Seelsorge als geistliches Tun

Seelsorge als kontemplatives Tun

In mancherlei Spielarten kehrt bei Papst Johannes Paul II. öfters eine Formel wieder, die helfen kann, falsche Alternativen aufzusprengen. Evangelisation heißt – so der Papst – dem anderen helfen, sich in Jesus Christus zu finden. Ohne Evangelisation einfachhin mit Seelsorge gleichzusetzen, dürfen wir doch das Wesen von Seelsorge in dieser Formel entdecken, aus dieser Formel erheben.

Wir sprachen von falschen Alternativen. Hat Seelsorge einen theologischen oder einen anthropologischen Ansatz, einen Ansatz von oben oder von unten? Geht es um Selbsthingabe oder um Selbstfindung? Ist sie Aktivität des Seelsorgers oder Aktivität seines Partners? Die Aussage des Papstes läßt keinen Zweifel: Jesus Christus, sein Heil und seine Wahrheit sind vorgegeben, sie sind nicht Ergebnis menschlicher Bemühung und menschlicher Analyse. Aber sie sind so vorgegeben, daß darin der Mensch selber, von sich aus, sich einholt, sich entdeckt, sich verwirklicht. Das erfordert den Schritt des Menschen über sich hinaus – aber der Schritt über sich hinaus ist der wahre Schritt zu sich selber. Und dieser Schritt bedarf der Vermittlung, der Hilfe, des Angebotes – doch Vermittlung, Hilfe und Angebot ersetzen nicht das eigene Tun des Menschen, sondern setzen es gerade frei, begleiten es vom Menschen selbst her. Nur so kann er selbst sich selbst in Jesus Christus finden.

Dann aber – diese Konsequenz mag aufs erste überraschen – ist Seelsorge kontemplatives Tun. Aber denken wir es ein wenig genauer durch: Wie kann ich dem anderen helfen, sich in Jesus Christus zu finden, wenn ich nicht meinen Blick auf Jesus Christus richte? Der Blick auf Jesus und mit Jesus zum Vater ist die Voraussetzung, ist der Horizont, ohne welche Seelsorge ihr Ziel, aber auch ihren Inhalt verfehlt. Wenn ich nicht mit Jesus Christus vertraut bin, ihn „kenne“, ihn gefunden habe und je neu finde, dann kann ich nicht der Helfer und Begleiter dessen sein, der sich in ihm finden soll.

Da gehört freilich ein zweites mit hinzu, der Blick auf den anderen. Er, seine Eigenart, seine Situation müssen mir vor Augen stehen, damit ich ihm in Jesus Christus nicht eine beziehungslose Objektivität anbiete, sondern eben jenen, in dem er sich finden kann.

Und schließlich tut eine dritte Blickrichtung not. Wie ich auf Jesus und wie ich auf den anderen zu schauen habe, so habe ich auch auf mich selber zu schauen. Nur wenn ich mich finde in ihm, kann ich vermitteln, wie das geht: sich finden in ihm. Nur wenn ich bezeugen kann: In ihm bin ich ich, kann ich einladen, hinweisen, auffordern: in ihm bist du du.

