Denken der Grenze – Grenze des Denkens

Philosophie und Theologie

Wo das Denken sich einläßt auf diesen Weg, da wird etwas Ungeheuerliches verständlich. Dieses Ungeheuerliche begegnete uns in aller Leichtigkeit und doch erregend in Bernhard Weltes Text von der Grenze. Hören wir den hierfür entscheidenden Abschnitt: „Wer über das Wesen der Grenze nachdenkend ihre unbegreifliche Abgründigkeit und Anfänglichkeit schließlich wahrnimmt, der wohnt in solchem Wahrnehmen vielleicht dem großen Anfang selbst denkend bei, jenem Anfang, der wohl immer noch am besten mit den einfachen und freilich nicht in der Weise der Wissenschaft sprechenden Worten des Anfangs der Bibel benannt wird...‘“.1 Denken als Beiwohnen dem Anfang – und Zuspruch dieses Anfangs in einem Wort, das nicht aus der Selbstverantwortung des Denkens geboren, sondern ihm zugesprochen ist als Offenbarung. Da wird nicht aus dem Denken Offenbarung konstruiert, da wird sie nicht als eine bildhafte Einkleidung und Verdeutlichung des dem Denken Denkbaren statuiert und somit in ihrem Ereignis verfehlt. Da wird aber auch das Denken selber nicht aus seinem eigenen Anfang und seiner eigenen Würde hinweggerückt, so daß nun Offenbarung das Denken, das von sich aus das letzte nicht vermochte, ersetzt. Da werden schließlich beide nicht zusammenmontiert [25] wie zwei von außen aneinander gerückte Hälften, die aufeinander angewiesen sein mögen, aber außereinander bleiben. Da wird das Denken ergriffen von dem Wort, in welchem sich der Anfang, dem es beiwohnt, von sich her zuspricht und deutet. Und da läßt dieser Anfang selber sich über seine Grenze hinein in den Bereich jener Worte, die das Denken mitbringt und die ihm doch vergehen und neu werden und so erst vom heiligen Ursprung beanspruchbar werden, indem es sich an seine letzte Grenze wagt. Nur solches folgsame, dem anfänglichen Ruf folgende Denken, nur solches von sich selber umkehrende und sich in seine Umkehr mitbringende und sogleich loslassende Denken kann Zeuge der Offenbarung werden; Offenbarung aber kann nur Glaube und nur bezeugtes Wort werden, indem solches umkehrende Denken sich ihm öffnet, sich und seine Worte ihm einräumt. So suchen Glaube und Vernunft einander, so begegnen sie sich an der Grenze.2 An dieser Grenze wird das Denken, wird die Philosophie hineingenommen in ihr Anderes und wird das Andere hineingegeben in das Eigene des Denkens, und beide bleiben doch ungetrennt und unvermischt sie selbst.

Ein letztes und tiefstes Mal ereignet sich Grenze. Dieses ist dieses und nicht jenes, jenes jenes und nicht dieses. Beide achten das Nicht und erhalten sich selbst in ihrer Bestimmtheit geschenkt, und zwischen beiden geschieht jenes Und des Zusammenspiels, in welchem Denken und Glaube einander vertrauen, einander frei lassen, einander in Anspruch nehmen. Das Denken, das an seine Grenze stößt, indem es sich selber denkend Grenze denkt, ist klein und groß genug, um jene Grenzerfahrung zu machen, die Johannes vom Kreuz uns anempfiehlt: „Del Verbo divino / la Virgen preñada / viene de camino: / si le dais posada!“

„Die Jungfrau kommt, schwanger
vom göttlichen Worte,
ihr Weg war ein langer,
tu auf deine Pforte.“3


  1. A.a.O. 69. ↩︎

  2. Vgl. Exkurs 2. ↩︎

  3. Gedichte XXI. ↩︎