Christliche Spiritualität in einer pluralistischen Gesellschaft

Positives Profil der Botschaft

Genau an dieser Stelle treffen wir auf das Positive, das in der Negation, auf das Ja, das im vierfachen Nein verschlossen liegt. Der Logos, der Sinn und Grund von al- [100] lem, ist nicht neutrales Prinzip, nicht ein Es, mit dem etwas geschieht, sondern ein Du, das handelt, das sich von sich her in seine Geschichte begibt. Dies ist unmittelbar angesprochen in der Verhältnisbestimmung des Logos zu Gott, für welche im Johannesprolog die Partikel „prós“, „hin zu“ steht: der Logos ist hin zu Gott und ist Gott (Joh 1,1). Das ganze Johannesevangelium entfaltet immer wieder diesen Bezug: das Gottverhältnis Jesu ist nicht etwas Nachträgliches und Zusätzliches zu dem, was er ist. Er kommt aus diesem Verhältnis auf uns zu, ist ganz und gar bestimmt von ihm, und nur so erhält sein Wort und sein Wirken den Charakter der letztgültigen Offenbarung Gottes, der ausschließlichen Vermittlung zwischen Gott und Welt.

Indem aber aus diesem Verhältnis vom Vater der Logos hervortritt, indem er Fleisch wird, indem er in Jesus begegnet, indem Jesus in unserer menschlichen Realität die Realität Gottes selbst aufschließt und uns an ihr teilgibt, ereignet sich aufs neue vielfältige Beziehung.

Lesen wir sie unmittelbar an unserer Formel und ihrem Kontext ab. Da ist ein „wir“: unter uns hat das Wort Wohnung genommen, wir haben seine Herrlichkeit gesehen. Wir, das sind die Menschen, aber die Menschheit verdichtet sich dort, wo Menschen sich dem Logos öffnen, wo sie in die Gemeinschaft mit dem Logos eintreten. Es gibt die Möglichkeit der Ablehnung, des Sich-Verschließens. Nicht alle nehmen das Wort auf: Die Seinen haben ihn nicht erkannt. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden (Joh 1,11f). Dem Kommen, dem Entschluß des Wortes zu uns antwortet der Entschluß des Glaubens, des Annehmens. Darin wächst Gemeinschaft mit ihm und miteinander (vgl. 1 [101] Joh 1), Gemeinschaft der Erfahrung und des Zeugnisses: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen.

In solcher Gemeinschaft wird die Beziehung des fleischgewordenen Logos zum Vater die unsere: er ist der einziggeborene Sohn (Joh 1,14), allen, die an ihn glauben, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden (Joh 1,12).

In der Gemeinschaft mit ihm werden die Glaubenden aber nicht nur in die Bewegung zum Vater, sondern auch in die Bewegung vom Vater her, in die Sendung des Sohnes für die Welt mit hineingenommen. Unsere Formel ist unmittelbar gesprochen aus dieser Situation, ja diese Situation ist in ihr selbst mitgesagt. Sie steht auf dem verkündenden, sich verbürgenden Wir der Zeugen, die seine Herrlichkeit gesehen haben. Die Vorgeschichte dieses Zeugnisses wird im Johannesevangelium noch eigens eingeholt: jener, der das Innerste Jesu, der sein Verhältnis zum Vater und seine Hingabe für die Welt erschließt, der Zeuge schlechthin, ist der Geist, und dieser Geist wird den Jüngern verheißen und österlich mitgeteilt. Im Geist ist ermöglicht und gedeckt, was Jesus den Seinen ausdrücklich sagt: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch (Joh 20,21).

Fassen wir, nochmals verdichtend, das Ineinander der Beziehungen zusammen, die, abgelesen am Johannesprolog, das unterscheidend Christliche ausmachen:

Der Vater zum Sohn, der Sohn zum Vater – der Vater im Sohn und der Sohn mit dem Vater zur Welt, zu uns – wir zum Sohn und im Sohn zum Vater – wir um den Sohn zueinander, wir mit dem Sohn zur Welt.

Diese dürre Formel signalisiert eine Revolution. Zuerst die Revolution des Gottesbildes: Gott nicht mehr nur Substanz, die alles aus sich entläßt und alles zu sich zurückführt, Gott nicht nur je überlegenes, fremdbleiben- [102] des Geheimnis, das uns im bloßen Außerhalb beläßt, Gott nicht nur Tiefe der Welt und des Daseins, die uns nur zu uns selbst, nicht aber über uns hinaus finden läßt, sondern Gott selbst als Beziehung, als dreifaltiges Ineinander und Auseinander, das sein Geheimnis zugleich in sich selber wahrt und schließt und über sich hinaus öffnet.

Dann aber auch die Revolution unseres Gott- und Weltverhältnisses: keine weltflüchtige Versenkung ins göttliche Ein und Alles, keine Instrumentalisierung Gottes für das Bestehen und Gestalten des Lebens, der Welt, keine bloße Gesetzlichkeit, die geschöpflich die Pläne des Schöpfers in Frömmigkeit und Dienst erfüllt, ihn selbst aber als den nur Transzendenten oben beläßt. Vielmehr: Unmittelbarkeit zu Gott, und gerade daraus auch Unmittelbarkeit zueinander und zur Welt.

Gott bleibt der je Größere, indem er sich unbegreiflich schenkt, wir bleiben wir selbst, indem wir, von ihm beschenkt, in die Gemeinschaft mit ihm, ja in die Gemeinschaft, die er ist, hineingenommen werden – und in dieser Gemeinschaft werden wir auch hineingenommen in seine Bewegung zur Welt: wir dürfen ihn ihr schenken, indem wir dienend uns selbst verschenken. So ist das Christliche die Alternative zu allem Auseinanderreißen von Gott, Welt und Mensch, aber auch zu aller Reduktion bloß auf Gott, Welt oder Mensch.