Franz von Baaders Philosophischer Gedanke der Schöpfung

Transzendentale Leibhaftigkeit

Der Anfang des denkenden Selbstseins in der Wendung zum gestalthaften, göttlichen Gott erschließt die Grundentscheidung Baaders für seine Interpretation von Sein und Geschehen überhaupt: Sein und Geschehen vollenden sich als Gestalt, als „Leibhaftigkeit“. „Leben ist Leiben“1, „Vollendetheit des Lebens“ ist „dessen Leibwerdung“2.

Um der Unfaßlichkeit Gottes, um seiner nicht im denkenden Zugriff bestimmbaren Ursprünglichkeit lauteren Bestimmens willen gerät Baaders Gedanke in die Situation, in der das Selbstsein bestimmt und ergriffen zur Gestalt wird, und zwar zur Gestalt Gottes in der Welt. Dieser nimmt so indessen seine Gestalthaftigkeit an sich, „ist“, als rein bestimmend, jene Gestalt über dem Menschen, die von der bestimmenden Mitteilung an den Menschen vorausgesetzt wird. In solcher Sein verleihenden Mitteilung „bin“ ich Gestalt Gottes, aber bin es gerade als selbstseiender Ursprung. Wie mein „Ich bin“ beides in einem umspannt, bestimmte Gestalt und bestimmende Ursprünglichkeit, lebt in jedem „Ist“ eine ähnliche Polarität: es „ist“ die Definität, die Gestalt dessen, was ins „Ist“ sich hervorbringt, hat also den Weg dessen, was in die Ist-Gestalt eingeht, zu dieser Gestalt sich voraus. Das Ist vollendet das in ihm Seiende und läßt es als den vorgängigen besitzenden Ursprung seiner Ist-Gestalt aufgehen. Von der Phänomenalität des Wollens her gesagt: Jedes Seiende will sein, „ist“ insofern als wollend seinem Ist voraus; im Ist aber erreicht es die geglückte Gestalt dieses Wollens, seine Entschiedenheit. Es will das Ist, im Ist und über ihm aber sich selbst als seiend.

Dem entspricht Baaders sinnbildliche Redeweise vom „Leib“. Es geht ihm nicht um Leib als materiellen Befund3, sondern um Leibhaftigkeit im [81] transzendentalen Sinn, in welchen er sogar noch Gott einbezogen wissen will; denn ein „unleibhafter“ Gott wäre ihm ein „unlebhafter, d. i. unwirklicher Geist“4.

Die Formel, in der er allenthalben das Gesetz transzendentaler Leibhaftigkeit beschwört, lautet: „Vis eius integra si conversus in terram.“5 „Terra“ erklärt er als „nur die Vollendung der Äußerung“6.

Wie verweist die Unmittelbarkeit der Leiherfahrung Baaders Denken auf eine solche Ausweitung des Wortgebrauchs? Leib kommt als solcher innerhalb bloßer Leiblichkeit nicht vor, er ist Leib je nur als Leib von . . ., und das Prinzip, dessen der Leib, ist zugleich und zuvor nicht Leib7. Der Ursprung, der sich in der „conversio in terram“ integriert, ist über der „terra“ zu Hause. Leiblichkeit ist also Bestimmung eines als Ursprung sie und sich in ihr bestimmenden Anderen und aus ihm her zu begreifen8. Nicht mein Leib ist eigentlich, sondern ich bin und bin als Ich im Leib und doch zugleich mehr als Leib, über dem Leib – eine „Vollkommenheit“, die mir schlechthin ohne Leib nicht zukäme.

Formal sind drei Hinsichten zu unterscheiden, die in ihrer Identität Leibhaftigkeit, gewonnene Gestalt des Seins oder Wirkens als Vollendung ihres Prinzips begreifen lassen: Leibhaftigkeit ist Ausbreitung, Äußerung des Prinzips, ist zugleich sein Bleiben oder Bestand, ist schließlich begrenzende Kehre des seienden und wirkenden Geschehens in das sich in ihm nunmehr besitzende Prinzip.

Leibhaftigkeit als „Äußerlichkeit“: Sein ist von Baader als geschehend gedacht9, es ist Akt. So aber ist es „gerichtet“, ist Aufgang, breitet sich aus, übersteigt sich; sonst wäre es nicht, sondern versänke im ausdehnungs- und gegenwartlosen Punkt. Leib, Gestalt ist jenes erreichte Mehr des bloßen Ursprungspunktes in sich, welches der Ursprung als solcher, welches das Sein als solches schon immer meinen, der Umfang des Kreises, der die Mitte über sich hinaus und so gerade als Mitte vollbringt. „La corporisation, en prenant ce mot dans son sens vrai et général, ne désigne que l'accomplissement du développement d'un être. Ce qui fait le centre d'une chose doit finir par faire aussi sa périphérie.“10

Im „Leib“ hat der Ursprung je sich überschritten, sich in die Äußerlichkeit oder Äußerung begeben. Doch diese Äußerung ist keine Entäußerung, kein Verlust, im Gegenteil; allein in ihr hält er als er selbst sich durch, behauptet er sich, „bleibt“ er: „Nur der Leib (corpus) ‚gibt‘ einem Seienden das Bleiben (die Subsistenz und Substantialität) in jeder Region.“11 „Sein“ spricht sich zugleich als der akthafte übergriff seines Geschehens und als der Stand seiner Behauptung, seiner Festigkeit aus, im Ist ereignen sich Stoß und Stand des Ursprungs. Nur indem der Ausgang des Ursprungs diesen enthält und mitbringt, vollbringt er ihn, nur als eingebracht ins Außen erbildet der Ursprung sich als Gehalt, nur vom Umfang aus ist Mitte erfüllend, Inhalt des Kreises.

