Weite des Denkens im Glauben – Weite des Glaubens im Denken

Pietas des Denkens*

Die vierte Stufe fängt mit einer kritischen Rückfrage an: Hätte sich Bernhard Welte richtig verstanden gefühlt, wenn man ihm gesagt hätte: „Sie sind nicht mehr der Denker des Subjekts, sondern des Wir. Sie sind nicht mehr der Denker der Zeitlosigkeit oder des Historismus, sondern jener der Geschichte und der Epochalität und des Gesprächs zwischen den Epochen. Sie sind nicht der Denker des Begriffs, sondern jener der Sprache, der Sprache in einem umgreifenden Sinn“? Ich glaube, er wäre nicht vorbehaltlos einverstanden gewesen. Er hätte erwidert: „Das kann man so sehen. Aber ich will auf die ‚Sachen‘ schauen. Dann sehe ich auch diese Unterschiede. Aber macht doch bitte aus dieser neuen Sicht kein System, in das Ihr mich verstaut! Redet nicht so über mich, sondern denkt mit mir!“

Alles, was wir entdeckt haben, bleibt richtig, aber wer mit Welte denken will, der muß eine vierte Stufe ersteigen, nämlich die der für ihn charakteristischen pietas des Denkens. Die Weite seines Gedankens ist die pietas des Denkens.

Dies bedeutet zum einen – und ist im Bisherigen schon gesehen –: „Denke nichts, was Du nicht gesehen hast, denn sonst hast Du es nicht gedacht.“ Die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit, deren Phänomene meinen unverstellten und eigenen Blick verdienen, und die Unverstelltheit des Denkens in sich, das sich nicht selber unterbietet und das seinem Anspruch von innen her gerecht wird, die Dinge so, wie sie sind, in sich aufgehen zu lassen und zu wieder-holen, das ist dabei der erste Schritt.

Dann aber kommt mit dieser pietas ein zweites Moment in den Blick, das wir bereits gesehen haben und das dennoch eines Filters bedarf, damit wir nicht fälschlich doch ein System aus der pietas machen: Es ist die Behutsamkeit, das Unbedingte vorsichtig im Bedingten und Endlichen zu ertasten. Welte hatte immer [233] die pietas, das Größere als das, was das bloße Denken ist, im Denken zu entdecken.

Das Denken ist in ungeheuerlicher Weise viel größer als es selbst. Das doppelsinnige Wort von Blaise Pascal: „L’ homme passe infiniment l’ homme“, heißt zugleich: „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen“ und „Der Mensch entgeht unendlich dem Menschen“. Dies sind Grundaussagen der pietas des Denkens von Welte. Denken, das sich bloß behauptet und das sich nicht in Frage stellt vor dem Größeren, das es nicht erreicht, ist kein wahres Denken; und Denken, das sich verschließt vor dem, was über es hinausgeht, ist kein Denken.

Die pietas führt dann zu der eigentümlichen Ehrlichkeit gegenüber dem, was das Denken nicht vermag. Diese Ehrlichkeit des Denkens hat zwei ganz unterschiedliche Dimensionen, die mir beide sehr wichtig erscheinen.

Einmal: Das Denken, immer auf Sprache angewiesen und in die Sprache eingebunden, entdeckt, daß es vor dem Unendlichen sprachlos wird. Die pietas ist der Verzicht des Denkens auf sich um des Denkens willen. Es geht nicht mehr um denkende Begriffe, sondern nur noch um die Wüste Gottes, in die uns ein Meister Eckhart hineinführt. Wir treffen auf jenes Innerste, das Bernhard Welte immer wieder mit einem Satz aus dem Zen-Buddhismus belegte und der so tief in den Glauben des Christentums hineinführt wie wenig andere: „Denke dir, daß du über einem bodenlosen Abgrund dich an einer Wurzel mit beiden Händen festmachst. Du hast keinen andern Halt mehr. Und dann öffne die Hände und lasse dich fallen!“ Dies war für Welte ein entscheidender Satz, der die pietas des Denkens zuinnerst kennzeichnet: Sich nicht mehr festmachen an sich oder an dem Etwas, das zu denken ist, sondern sich dorthinein fallen lassen, wo es einem die Sprache verschlägt und wo sie sich dann neu zu schenken vermag nach jenem gestern bereits von Bernhard Casper zitierten Wort Leos des Großen: Dort, wo der Ursprung der Schwierigkeit des Sprechens zuhause ist, entspringt auch die Unmöglichkeit zu schweigen.1 Welte geht es um die pietas, die sich [234] letztlich vor dem Unendlichen überantwortet und losläßt und die nicht nur irgendeinen Denkakt und eine Denkgestalt losläßt, sondern bei der sich jene Grundhaltung des Ausdenken-Könnens und des Gegenüber-Seins wandelt in das radikale Sich-dem-Geheimnis-Anvertrauen, das dann aber den Anschein und zugleich das Leuchten des Nichts hat. Dies das eine.

