Das Haus des barmherzigen Vaters

Sünde

Man könnte das nun ausmalen, man könnte die dogmatischen Kontexte dazu entfalten und zeigen, wie gut sich hier die ganze Theorie und Praxis von Erlösung und Leben aus der Erlösung einbetten lassen. Aber dürfen wir das? Sehen wir nicht manchmal hin an eine Grenze, die uns dies verbietet, an eine Grenze des Mißverstehens, des Nichtverstehens? Sehen wir nicht in soundsoviele Antlitze, die, wenn ich dies erzählte, nur unbetroffen den Kopf schüttelten und weitergingen auf ihrem Weg? Sagt Erlösung allen etwas? Sehen alle diesen Dom so, daß sie wirklich darin Gott und sich selber finden? Oder ist Erlösung für viele nicht unterwegs verlorengegangen, verloren wie das Ich im Spiegel?

Da sagen viele: Ein Haus am anderen Ufer nützt mir nichts, ich muß hier und jetzt leben und sofort; ein Heil, auf das ich erst später warte, ein Heil, auf das ich erst drüben hoffen kann, hilft mir nichts; jetzt muß ich leben, jetzt! Aber zeigt sich da nicht dieses Jetzt selbst als eine unheimliche Grenze, an der ich mich selber verfehle? Müßte nicht im Jetzt ein Haus sich öffnen, in das hinein ich ausbrechen kann aus dem Zwang des Weitermachens, der hektischen An-[18]passung, aber auch der panischen Sucht nach bloßer Selbstverwirklichung? Im Jetzt ein Jenseits, etwas das mich herausführt und weiterführt. Aber dieses jetzige, jeweilige Jenseits kann kein anderes sein als jenes, das im Tod noch mir winkt, für ganz und immer: Sein Haus, das mein Haus ist. Schwerer als dieser erste Einwand wiegt ein anderer. Für mich ist er verbunden mit einem Domerlebnis, das nicht am Kölner Dom anknüpft, sondern an dem in den winterlichen Himmel Wiens ragenden Stephansdom: Reinhold Schneiders „Winter in Wien“ . Der so vielen Menschen Glaubensmut zusprach in einer äußersten Bedrängnis, der gegen die Verfolgung das Haupt erhob und die Ängstlichen ermutigte, geriet selber an den Rand, sah eine eigene Kraft zum Zeugnis erschöpft. In jenen merkwürdigen neuzeitlich dreinschauenden vier Heiligengestalten der alten Kanzel von Pilgram im Stephansdom entdeckte er den modernen Zweifel unter den Insignien des Glaubens. Es lahmte ihn, weil er darin sein eigenes Bild las. Was war mit ihm geschehen? Das All und die Geschichte wurden ihm zum unbegreiflichen Rätsel. Er konnte mit den Abgründen, in die er sah, die Botschaft von der Liebe Gottes nicht mehr vereinen. Er glaubte in letzter Treue weiter – aber sein Glaube zog sich ins Private zurück, wurde [19] weltlos –, er vermochte diese Kluft nicht mehr in sich selbst zu überbrücken: hier die gnadenlose Erfahrung der Welt – hier eine der Welt entratende Botschaft von Gnade.

Und schier noch mehr belastete ihn ein anderes. Er entdeckte in den Herzen der Menschen, die heute leben, ungezählte Fragen, auf die das Evangelium nicht Antwort gab, und im Evangelium Antworten, die nicht den Fragen der Menschen entsprachen. Der Wein der Hochzeit zu Kanaa steht bereit; doch an den Tischen wird es zusehends leer, niemand will das Wunder. So seine Erfahrung. Reinhold Schneider vermutete, daß eine tiefe innere Krankheit dahintersteckt: die Krankheit, nicht mehr leben zu wollen. Doch wo der Wille zum Leben, durchaus zum diesseitigen Leben nicht mehr lebendig ist, da ist auch nicht die Bereitschaft zum ewigen Leben da, nicht die Bereitschaft zur Unsterblichkeit.

