Das Neue ist älter

Omne ens est catholicum

Die Verschiebung in den Transzendentalien geht weiter. Was in den „klassischen“ Transzendentalien das unum sagte, das sagt in unserem Kontext das catholicum. [89] Man könnte es übersetzen mit: Sein im Ganzen, also mit: Sein im Zusammenhang, Sein in der universalen Offenheit.

Wir sind nur einen kaum merklichen, nichtsdestoweniger wichtigen Schritt über das beim „unum“ Wahrgenommene hinausgegangen. Wir sahen bereits: Synthese nach innen geschieht nur in der Kommunikation nach außen. Sein heißt Sein stiften bzw. empfangen, also einen und geeint werden. Wenn unum sich als catholicum auslegt, tritt damit ein Doppeltes hervor: a) Das „Interesse“ des Einsseins ist nicht zuerst Interesse an sich, an der inneren Geschlossenheit dessen, was da eins ist, sondern transzendierendes Interesse. Nur im Transzendieren, nur in der Öffnung vollbringt und versteht sich Einheit. Einssein heißt mitspielen mit ..., beitragen zu ..., offen sein für ... Die innere Einheit konstituiert sich nur in ihrer Wechselwirkung mit diesem Woraufhin. In dieser Wechselwirkung ist die innere Einheit freilich konstituiert und konstitutiv zugleich. Diese Wechselwirkung aber kann nicht erst hinzugezählt werden zur Einheit, sie ist ihr wesensgleich, sie ist sozusagen das, was Einssein zum Einssein macht. b) Diese Transzendenz, in welcher Einheit erst als Einheit lesbar wird und auf die hin innere Einheit ihren Sinn hat, von der her sie sich definiert, ist Transzendenz zum Ganzen. Was ist, überschreitet sich nicht nur zu einem anderen, sondern je zum Ganzen hin, ist nur vom Ganzen her, erhält seinen spezifischen Ort im Sein, indem es sein Verhältnis zum Ganzen vollbringt. Dies ist das Kennzeichnende, Unterscheidende von Katholizität. Sie qualifiziert die Selbsttranszendenz und somit die Einheit des Seienden.

Solche Katholizität, solches Einssein mit sich als Einssein mit dem Ganzen und im Ganzen, bezeichnet zugleich ein Äußerstes und ein Innerstes des Seins.

Ein Äußerstes: Was immer ist, ist wichtig für alles, was ist, für das Sein selber, fürs Ganze. Nur in der Liebe kann solche Bedeutsamkeit des Kleinsten und Geringsten und Jeweiligen fürs Ganze ermessen werden, aber umgekehrt gehört diese Universalität zur Liebe: Universalität, der es gerade ums Detail, der es gerade um den Rand geht. Alles ist wichtig in sich für die Liebe, weil der Liebe das Ganze wichtig ist. Umgekehrt ist solche Bedeutsamkeit des noch so winzigen und flüchtigen und ungewichtigen und am Rande liegenden Seins für das Sein im ganzen eine radikale Umpolung des Interesses, welches das Seiende je an sich selber hat. Es kann nur Interesse an sich selber geben, wenn dieses Interesse sich öffnet, wenn es katholisch wird, Beitrag zum Ganzen, Interesse fürs Ganze, Egoismus zu zweit, Fixierung auf nur ein Nächstes gehen nicht mehr an. Sein kann nie binitarisch, es kann nur trinitarisch gelingen. Sein ganz für den Nächsten, Sein in aller Ausschließlichkeit für nur Einen, bewährt sich nur in der Offenheit fürs Ganze.

Damit haben wir aber zugleich das Innerste berührt, was im Kontext der Katholizität des Seins zu sagen ist: Indem der Vater sich ganz dem Sohn mitteilt, ist das Ganze in ihm ganz da. Das Ganze aber ist im Sohn ganz da, indem der Sohn auch seinerseits sich ganz dem Vater mitteilt, indem die ganze gegenseitige Hingabe den Geist entspringen läßt, so daß das eine Ganze, das in Vater und Sohn lebt, of- [90] fenbar wird im Geist. So ist das Ganze in Gott, in seiner Dreifaltigkeit allein gegeben – und ist zugleich der Transcensus Gottes, seine Offenheit für sein Anderes als freie Möglichkeit eröffnet.

Der nur in sich selber zählbar ist und nicht hinzuzählbar zu anderem, der eine und einzige Gott, wird in der Schöpfung „zählbar“ eins als katholisch. Wir können sprechen von Gott und Welt. Und indem der Sohn Mensch wird, zählt er sich selber hinein in diese Welt, wird er einer für uns und unter uns. Ich zähle unendlich in mir selber, weil er sich für mich gibt – und so zähle ich gerade nicht nur in mir selber, sondern ich zähle fürs Ganze, bin da fürs Ganze, da im Ganzen. Die Verwandlung der Einheit zur Katholizität hat unabsehbare Folgen.