Das andere: Das scheinbar Kontrastierende und diesem Gedankengang doch von innen her zutiefst Verwandte ist dies, daß Leben, alltägliches Leben und existentielles Leben, mehr ist als das, was Denken aus sich vermag. Denken kommt in die Grenzerfahrung von Tod und Schuld, vor Einsamkeit und Tragik. In dieser Grenzerfahrung kann ein bloß phänomenologisches Beschreiben nicht mehr die Form des Denkens sein. Sondern hier ist eine metabasis eis allo genos, ein Umstieg in eine andere Weise, gefordert, fort vom Denken, hin zu einem neuen Daseinsernst, zu dem freilich gehört, daß er vom Denken begleitet wird.

Es waren die eindrucksvollsten Stunden bei Bernhard Welte, wenn er uns auf dem Weg der Phänomene bis dorthin führte, wo es nicht mehr weiterging, wo das Denken sich nicht mit einem Kunstgriff begnügen konnte, sondern wo es um ein letztes Ernstnehmen des sich Zeigenden und des Denkens des sich Zeigenden ging; wo alles Denken abbrach und wir in die Aporie stürzten, in der Bernhard Welte dann leise die Stimme der Hoffnung, die Stimme, die uns umblicken hieß, vernahm und vernehmbar machte. Welte vernahm sie nicht als Stimme eines deus ex machina; sie klang meist ganz anders als herkömmlich, aber sie erklang eben doch. Ich kann mich erinnern, daß ich als junger Mann erschrak, wie radikal er vom Tod sprach und wie dabei so gar nichts mehr übrig blieb von meinen Hoffnungen auf Unsterblichkeit – scheinbar. Und erst nachdem ich mit ihm in dieser Vorlesung „den Tod gestorben bin“, wirkte die Stimme nicht mehr als Vertröstung. Sie sagte mir vielmehr, daß ich eigentlich im Nichts auf das hin höre, was als Geheimnis bleibt und mich versiegelt. Und daß eigentlich der, der „Ich bin“ sagt, dieses absolute Geheimnis des Nichts ist. Und wie darin – nicht in einer dialektischen Vermittlung, sondern in einer unableitbaren Weise [235] des Vertrauens – die Hoffnung wächst. Wo das Wort vor dem Geheimnis erstirbt, ehe es sich, wenn Gott will, neu schenkt und vom konstruierenden oder auch begleitenden Denken zum radikalen Ernst wird, in dem dann durch das Nichts hindurch neu sich schenkt, was sich da zeigen will – dort ist pietas des Denkens.

Hier war auch der Ort, von dem her Bernhard Welte in unvergleichlicher Weise, wenn auch manchmal exegetisch abkürzend, den Umblick auf die vielen Gestalten des Heils erschloß und auf den Einen blickte, nach dem wir ausschauen. Nur Einer ist es, der uns das Geleit gibt, nur Einer, in dem alle Erfahrungen mitgelitten und gesammelt sind, nur Einer, der alle Gottverlassenheit in seiner einen durchlitten hat; nur Einer, der uns sagt: „Hoffe!“ und der antwortet mit seinem einen Wort und mit seinem einen Zeichen. Er gibt den vielen logoi spermatikoi und den anderen Botschaften eine Mitte, in der wir ehrfürchtig Hoffnung haben dürfen. Dies ist die pietas der Hoffnung auf das Wort hin, das sich uns zuspricht, dem wir nicht mehr mit philosophischer Erwägung, sondern nur noch mit unserer antwortenden, demütigen, zitternden Entscheidung selber gerecht werden können.

Das ist die pietas des Denkens bei Bernhard Welte, der vierte Schritt, in dem die Weite des Glaubens sich einpflanzt in die Weite des Denkens, und, „da mir eng war“,2 Er selber mir Weite schenkt.


  1. Vgl. Casper, Bernhard: Verhaltenheit – Zum Stil des Denkens Bernhard Weltes, in: Wenzler, Ludwig (Hg.): Mut zum Denken, Mut zum Glauben. Bernhard Welte und seine Bedeutung für eine künftige Theologie (Tagungsberichte der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg), Freiburg i. Br. 1994, 156. ↩︎

  2. Anspielung auf das Leitwort Bernhard Weltes, Ps 4,2: „Da mir eng war, hast Du mir's weit gemacht.“ ↩︎