Franz von Baaders Philosophischer Gedanke der Schöpfung

Natur in Gott

Was erlaubt Baader und wie erlaubt sich ihm die Aussage der „Natur“ in Gott? Gottes Alleinigkeit, die ihm als dem Unbedingten eignen muß, erfordert, daß in allem Seienden eigentlich Er der Seiende sei – ohne freilich sich mit dem Eigensein des Bedingten zu vermischen, was wiederum seine Unbedingtheit aufhöbe. Was also außer ihm „sein“ kann, ist allein das, was eben aus sich nicht ist, was, um zu sein, Gottes „bedarf“, so daß „der Anfang der Natur und Kreatur sich nur als die indigentia Dei kund gibt“, und „Gott als der Absolute (dem weder etwas genommen noch etwas zugesetzt werden kann) außer sich unmittelbar kein anderes Sein, sondern nur das desiderium sui als des allein Seienden setzen kann“1.

Dieses durch die Teilgabe seiner Idee ungemessen zu stillende desiderium [108] sui ist die Möglichkeit seines Anderen und ist, von Gott her, gerade seine Allmacht. Es ist als vorweg überholt und umfangen in Gott „gegenwärtig“, seine „Gestalt“ in sich selbst: angesichts alles – so eben möglichen – Anderen Er selbst, Er unbedingt zu sein. Von sich her das „Nichts“ des Seienden, „ist“ Gott so allererst von der Möglichkeit seines Anderen, vom Nichtsein seines Anderen aus sich her gerechnet, welche Möglichkeit aber in ihm, nicht außer ihm steht. Dieses Nichtsein seines Anderen aus sich, das Andere als ihm möglich und in seiner Macht, ist in Gott freilich anwesend allein als seine Macht, und zwar als reine Macht, die ihres Bemächtigbaren nicht „bedarf“, um sich mächtig zu erweisen, sondern sich selbst genügt und erfüllt. Die „indigentia Dei“ ist in Gott nur als Positivität ihres vollendeten Aufgehobenseins.

Um die reine Mächtigkeit, die Offenheit zum Anderen, die sich in diesem weder gewinnt noch verliert, als „Überfluß“ zu bezeichnen2 : Gott muß sich selbst als der „Überfluß“ offen sein, wenn er frei sein Anderes hervorbringt. Überfluß aber ist als solcher nur offen, wenn er auf ein messendes „Bedürfnis“ bezogen wird. Beide sind nur gleichzeitig. Deshalb ist es nicht genug, zu sagen, „daß der Überfluß das Bedürfnis erfunden habe, als ob der Überfluß sich anders als nur im Bedürfnisse, das Bedürfnis sich anders als am Überfluß fände"3. Vielmehr gilt, „daß nur das Bedürfnis den Überfluß zu sich bringt“4. Das Bedürfnis aber, das den Überfluß zu sich bringt, der Gott sich selber ist, kann nicht außerhalb Gottes sein; Gott ist vielmehr die das Bedürfnis gerade ausschließende Identität seiner selbst als Bedürfnis – mit sich selbst als Überfluß.

Baader faßt dies ins Auge, wenn er von Gott aussagt, „daß ohne seine ewige Natur (nicht Kreatur) sein heiliges Leben nicht verlauten oder sich aussprechen möchte. Soll nämlich Gottes Heiligkeit, Einheit und Liebe offenbar werden, so muß etwas sein, dem die Liebe und Einigung als Gabe und Gnade nottut, und das an und für sich diesen nicht gleich, somit durch sie auszugleichen ist. Und dieses ist, wie gesagt, der Naturwille.“5

Die in Gott ewig aufgehobene indigentia sui bezeichnet Baader immer wieder als „ewige Natur“, „Natur in Gott“6, wie sich leicht aus dem Bezug seines Gottes- und Schöpfungsgedankens auf die dynamischen Proportionen des Seins und Geschehens ergibt7.

Natur ist bei Baader allgemein gedacht als „selblos“ im Bezug zum „Selbstischen“ innerhalb des einen Selbst, als an sich selbst in der Normalität infolgedessen nur subjiziert und verborgen, als Bedingung der „Leiblichkeit“ des aktiven Geistes8. Alle diese Bestimmungen gelten auf ihre – höchste, sie sich selbst enthebende – Weise nach Baader auch von der Natur in Gott.

