Volk Gottes auf dem Weg

Tradition des Wortes

Das ursprüngliche Zeugnis muß bewahrt, das Wort muß weitergegeben werden. Was sich „am Anfang“ ereignet hat, das Geschehen des Beginns der Kirche, das wir modellhaft zu zeigen versuchten, muß immer neu, immer weiter durch die Geschichte hindurch geschehen. Die Tradition, die Weitergabe des Wortes, das heißt nach dem Ausgeführten aber auch: Die Weitergabe der Sakramente und die Weitergabe des Zeugnisses christlichen Lebens ist Inhalt und Aufgabe der Geschichte der Kirche. Dieser Tradition ist, das Urzeugnis sichernd und verwahrend, die Schrift mitgegeben. In ihr, in ihrem „Kanon“ hat die junge Kirche das authentische Erbe erkannt, welches sie zu bewahren und weiterzutragen hat. Diese Hl. Schrift begleitet auch uns, setzt die Ursprünge in jeder Generation neu und unmittelbar gegenwärtig. Aber die Schrift und ihr Zeugnis wären fremd, unverständlich, tot, wenn das Wort, das sich in ihr verfaßt hat nur eine „Reliquie“ wäre. Das Wort in der Schrift ist angewiesen auf das auslegende, erklärende und verkündende Wort der lebendigen Tradition des Glaubens.

Die Tradition bedarf also zweier Worte und in beiden desselben Wortes: Sie bedarf des ein für allemal gegebenen Wortes, das als überliefert, keiner Veränderung, keines Zusatzes, keiner Verkürzung fähig ist. Sie bedarf aber ebenso des auslegenden, übersetzenden, neu dasselbe sagenden Wortes, des Wortes, das seine Möglichkeiten zu sprechen aus dem Hören auf das Verständnis der gegenwärtigen Zeit und ihrer Menschen nimmt. In beiden Worten aber, im über- [13] lieferten als Bestand und im auslegenden als Übersetzung, darf nur das eine und einzige Wort, das Wort des Vaters, Jesus selber, leben. Diese Einheit in den Worten gewährt aber allein Jesu Geist, er, welcher der Kirche verheißen und geschenkt ist, er, an dem das Leben der Kirche liegt.

Tradition heißt, wörtlich übersetzt, nicht nur Weitergabe, sondern auch Auslieferung, Drangabe. Auch das gehört zur Tradition: Jesus, das Wort des Vaters, hat sich drangegeben, aufgegeben für uns und an uns, und gerade diese seine Hingabe an uns, muß weitergegeben werden, indem das Wort bewahrt wird. Tradition blickt also von ihrem Wesen her zugleich auf den Ursprung zurück und nach vorwärts auf jene, welchen sie ihr Wort weitergibt, bereit, sich in die neue Gestalt des heute Verständlichen hineinzugeben.