Nun, wir könnten sagen, daß in den Jahren, seit Reinhold Schneider seinen „Winter in Wien“ geschrieben hat, vieles geschehen sei, was die Welt hat anders werden lassen. Es scheint, man lebe wieder gerne; es gibt so viele Völker in dieser Welt, die aufbrechen und leben wollen und denen wir das Leben so ohne weiteres gar nicht gewähren; es gibt viel Lebenshunger in dieser Welt, [20] gibt den Widerwillen des Menschen gegen seine eigenen Gemächte und die Sehnsucht, unmittelbarer, menschlicher, lebendiger Mensch zu sein; es gibt eine neue Unbefangenheit des Lebens bei der Jugend und bei vielen jungen Völkern. Aber hat Reinhold Schneiders Analyse deswegen etwa nicht recht? Ich meine, sie trifft zu in einer neuen, erschreckenden Tiefe. Wollen wir wirklich leben, oder ist für uns das Entscheidende, daß jeweils ich über mich verfügen kann, daß ich mit mir machen kann, was ich will? Wenn mir das Leben nicht paßt, möchte ich es straflos wegwerfen können. Wenn mir das Leben des anderen, auch das ungeborene, nicht paßt, möchte ich es ebenfalls wegwerfen können. Leben wird nicht mehr selbstverständlich bejaht. An die Stelle des Lebens wird ein freies Verfügen gesetzt, das keine Grenzen anerkennt, das die Vorgabe des Lebens nicht anerkennt. Pure Selbstbehauptung, die zugleich Angst ist vor dem Leben. Vielleicht hat Reinhold Schneider, anders als er dachte, unheimlich recht. Dann aber müssen wir noch einen Schritt weiter fragen, der uns erst in die tiefste und innerste Fremde und Spannung gegenüber der christlichen Botschaft von der Erlösung führt. Wenn wir als Christen Erlösung sagen, dann müssen wir ein Wort mitsagen, das beinahe ein Fremdwort ge-[21]worden ist, das Wort Sünde. Erlösung ist zuletzt und zutiefst Erlösung von der Sünde. Theorien über die Unsterblichkeit des Menschen, über Auferstehung und Heil, gibt es in großer Zahl in den Philosophien und Religionen der Menschheit. Aber warum braucht es diesen unfaßbaren Einsatz eines Gottes, der sich selber gibt, sein Letztes gibt? Nur um uns ewiges Leben zu geben? Das war auch dem ersten Menschen vor der Sünde verheißen. Der letzte Grund, um dessentwillen Erlösung in all ihrer Tiefe nötig wurde, liegt darin, daß der Mensch ein Sünder ist. Und so müssen wir uns fragen, was Erlösung von der Sünde bedeutet. An dieser Stelle werden wir die tiefste Entfremdung zwischen der Erlösungsbotschaft und dem Menschen von heute entdecken. Ja, wir werden vermutlich, wenn wir ganz ehrlich sind, diesen Menschen von heute auch in uns entdecken und müssen uns neu „erlösen“ lassen zur Erlösungsbereitschaft, Erlösungswilligkeit.

Erlösung ist Erlösung von der Sünde. Was gibt es da für Voraussetzungen, damit überhaupt ein solches Wort Sinn hat, damit uns „Erlösung von der Sünde“ etwas sagt?

Die erste Voraussetzung, um mich als Sünder begreifen und nach Erlösung von der Sünde ausschauen zu können: Der Mensch kann nicht für [22] sich allein über sich selbst verfügen, sondern er steht vor einem Anderen, einem Anderen gegenüber. Dieser Andere ist größer als er, steht vor ihm, über ihm. Vor ihm, vor seinem offenen Angesicht allein gibt es Sünde. Ich kann nicht einfach ich sagen und dabei mir nur denken und wünschen, was ich mag. Ich kann nicht einfach ich sagen und dann herumhantieren mit dem Stück Welt, das ich vorfinde, mir einen Weg hindurch bahnen und das oder jenes mit ihm anfangen. Ich stehe vor einem. Er schaut mich an. Nur, wenn ich unter seinem Blick lebe, bin ich ich. Das ist das erste.

