Politik und Ethik

Philosophische und theologische Analogien

Für die phänomenologische Frage, was das spezifisch Politische sei, und für die damit zusammenhängende Frage, was dieses spezifisch Politische mit dem spezifisch Ethischen zu tun habe, wurden mir vor allem vier Denkmotive der philosophischen und theologischen Tradition wichtig. Sie haben – mit höchstens einer Ausnahme – unmittelbar mit der Welt des Politischen nichts zu tun.

Da ist zunächst einmal Thomas von Aquin, der, über die Ursächlichkeit Gottes nachdenkend, darauf stößt, daß es der ersten Ursache ansteht, nicht nur Wirkungen zu schaffen, sondern Ursachen. Was also die Einzigartigkeit und Allursächlichkeit der Erstursache Gott zu beeinträchtigen scheint, bestätigt sie: daß er Seiendes erschafft, das selber Ursache wird.1

[67] Schelling entwickelt einen ähnlichen und doch anders gerichteten Gedanken, der sich, da auf die Weltgeschichte bezogen, näher an das Feld des Politischen heranführen läßt: Geschichte als ein Schauspiel, das einen einzigen Komponisten oder Dirigenten hat, der aber so komponiert und dirigiert, daß die in der Geschichte Wirkenden sich selber, ihre eigene Freiheit „spielen“, indem sie ihm folgen.2

Ein dritter Gedanke, der aus einer in Augustin verwurzelten Tradition katholische Dogmatik insgesamt bestimmt, betrifft das Verhältnis von Gnade und Freiheit. Gnade als göttliche Vorgabe und menschliche Freiheit sind einander nicht derart zugeordnet, daß der Anteil der Gnade am Ganzen jenen der Freiheit verringert, sondern umgekehrt: Gottes Wirken ist dergestalt, daß es Freiheit hervorruft, gründet, freiläßt, mehrt. Selbstsein des Menschen ist, aus der Perspektive des schaffenden und begnadenden Gottes gelesen, nicht ein bedrohlicher Gegensatz, sondern eine Bestätigung und Frucht der alles setzenden und vermögenden göttlichen Freiheit. Diese muß allerdings als Freiheit und so gerade nicht nach einem heimlicherweise doch mechanistischen Verständnis von Kausalität gedacht werden.

Derselbe Grundgedanke in einer anderen Stellung kehrt wieder in der spekulativen Durchdringung des Dogmas von Maria als Theotokos, als Gottesgebärerin, welches in der Mitte des Konzils von Ephesos 431 stand. Menschwerdung Gottes von Gott her ist Menschwerdung zugleich vom Menschen her. Die Allein- und Allursächlichkeit Gottes schließt die Mitursächlichkeit des Menschen für das Dasein Gottes in unserer Geschichte, in unserem Fleisch nicht aus, sondern ein.

Es geht hier nicht um die angeführten Denkfiguren je in sich. Wohl aber verweisen sie uns als Motive auf einen fundamentalen Sachverhalt: Göttliche Erst- und Allursächlichkeit und geschöpfliche Ursächlichkeit sind keine Gegensätze, vielmehr ist die Ursächlichkeit des Geschöpfes höchstes Bild und höchste Verwirklichung göttlicher Ursächlichkeit. Dies hat seine Spitze im Verständnis des Zusammenhangs zwischen göttlicher und geschöpflicher Freiheit. Schelling, aber auch Erwägungen des Thomas von Aquin in den einschlägigen Partien der „Summa contra gentiles“ öffnen das Verhältnis zwischen unbedingter und bedingter Kausalität auch in das Zusammenwirken geschöpflicher Ursachen hinein.


  1. Vgl.: Thomas von Aquin, S. c. gent. l. 1, c. 15 und l. 2, c. 42 und 45. ↩︎

  2. Vgl.: Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: System des transzendentalen Idealismus III, in: Schriften von 1799–1801, Darmstadt 1967, 603f. ↩︎