Wo sich der Prediger selber hineingibt in die Zuwendung Gottes zu uns, wo das, was Gott hier und jetzt schenkt und verheißt, vom Prediger bezeugt wird, da bricht er die Situation nach rückwärts hin auf, in ihren Ursprung hinein, wird er mitgenommen in die Bewegung des sich schenkenden Gottes, wird er Zeuge, der sich aus der Sequenz des Paulus nicht heraushalten kann: Alles ist euer – ihr seid Christi – Christus ist Gottes (vgl. 1 Kor 3,21b–23). Die sich verdankende Rückwendung des anfänglichen, göttlichen Wortes an den Vater gewinnt Stimme in der sich verdankenden Rückwendung des Predigers an die Selbsthingabe des Sohnes Gottes für ihn, für uns. Das ursprünglich im Kontext der Rechtfertigungsfrage lozierte Bekenntnis des Paulus wird zur Grundgestalt der Predigt oder, anders ausgedrückt, der Existenz des Predigers, die sich eben in der Predigt selbst vollzieht: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“ (Gal 2,20).

Der Nerv solchen Geschehens, das uns in den Ursprung Christi im Vater zurückführt und in Christi Gegenwart in der Predigt hineinführt, so daß ihre Stimme seine Stimme wird, liegt genau hier: in der traditio sui, in der Selbsthingabe, Selbstübersetzung Jesu Christi. Ihr Ereignis in Kreuz und Auferstehung ist der Ort, von dem aus die trinitarische Ursprungsgeschichte Jesu Christi erst aufgeht.

Es gibt drei elementare Deuteangebote des Sterbens Jesu, die sich gegenseitig nicht aus-, sondern einschließen – eine Aussage, die hier nicht exegetisch aufgearbeitet werden soll –: Der Tod Jesu ist reiner Rückbezug zum Vater, reine Hingabe an seinen Willen, er ist „gehorsam bis zum Tod“ (vgl. Phil 2,8). Der Tod Jesu ist – dies ist die zweite Aussage – Konsequenz seines Selbstbekenntnisses, mit dem er sich Gott gleichsetzt (vgl. Mt 26,23–66 par.). Schließlich: Der Tod Jesu ist Tod für uns, Tod zu unserem Heil, stellvertretender Sühnetod – die Zeugnisse nicht nur bei Paulus müssen hier nicht eigens aufgeführt werden. Entsprechend ist die dreifache Deutung des Auferstehensgeschehens: Verherrlichung des Vaters und durch den Vater – Bestätigung und Offenbarung Jesu als des Gottessohnes und Kyrios – Offenbarwerden des Lebens, das uns in Jesus geschenkt wird, und der Herrlichkeit, auf die wir hoffen dürfen.

Wir können also zusammenfassen: Jesus übersetzt sich in den Vater hinein, lebt von ihm her und übersetzt so ihn zu uns her, legt ihn aus, so daß, wer ihn sieht, den Vater sieht (vgl. Joh 14,9). – Jesus ist die Präsenz des Vaters, der Aufgang des Vaters, und so gerade der Herr, der [141] Sohn, „mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28). – Jesus ist die Übersetzung in uns, in unsere Existenz hinein, er macht uns zu sich, übernimmt uns, lebt in seinem Leben das unsere, unsere Stimme ist seine Stimme.

Zwischen dem Paschageschehen und dem trinitarischen Ursprungsgeschehen besteht dann aber das Verhältnis einer wechselseitigen Überbietung. Das Paschageschehen ist überboten durch das trinitarische Ursprungsgeschehen: Hier stirbt nicht nur ein Mensch, der sich demütig in die Hände Gottes gibt, sondern Gott gibt sich selbst, der Vater schenkt seinen Sohn für das Leben der Welt. Hier wird nicht nur ein Bote und Zeuge hineingehalten in die äußerste Dunkelheit des Todes und dann gerade in ihr beglaubigt, bestätigt und erhöht, sondern hier geht die Herrlichkeit Gottes selbst als das innerste Geheimnis Jesu auf seinem verklärten Antlitz auf. Hier geschieht nicht nur Hingabe und Opfer eines Menschen für die anderen Menschen, sondern hier wird der Mensch, wie er ist, jeder Mensch mit seiner Schuld und mit seinem Tod hineingenommen in Gottes eigenes Leben, unser Menschsein wird von Gott menschlich gelebt und bestanden. Das Paschageschehen ist zugleich aber auch Überbietung des trinitarischen Ursprungsgeschehens, will sagen nicht nur seine Applikation und Explikation, sondern neues, unableitbares Ereignis: Daß der Sohn sein Sohnsein, sein Leben für den Vater und vom Vater einlöst in der Bedingung menschlicher Gottesferne und Gottverlassenheit – daß die Sohnesherrlichkeit Herrlichkeit eines Menschen wird, der nie mehr aus dem Geheimnis Gottes herauslösbar ist, der immer in Gott bleibt und die Epiphanie Gottes bleibt – daß in diesem Menschen wir selber hineinreichen in die Mitte Gottes und Gott sich hineingibt für immer und ewig in unser Innerstes und Eigenstes, dies ist das Mehr, die Selbstüberbietung Gottes, die das Neue und Andere des Evangeliums gegenüber jeder bloßen Spekulation ausmachen.