Doch sollen wir solches dreifache Sehen schon Kontemplation nennen? In seiner letzten Konsequenz gewiß: ja. Denn in dieser letzten Konsequenz werden die drei Blickrichtungen eins, und in solcher Vereinigung hat spezifisch christliche Kontemplation ihr Unterscheidendes, ihr Wesen. Ich bin nicht, wie ich bin, sondern wie ich geliebt bin – von ihm. Du bist nicht, wie du bist, sondern wie du geliebt bist – von ihm. Jesus selber ist nicht einer, der nun einmal ist, wie er ist – er ist, wie er liebt, wie er den Vater liebt, dich liebt und mich liebt. Der Vater ist in ihm, ich bin in ihm, wir sind in ihm. Er ist jener, der im reinen Hinblick auf den Vater den Menschen, jeden einzelnen und uns alle, annimmt und in sich nimmt. Er schaut nur auf den Vater, und der Vater gibt uns ihm, gibt ihn hin für uns. Wir sind in ihm, in seinem Menschsein und seinem Leiden und Sterben, weil der Vater es will. Wer den Menschen sehen will, muß auf Jesus Christus sehen – und wer Gott sehen will, der muß auf Jesus Christus sehen, wer ihn sieht, der sieht den Vater (vgl. Joh 14,9). Christliche Kontemplation kann [273] doch keine andere sein als die Kontemplation Jesu selbst, der auf den Vater blickt und so auf die Liebe blickt, in der wir Menschen drinnen sind und wir Menschen dem Sohn gegeben sind. Sicherlich brauchen wir endliche Wesen dazu die unterschiedlichen Blickrichtungen. Aber wer ganz auf Jesus Christus schaut, schaut in ihm auf den Vater und auf uns hindurch. Und wer christlich auf sich selber blickt, der schaut auf Jesus Christus und auf die anderen hindurch. Und wer auf die anderen schaut, der schaut auf Jesus Christus und sich hindurch. Im Zerspanntwerden zwischen dem Herrn, den anderen und sich selber geschieht gewiß für den Seelsorger oft genug eine Zerreißprobe. Aber im gesammelten und sammelnden Blick auf Jesus ist sie zu bestehen, ist sie von ihm her bereits bestanden. Nur wer sich auf die Mitte Jesus Christus hin sammelt, potenziert nicht die Not dessen, der sich nicht findet, sondern löst diese Not, hilft, daß der andere sich selber findet in Jesus Christus. Seelsorge als kontemplatives Tun ist nicht eine aparte These, sondern ein notwendiger, für den Seelsorger selbst heilsamer und für die Seelsorge und ihrer Fruchtbarkeit entscheidender Lebensvollzug.

Er geschieht in unserem Inneren, gewiß. Aber er beschränkt sich nicht auf unser Inneres. Christliche Kontemplation muß geschehen bei jedem einzelnen, muß geschehen im Innersten, in der unzugänglichen Einmaligkeit meines „Ich selbst“. Aber was dort geschieht an Zuwendung zu Jesus und mit ihm zu den anderen und zu mir, das hat gleich ursprünglich und notwendig den anderen, integrierenden Ort: zwischen dir und mir und ihm. Kontemplation ist der Durchstoß durch mein Inneres in das Innere Jesu Christi selbst, Jesus Christus aber hat seinen Geist hingegeben, weitergegeben, und nun sind wir Christi lebendiger Leib, sind wir als Kirche der „totus Christus“. Der Schauplatz christlicher Kontemplation ist in letzter Konsequenz derselbe Schauplatz, auf dem Seelsorge unmittelbar geschieht: der Schauplatz des kommunikativen Geschehens von Kirche. Wenn wir an die Vollendung denken, auf die wir zugehen, dann kann dies eigentlich nicht überraschen: Selige Gottesschau und Gemeinschaft der Heiligen lassen sich nicht voneinander trennen, sind nicht zwei Himmel, sondern ein und derselbe Himmel.

Schauen auf Jesus, schauen auf den anderen, schauen auf mich, Jesus und die anderen und mich selber ineinander sehen, in jedem das Zusammengehören sehen – das führt, unser Stichwort von der Kontemplation erläuternd, erweiternd und umwendend, zu zwei anderen Stichworten. Sie stehen im Brennpunkt der – sagen wir es einmal so – „Theologie von Puebla“, will sagen jenes bewegenden kirchengeschichtlichen Vorgangs, den die Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe Anfang des Jahres 1979 in Puebla markiert. Die beiden Stichworte heißen participatio und communio, Teilhabe und Gemeinschaft. Setzen wir diese Worte ab von ihrem unmittelbaren Kontext in Puebla und lesen sie auf unsere These von Seelsorge als kontemplativem Tun hin. Der Sohn Gottes nimmt teil an unserem Leben, nimmt jeden Menschen, die Schuld und das Schicksal eines jeden Menschen zu eigen und besteht und verwandelt sie in seinem Leben und Sterben. Glaube und christliches Leben wiederum heißen: Jesu Dasein für uns, Jesu Liebe, Gottes Heilsgabe in Jesus annehmen, sich zu eigen machen, daran teilhaben. Und daraus folgt unabweislich die Verbundenheit derer, die an Jesus Christus glauben miteinander und mit der Welt, das Mittun der Lebensbewegung Jesu, seiner Teilnahme am Schicksal aller Menschen und seiner Gemeinschaft mit allen Menschen. Das Angeschaute christlicher Kontemplation und der Vollzug solcher Kontemplation sind participatio und communio, Teilhabe und Gemeinschaft. Unsere These „Seelsorge als kontemplatives Tun“ entläßt aus sich selbst eine andere: „Seelsorge als participatio und communio“.