Das Wort für uns

Not mit dem Beten

Alles dies wäre kostbar, und falls es für uns zutrifft, so wäre es wohl dennoch sinnvoll weiterzulesen, wenn nun über die Nöte und Schwierigkeiten des Betens nachgedacht wird, in denen nicht wir, aber sehr viele von unseren Mitmenschen drinnenstecken. Der, zu dem wir beten, ist auch der Vater dieser anderen, und wir sind ihre Brüder. Wir können gar nicht eigentlich beten, indem wir diese anderen außer acht lassen. Es führt zu unserem gemeinsamen Vater und über unseren gemeinsamen Bruder Jesus kein Weg an einem unserer Mitmenschen vorbei. Die anderen gehören immer mit dazu, und zwar nicht als die „armen“ andern, die draußen stehen und die von uns, den „Habenden und Vermögenden in Sachen Gottes“ mitleidig mitzuziehen wären, sondern als die, die am meisten drinnen sind. Sie sind nämlich drinnen in dem Gebet aller Gebete, [83] im Gebet des Sohnes zum Vater, als er gerade nicht mehr beten konnte. Und das Gebet des Geistes in uns bestätigt gerade unsere Nähe zu denen, die nicht beten können. Wie nämlich Paulus sagt, „nimmt sich der Geist unserer Schwachheit an. Denn was wir beten sollen, wie es not tut, wissen wir nicht, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unsäglichem Seufzen; der aber die Herzen erforscht, der weiß, was das Sinnen des Geistes ist, weil er bei Gott eintritt für die Heiligen“ (Röm 8,24–27).

Wenn wir diesen Text ernst nehmen, gilt also, daß keiner von uns beten kann. Aus uns selbst fehlt uns das Wort. Der beten kann, ist ein anderer, ist der Geist; nur er in uns vermag zu beten, wie es recht ist. Was heißt aber dieses Nichtkönnen, das vielen von uns so spürbar und bedrängend und vielen sogar schon bereits so selbstverständlich ist, daß ihr Nichtbetenkönnen sie gar nicht anficht? Einige Stichworte seien genannt.

Wir schätzen heute zu Recht das Ethos einer radikalen Redlichkeit hoch. Wenn wir aber den Maßstab der Redlichkeit an unser Leben anlegen, dann spüren wir bald, daß unser alltägliches Handeln geleitet ist von vielerlei selbstsüchtigen [84] Interessen und gesteuert von vielerlei undurchdringlichen Einflüssen unserer Umwelt. Unser Leben ist alles eher als ein beständiges Du-Sagen über uns hinaus, als eine Öffnung hin zum letzten Grund und Ziel des Daseins, hin zu Gott. Und da kommt es uns eben unehrlich vor, plötzlich umzusteigen und zu tun als ob, du zu sagen in fertigen Formeln wie zu einem guten Freund unseres täglichen Umgangs. Und wenn wir's wollten, es wäre nur wie eine schale Form, die wir nicht mit dem Mark unseres Lebens zu füllen vermöchten; ein Klischee, hinter dem nicht mehr steckt als hinter den hundert anderen Klischees, die unser Verhalten tagein und tagaus programmieren. Aber dafür ist der Name Gottes und seine wenn auch noch so ferne und undeutliche Wirklichkeit zu schade. So ungefähr sieht eine der Gestalten von Not und Beten aus.

Eine andere: Haben wir nicht allzulange das Beten dort angesetzt, wo wir nichts mehr glaubten tun zu können ? War das Gebet nicht nur eine Ausflucht davor, uns den harten Fragen, den Ausweglosigkeiten in unserem Leben und im Leben der andern nüchtern, reflektierend, tätig zu stellen? Ist es nicht menschlich anständiger [85] und geschichtlich verantwortungsbewußter, wenn wir dort, wo man's am liebsten mit dem Beten probieren würde, die Frage riskieren: Was ist da zu tun?

So sagen heute viele, und bei anderen verschärft es sich noch. Durchschauen wir heute nicht viel besser die Zusammenhänge der Welt und des Lebens als früher? Wissen wir nicht, wie festgelegt, wie determiniert der Lauf der Welt ist, von wieviel Faktoren abhängig, die sich aufzählen und nachrechnen lassen? Ist da die Vorstellung von einem Gott, der die Kulissen der Welt aus dem Hintergrund anders zurechtschiebt, die Idee von dem großen Puppenspieler, der alles nach seiner Laune, die wir ihm mit unseren Bittgebeten einflößen, an unsichtbaren Drähten tanzen läßt, nicht schrecklich überholt? Auch wer an Gott glaubt, kommt heute oft in Schwierigkeiten damit, wie denn Gottes Wirken auf die Verhältnisse der Welt konkret aussähe und was ein bittendes Umstimmenwollen des Gottes denn für einen Sinn habe, der, wenn er Gott ist, doch alles schon je weiß und sieht.