Wir haben hier nur den innersten und äußersten Pol anvisiert: trinitarisches Ursprungsgeschehen – Paschageschehen. Diese Pole reißen das Feld auf, in dem die Geschichte des Heils, die Geschichte von Gottes Liebe am Anfang hin zu Gottes Liebe bis zur Vollendung sich entfaltet.

Was wir schon sahen, bestätigt sich: Rückgang ist Vorgang, Rückübersetzung geschieht, indem Neues geschieht, und Neues geschieht gerade im Vorgang der Rückübersetzung.

Was sagt das für die Predigt? Es sagt ganz einfach ihren Inhalt, der in allen Inhalten sich gibt. Auslegung des Daseins aus dem Evangelium ist Auslegung des Evangeliums, Neuaufgang seines Ursprungs. Aber diese fides quae läßt sich nicht neben die fides qua der Predigt, neben ihren Vollzug stellen, sondern beide führen zueinander, setzen sich wechselseitig voraus. In Jesus hat sich Gott zu uns her übersetzt – und diese Übersetzung geschieht, indem Jesus sich in mich, in den Prediger hinein übersetzt, sich selber in mir sagen will. Er hat ja mich angenommen, er hat sich mit mir eins gemacht, sich für mich hingegeben. Ich lasse ihn ein in mich, und was elementar im Glauben und in der Taufe geschieht, das geschieht nochmals und neu in der Sendung, und es geschieht im Akt des Zeugnisses und im Gehorsam, mit welchem ich mich seinem Wort öffne, so daß es selber sich in mir sagen kann. Meine Stimme ist seine Stimme. Und das ist nicht mein Triumph und mein Verdienst und meine Selbstherrlichkeit, sondern mein Schicksal, das Last und Erlösung in einem ist, sein Vertrauen, das mich aufzehrt und aufrichtet in einem. Meine Stimme darf seine Stimme sein, ich darf mich darauf einlassen – und werde davon verbrannt. Und was von mir gilt, das gilt auch im Blick auf die anderen: Er ist die anderen, er hat sie angenommen, er ist in die Andersheit nicht nur wie in ein Prinzip hineingegangen, das ihn qualifiziert, sondern er hat sie, jeden einzelnen, in sich hineingenommen und ihr Leben zu dem seinen gemacht. Ihre Stimme, das was sie erleiden, fragen, bezeugen, das ist seine Stimme. Seine Stimme in ihnen ruft nach seiner Stimme in mir, damit ich ihnen ihn sage in mir. Was unsere Predigt dem Geringsten seiner Brüder angetan hat, das hat sie ihm angetan (vgl. Mt 25,40 und 45). Und seine Stimme in den andern ist nicht nur die Adresse der Predigt, sondern auch Quelle der Predigt, Woraus unseres Predigens, wenn anders wir von ihm her predigen, uns in sein Sich-Sagen hinein übersetzen wollen. Welche discretio spirituum hier notwendig ist, wie wenig das bloße Anpassung an das bedeutet, was andere meinen, wie [142] anspruchsvoll das ist, auf Christus in den anderen zu hören, dies sei hier nur angedeutet. Aber ist es weniger anspruchsvoll, auf Christus in seinem gegebenen Wort und gar auf Christus in uns selbst zu horchen?


  1. Bonaventura: Collationes in Hexaemeron, I, 13. ↩︎