Indem der je seiende Ursprung also nach außen tritt, hält er sich in diesem Außen, so aber zugleich in der Differenz zum Außen an sich selbst durch. Er „erscheint“ – Baader sagt statt „Leibwerdung“ bisweilen „Offenbarung“ oder „Manifestation“12.

Er strahlt über sich hinaus, aber er strahlt sich aus, so daß die strahlende Gestalt nichts anderes ist als er – und er doch als der Ursprung des Strahlens sich nicht nur in ihr von allem anderen unterscheidet, sondern auch als Ursprung von ihr selbst. Um das Prinzip, die den Umfang und sich in ihm innehabende Mitte als „Geist“ zu bezeichnen: „Sagt man z.B., daß der Geist nicht ohne das unter ihm seiende Wesen (Bild oder Leib) als sich affirmierend besteht, so sagt man, daß der Begriff des letzteren nicht in selbes, sondern über selbes fällt, wie denn bei der Verselbstigung des Bildes dieses aufhört, ein solches zu sein.“13 Der Leib ist die „Herrlichkeit“ seines Geistes, die Leibwerdung die Verherrlichung des nichtleiblichen und zugleich leibgewordenen Ursprungs14.

Der Ursprung ist als Ursprung immer mehr als er selbst: Ursprung in der „conversio in terram“, Ursprung und Leib. Der Leib, die Gestalt aber sind gerade nicht sie selbst, sondern das Da ihres Prinzips. Ein Seiendes ist nur, was es ist, wenn es mehr ist, als was es ist, wenn es nämlich „ist“. Das Ist aber ist gerade nichts an sich selbst, sondern nur das Da dessen, was in ihm ist, sich darstellt, aufgeht.

Der in der Leibhaftigkeit ausgeschrittene Weg des Seins ist nicht nur Weg vom Innen zum Außen und nicht nur Bleiben im Außen und also in sich, sondern auch Kehre vom Außen zum Innen; der Umfang des Kreises bringt die Mitte „zu sich“, sie erreicht sich selbst - da zu ihm ja differierend – aus ihm. Er wird „Bedingung“ der ihn doch setzenden Mitte; das Ist wird konstitutiv für das, was sich in ihm und so es selbst konstituiert. Im Ist ist das, was ist, allererst. „Jeder Ausgang ist nur des Wiedereingangs wegen“15, der „descensus“ dient dem „ascensus“16. Diesen, das Da-Sein des innerlich Seienden erst aufgrund seines descensus zur Äußerung „gewahren wir ja bei jeder unserer eigenen Produktionen (eines Gedankens, Kunstgebildes, Entschlusses), indem der Gedanke, den ich ausspreche, das Gebilde, das ich darstelle, in diesem Aussprechen und Darstellen erst ei- [83] gentlich in mir aufgeht“17. Erst aus der vollbrachten Gestalt des Gedankens werde ich seiner inne, so daß er bestehen kann. Nur wenn er sich vor mir aufgestellt, geäußert, bewährt, bewahrt er sich in seiner Geltung, seinem Sein.


  1. Hegel IX 331 Anm. ↩︎

  2. IV 427. ↩︎

  3. Es ist hier nicht der Ort, Baaders Theorie der Materie (im engeren Wortsinn) zu entwickeln. Materialität ist für ihn der durch den Sündenfall entstellte Zustand von Leiblichkeit und so mit dieser gerade nicht identisch; auch ohne den Fall gäbe es die Hierarchie der Seinsordnung vom absoluten Geist bis zum nur Vorhandenen hin, und ebenso wäre auch ohne Fall Leiblichkeit eine Bestimmung alles Seienden. Vgl. hierzu etwa APh 25–32 II 484–493; RPh 36 I 256; RPh 44 I 272 f.; FC 1,8 II 161; FC 5,29 II 361; III 290 f. Anm.; III 290 f. Anm.; III 344 Anm. 2; JB 11 III 423; Vers 2 IV 345 ff.; VI 16. ↩︎

  4. MM 9 XIII 195 ff.; vgJ. IV 280. ↩︎

  5. Vgl. XVI 517; Susini, F. v. Baader et Je romantisme mystique II 285 ff. ↩︎

  6. FC 3,10 II 257 Anm. 2 zu 256. ↩︎

  7. „Die Zeit läßt sich nur als in einer Nichtzeit, der Raum nur als in einem Nichtraum befaßt schauen“ (Hegel IX 331 Anm.). „Die Vitalfunktionen, welche das Sinnorgan bilden“, fallen „nicht selber in die Sphäre der Sensation“ (V 260). ↩︎

  8. Zur unableitbaren Ursprünglichkeit des Geistes: RPh 14 und 18 I 178 ff. und 198 ff. ↩︎

  9. Vgl. I 104. ↩︎

  10. Temps II 63 Anm. 1 (87). ↩︎

  11. SpD 4,5 IX 39. ↩︎

  12. Vgl. etwa X 332; Br XV 598 ff.; SpD 4,8 IX 61 f. Anm. 2. ↩︎

  13. SpD 5,9 IX 224. ↩︎

  14. Vgl. I 45. ↩︎

  15. II 8; vgl. XVI 88 „Ausgang, Eingang“. ↩︎

  16. Siehe FC 3,10 II 256 f.; FC 1,23 II 183; XVI 97 „Ascensus-Descensus“. ↩︎

  17. FC 3,10 II 257. ↩︎