Natur als selblos: Die indigentia Dei „ist“ gerade nicht selbst und inso- [109] fern der reine Gegensatz zum „allein Seienden“9; doch eben deshalb fällt ihr „Sein“ und also auch schon ihr radikales „Aufgehobensein“ in den allein Seienden, in sein – so gerade als solches sich erweisendes – Sein. Ist Sein nicht ohne das in seinem Zukommen beschlossene, weil erst nachträglich ausgeschlossene „Nicht“ aussagbar, so ist Gott gerade als das „Nicht“ dieses im Sein mitgesagten Nicht, als die ausschließende Umkehrung des Zukommens. Von Natur als einem „Besonderen“ kann daher „in Bezug auf Gott“ nicht die Rede sein, sie ist nichts als das Da seiner Fülle und somit als „selblos“ konstitutiv im absoluten Selbst. Ein „Dualismus, nämlich des Geistes und der Natur in Bezug auf Gott“ ist folglich ausgeschlossen10. Baader wendet sich gegen „alle Systeme, welche dieses Prinzip der Natur entweder außer, d. h. neben Gott setzen oder welche Gott aus Geist und Natur zusammengesetzt sich vorstellen“11; nein, insofern Gott „Geist“, an sich selbst ursprüngliche Fülle ist, „ist“ er auch als Selbst das schlechthin erfüllte und aufgehobene, „selblose“ desiderium sui, „Natur“. Baaders Formel: „Da der Begriff des Geistes jenen der Naturfreiheit, somit das Gegenteil der Naturlosigkeit aussagt, so muß der absolute Geist zugleich die absolute Natur sein.“12 Die Natur ist also im Sinne Baaders gerade kein „ens praeter Deum“13, auch kein Anfang Gottes aus „blindem Sehnen“14, kein „Finsterwesen“ in ihm15; ja in Gott darf nicht einmal „die Natur als etwas vor dem Geiste“ oder „der Geist als etwas nach der Natur Bestehendes“ gedacht werden, vielmehr nur „die wechselseitige ewige Voraussetzung beider, sohin ihre wahre Identität“16, freilich „nicht Einerleiheit“17, wie sich an der notwendigen Brechung der Aspekte im Sein dessen, was aus Gott her ist, und im Erscheinen Gottes in diesem seinem Anderen zeigt.

Wenn andererseits Baader im selben Zusammenhang, in welchem er die Identität von Geist und Natur betont, letztere gleichwohl bezeichnet als das, „was, ob es schon Gottes ist, doch unter Gott ist“18, so liegt es ihm ferne, Natur schließlich doch als Zwischending Gottes und der Welt zu statuieren. Natur ist vielmehr im gleichen Sinne „unter Gott“ wie die „Idee“19 : als „Funktion“20 und Moment, über die er sich in sein vollendetes Sein je schon erhoben hat und durch die er seinem Anderen erschaffend das Sein vermitteln kann. Natur ist das Unten, das darin als überboten gegenwärtig gehalten wird, daß der göttliche Gott auch in und für sich selbst schon das „Oben“ ist.

Das durch die Natur in ihrer Aufgehobenheit vollbrachte „exoterische Sein“ Gottes ist seine „Gestalt“, in Baaders Sprache: seine „Leibhaftigkeit“, die „Herrlichkeit“, der „Himmel“, der „Thron“, in welchem er gerade aufscheint als der im unzugänglichen Lichte Wohnende; ist der Glanz seiner Unfaßbarkeit, den er ausstrahlt eben in der Positivität des Ausgeschlossen- [110] seins des Nicht und Anders, der Aufhebung der indigentia sui. „Bei dem Worte: ,Unser Vater im Himmel' denkt man sich wenigstens keinen geschaffenen Himmel, und wenn man sagt, daß Gott keiner Stätte (Orts) bedarf, sondern sich selber seine Stätte ist, so unterscheidet man doch Gott und Stätte.“[^59] „Die Natur, welche in ihrem Urstand als indigentia Dei sich kund gibt“, ist „in ihrer Vollendung als manifestatio gloriae Dei gleich jenem den Thron Gottes bildenden Cherub in Ezechiels Vision“[^60], „wie denn splendor auch Herrlichkeit oder Siegespracht heißt (majestas)“[^61], eben als die Aufgehobenheit der indigentia sui in Gott.


  1. SpD 1,11 VIII 114. ↩︎

  2. Vgl. MM 2 XIII 166. ↩︎

  3. FC 5,20 II 348. ↩︎

  4. SpD 1,8 VIII 83. ↩︎

  5. Hegel IX 322. ↩︎

  6. Vgl. XVI 345 unten („Das Naturprinzip“ bis 347 unten „Die sieben Naturgestalten“). ↩︎

  7. Siehe Abschn. III 4. B. c dieser Untersuchung. ↩︎

  8. X 318 ff. ↩︎

  9. SpD 1,11 VIII 114. ↩︎

  10. MM 3 XIII 173. ↩︎

  11. Ebd. ↩︎

  12. SpD 5,8 Zusatz 1 IX 218. ↩︎

  13. III 324. ↩︎

  14. SpD 1,7 VIII 65. ↩︎

  15. Vgl. SpD 1,10 VIII 91; MM 12 XIII 209; I 396; APh 11 II 466. ↩︎

  16. FC 6 Vorrede II 378. ↩︎

  17. FC 6 Vorrede II 379. ↩︎

  18. MM 3 XIII 171. ↩︎

  19. Vgl. FC 2,19 II 224. ↩︎

  20. Vgl. FC 2,19 II 223. ↩︎