Das zweite, was hinzugehört, damit der Mensch Sünder sein und damit ihm Erlösung von der Sünde etwas sagen könne: Er ist nicht bloße Innerlichkeit, die nur privat für sich und jeweils im Augenblick mit diesem großen Du Gottes etwas zu tun hat. Nein, wir leben nicht eingesperrt in die Kugel unserer bloßen guten Gesinnung, sondern wir leben hineingestoßen und hineingestellt in den Staub, in den Raum, in die hundertundtausend Bezüge einer Ordnung, die uns vorgegeben ist und in der wir uns bewähren müssen. Wir können nicht vom Nullpunkt aus machen, was wir wollen; sondern wir sind gerufen zur Antwort. Wir sind verantwortlich für das, was [23] um uns herum vorgeht. Dabei mißt sich die Qualität unseres sittlichen Handelns nicht nur an einer isolierten besonderen Haltung und Gesinnung, sondern auch an jenen Vorgegebenheiten, die unverfügbar sind. Ich bin mir gegeben. Es ist mir gegeben, daß ich ein Mensch bin. Die Schöpfung ist mir gegeben, der Nächste ist mir gegeben, diese Gesellschaft ist mir gegeben. Diese Zeit, die Polarität von Mann und Frau, die Verhältnisse von Arbeiten und Verdienen, von Leidenmüssen und von Regeneration des Lebens, von Gefährdungen und von Grenzen: All das ist mir gegeben und darin ist mir eine Ordnung gegeben. Was immer ich auch tue, ich stelle mich zu dieser Ordnung, ich beziehe Stellung zu diesen Gegebenheiten, und dafür bin ich verantwortlich, verantwortlich gegenüber dem, der über mir und vor mir ist, verantwortlich vor Gott.

In diesem Geflecht stehe ich drinnen, aber ich bin – und das ist das dritte – nicht kleiner, unbedeutender, weil angewiesen auf eine vorgegebene Ordnung und weil vor dem Antlitz eines anderen stehend. Nein, ich bin unendlich viel größer, ich bin so groß, daß von mir für das Ganze, für die ganze Welt etwas abhängt. Ich bin so groß, daß ich für Gott selber von Interesse bin, daß es nicht egal ist, wie ich zu ihm stehe. Ich bin unter Gott [24] und bin zugleich Gottes Bild und Partner. Ich bin ein Stück Welt und zugleich so groß wie die Welt und bin nochmals zugleich als der unendlich kleinere, leere Spiegel eben doch lebendiger Spiegel Gottes, jemand, der ihn sichtbar machen, mit ihm von Du zu Du sprechen kann. Dies ist das dritte.

Wenn das aber stimmt, dann hängt für meine Frage nach dem Sinn des Lebens alles davon ab, wie ich zu diesem Gott stehe und wie ich mich vor ihm verantworte. Die letzte Lebensfrage für mich heißt dann nicht Überleben, sondern Bestehen-Können vor Gottes Antlitz.

Und da kommt eben dieses vierte: ich bin keiner, der über sein Verhältnis zu Gott hinweg zur Tagesordnung übergehen könnte, nicht ich kann sagen, ich bin von nun an nicht mehr in der Sünde, ich fange neu an; du mußt akzeptieren, daß ich jetzt wieder neu anfange. Ich kann das nicht; denn ich bin Geschöpf. Ich kann nicht über den anderen verfügen, daß ich wieder „in Ordnung“ sei vor ihm; es muß von ihm ausgehen. Nicht ich kann mich erlösen, sondern nur er kann mich erlösen. Grundwort meines Lebenkönnens heißt dann: Vergebung. Vergebung, die er mir schenkt.

Ein fünftes und letztes: wenn das die Mitte ist, wenn darauf alles ankommt, dann ergibt sich von [25] hier aus eine Rangordnung für mein Handeln und Verhalten. Dann ist es eindeutig, daß Gott zuerst kommt. Dann hat dieser alte und so fremd klingende Satz: „Lieber sterben als sündigen“ sein Recht. Dann ist alles nur dann gut, wenn es gut ist mit Gott. Und nur wenn es mit ihm gut ist, kann es eigentlich auch gut sein mit der Welt, kann ich auch mit den anderen, mit dem Leben, ja, dem Kosmos im Gleichgewicht stehen. Ich kann also nicht zunächst einmal die Verhältnisse in Ordnung bringen wollen – und dann käme noch die „Privatsache“ meines Schuldigseins, sondern es gilt, bei diesem innersten Punkt anzusetzen, von dem auch die Ordnung oder Unordnung dieser Welt ausging. Denn – und das ist unser Glaube – die Unordnung der Welt geht davon aus, daß hier im Zentrum, im Herzen des Menschen, die Dinge auseinandergebrochen sind zwischen ihm und Gott. Deswegen der Tod; deswegen die Tragik in der Geschichte; deswegen die Widerständigkeit und Widerspenstigkeit der Verhältnisse, die wir nicht bezwingen können; deswegen der Kreislauf der Vergeblichkeit.

Dies alles ist nur eine Ausfaltung dessen, was im Wort „Erlösung“ mitgesagt wird. Dann freilich müssen wir uns einmal, auch wenn es für uns selbst erschreckend ist, dem allem stellen.