Jugendarbeit aus dem Evangelium

Schritt: Die Alternative des Evangeliums: Nachfolge

Um es zunächst noch einmal von der Situation der Jugend her zu sagen: Es geht darum, daß Zukunft sich nicht erschöpft in ihrer Machbarkeit oder in ihrem Verhängnischarakter, sie soll Geschenk sein und Sache, zu der ich mich wagend entscheiden kann. Dasselbe anders gewendet: Es geht um die Überwindung der Isolation, die meine eigene Entscheidung lähmt, und um die Überwindung der Vermassung, in der ich bloß angepaßter Funktionär bin. Es geht also um Hingabe, in der ich mich finde, und darin um Gemeinschaft, die in sich ihre Mitte und ihre Tiefe hat und zugleich ihre Dynamik, die dienend über sie hinausfinden läßt.

Der Grundvollzug des Evangeliums beschreibt genau das, was hier not tut: Nachfolge. Welches sind die Momente?

a) Es erfolgt ein Ruf, der mich, den Einzelnen anspricht, trifft. Ich komme vor, ich werde ins Licht gehoben, ich werde herausgefordert.

b) Was mich aber herausfordert, ist nicht etwas, das ich aus mir selber kann oder aus mir selber mache, sondern der Ruf ist Geschenk, er begabt mich mit mir und meinem Weg von einem Gegenüber her.

[148] c) Das, was der Ruf eröffnet, ist ein Weg. Ich muß gehen, ich muß mich einsetzen, ich habe dabei die für die eine lebendige Zukunft konstitutive Unsicherheit, das Unabgeschlossene des Weges vor mir und habe zugleich jene den Weg tragende und ermöglichende Geborgenheit in dem, der mir voraus- und mit mir geht und der in der Unsicherheit die Sicherheit, in der Sicherheit aber das Unabschließbare „Jeweiter“ eröffnet.

d) Dieser Weg ist aber nicht romantische einsame Wanderschaft, sondern er ist Weg mit anderen und zu anderen: Gemeinschaft und Dienst. Nachfolge Jesu ist personale Beziehung zu ihm und personale Beziehung zu denen, die sich auf denselben Ruf einlassen, darin wirkliche Dichte und Intensität, aber zugleich die Öffnung in die gemeinsame Bereitschaft, den Weg Jesu mitzugehen, der als Weg zum Vater Weg für die vielen und zu den vielen, Weg für das Leben der Welt ist.

e) Nachfolge ist so das spannungsvolle Ineinander, die lebendige Synthese der Momente, die es der Jugend ermöglichen, Jugend zu sein, wenn auch aus einem Ansatz, der gerade nicht aus ihr selber wächst, sondern ihr zuwächst von dem großen Partner, von Gott her:

  • Zukunft ist möglich, Zukunft eröffnet sich – indem sie mir geschenkt wird.
  • Ich gestalte mein Leben und gestalte die Welt – indem ich mich auf einen anderen einlasse, von ihm führen lasse, von ihm tragen und begleiten lasse.
  • Ich finde mich selbst – aber gerade indem ich mich an einen anderen und mit ihm für die anderen verliere.
  • Ich lasse mich ein auf die Wirklichkeit, „passe mich ihr an“ bis zum Leiden, bis zum Tod – aber indem ich in dieser Anpassung das ganz Neue, die unerhörte Zukunft, die Ver- [149] wandlung des Menschen und der Welt erlebe und vollbringe.
  • Ich gerate in die höchstmögliche kritische Distanz zu allem, durchschaue alles und löse mich von allem – aber gewinne so gerade eine neue Zuwendung, ein neues Verstehen.

f) Dieses Nachfolgegeschehen, das die Jugend zu ihrem Jungsein bringt, spiegelt sich in Episoden und Worten des Evangeliums: Der Mut, alles zu verlassen, die Offenheit der Zukunft – und darin doch schon jetzt gegenwärtige Erfüllungserfahrung. Mk 10,28–30. Die radikale Offenheit für die Zukunft, die nicht haben und besitzen will, sondern sich einfach einläßt und weggibt: Mk 10,35–40. Das Engagement und der Wettstreit, der aber nicht zum Egoismus, sondern gerade zum Dienst und zur Offenheit führt: Mk 10,41–45. Die Überschreitung aller noch so treuen und biederen Anständigkeit in die radikale Entscheidungssituation: Mk 10,17–27. Die Dialektik zwischen Sich-Finden und Sich-Verlieren: Mt 16,25f. Die letztlich entscheidende Verbindung zwischen Gemeinschaftserfahrung und Gotteserfahrung: Mt 18,20. Das Ineinander von Intensität und Mission, Dienst, Weltbezug: Joh 17,21.