Franz von Baaders Philosophischer Gedanke der Schöpfung

Unmittelbarkeit der Natur: Centrum Naturae

Der Dreh- und Angelpunkt des Ereignisses der Grundfassung liegt in der Unmittelbarkeit der Natur, im Erwachen des Wollens als eines solchen, in der Krisis, von der aus das Wollen gelingt, sein Ziel sich als Grund ihm schenkt. Diese Situation gab sich bereits beim Urstand des anfänglichen Gottesbewußtseins zu bedenken. Woher rührt ihre zentrale Stellung auch innerhalb der Architektur alles Geschehens? Im Blick auf das in der Leibhaftigkeit vollbrachte Gleichgewicht des Seins bemerkt Baader: „Je inniger ein Wesen sich selbst erfaßt (attrahiert), umso freier entfaltet (expandiert) es sich. Diese Entscheidung oder Ausgleichung des In- und Aussichseins, des Seins in sich und des Werdens aus sich, geht aber nur aus einem Konflikt oder Widerspruch hervor (so wie sie in einem solchen wieder untergeht).“1

Das Gleichgewicht der gegenläufigen Tendenzen, die Einheit von Äußerung, Bleiben und Rückkehr zu sich selbst, ist immer wieder das Erstaunliche, das nicht Selbstverständliche – und so sieht Baader in ihnen den versöhnten Fall eines Konfliktes und diesen Konflikt als die Unmittelbarkeit von Bezug überhaupt, in welchem „Tendenz“, „Richtung“, „Zueinander“ ihren Ursprung haben. Baader schließt zwar ausdrücklich die Konfliktsituation innerhalb des göttlichen Selbstvollzuges aus, ein „fixiertes Hervortreten eines einzelnen Momentes dieser Lebensgeburt“ kann nur „in der Kreatur“ statthaben2. Gleichwohl ist ihm das göttliche Leben in sich selbst, eben weil göttliches Leben, das anfänglich Wunderbare und Herrliche; darin aber ist der anfängliche Ausschluß des Konfliktes als solcher anwesend3.

Bezug überhaupt ist also der dynamische Anfang dessen, was als voll- [93] endete Freiheit in der Leibhaftigkeit gewährt ist, des Ausgleichs, also Bleibens von lnsichsein und Aussichsein, Attraktion und Expansion. In seiner „Abstraktheit“ weist der Bezug als solcher dieselben dynamischen Momente vor wie der gelingende Prozeß der Gründung und das gelungene leibhaftige Sein: Ausgang, Bleiben, Rückgang. Diese „Abstraktheit“ des Bezuges, der Natur, unterscheidet sich von der Abstraktheit der Idee: Idee an sich ohne realisierenden Bezug ist kein innerer Widerspruch, gleichwohl „kann“ sie gar nicht sein ohne den Bezug. Natur an sich, Beziehung an sich ist innerer Widerspruch – und kommt doch seiend vor, wenn freilich auch nur von Gnaden der Idee als des als abwesend gegenwärtigen Woraufhin. Was im gewährten Woraufhin als mit sich und ihm ausgeglichen und so erfüllt aufgeht, das geht im Entzug des Woraufhin als Selbstwiderspruch und Leere auf, bringt so aber seinem Woraufhin erst den Charakter des Erfüllenden, Ausgleichenden bei. Dieses „bedarf“, um zu erfüllen, etwas, das seiner bedarf, „dem die Liebe (die Einigung, das Licht etc.) nottut“^[78]. Daher ist der Urstand der Natur „indigentia“ und „Begierde“.

Auf welche Weise zeigen sich in der Unmittelbarkeit der Natur nun dieselben dynamischen Proportionen wie in Gründung und Leibhaftigkeit? Notwendig „umgekehrt“, nicht als Vollzug der Freiheit, sondern gerade als „Hemmung“ und „Befangensein“4. Die Abstraktheit der Natur stellt das vor, was „Grund“ in sich selbst, losgelöst von Begründendem und Begründetem, was „Fassung“ ohne ihr gefaßtes Etwas hieße: Fixierung, Einsperrung, „gefaßtes Fassen“5, „Hand“, „welche langend und nichts erlangend (somit verlangend) sich nur selber fasset, findet, hat, schließt“6. Baader benennt den Urstand der Natur, das „Centrum Naturae“7, in solch negativem Sinne „Centrum“, Einfassung“, „Grund“8.

Ist das Zeichen des geglückten Seinsprozesses die Möglichkeit sich frei und unableitbar verströmender Mitteilung über sich hinaus, da „eine solche Fülle oder Totalität nicht neidisch sich verschließt“9, so ist der „Anfang“ der Bezüglichkeit ihr Gegenteil: die bloße „Attraktion“. Die Identität von Ausgang, Bleiben und Selbstzukehr vollendet sich in der äußernden Mitteilung; der einschließende Konflikt zwischen denselben Richtungen hat nach Baaders Überzeugung in der Attraktion als solcher seinen Ansatz. Der Bezug „in sich“, das Gegenübersein zur ausstehenden Fülle will diese an sich binden, um selbst zu sein, will sie in sich haben.

Nicht dadurch entsteht die negative Einheit des Widerspruchs zwischen Sich-Behalten und Sich-Ausbreiten im bloßen Begehren und Bedürfen, daß zur einen Streberichtung die andere, „man weiß nicht wie und warum, von außen nur hinzukömmt . . . , sondern daß in der Attraktion selber oder im Attrahierenden diese Duplizität des Triebes und der Bewegung entsteht, [94] daß folglich die Attraktion nur aus sich selber begriffen werden kann, weil es in der Natur nichts gibt, was tiefer oder, wie man sagt, früher wäre, und sie das Zentrum der Natur selber ist“10.

Der „Attraktion (ihrer kondensiven Grundkraft)“ kommt demnach die „Priorität“ zu, nur „daß mit einer Attraktion nicht nur ihr Gegensatz, die Expansion (als Streben), sondern auch beider Konflikt, als Rotation, bereits gesetzt und gegeben erscheint“11, welche als „Unruhe“12, „Naturgeburtsrad“ und „als ein in sich kreisendes Drängen, Bewegen, Anstrengen und Ängsten“ näher beschrieben wird13.

Wie nun folgt aus der Anfänglichkeit der Anziehung das expansive Gegenstreben und aus der Duplizität beider die „Rotation“ als ein „nicht Bleiben- und doch nicht Von-der-Stelle-Können“14, das in seiner Fixierung eben das Gegenbild erfüllten Bleibens darstellt?

Baader beobachtet, daß „das Ziehen oder das Anziehende als solches und für sich (in seiner Abstraktheit gefaßt) bereits eine Position in der Negation und eine Negation in der Position ist, und zwar darum, weil das Anziehende, indem es sich als solches zu panieren (affirmieren) strebt, das Angezogene als separierte Existenz negiert, und weil das Anziehungs- als Fassungsstreben, indem das erste unmittelbare Objekt desselben nichts schon Faßliches ist (non datur prehensio in distans), sich nur selber erfaßt, sich als Anziehen selber einzieht und einschließt und sich zum gefaßten Fassen macht“^[90].

Begehren und Bedürfen wollen sich erfüllen, ihre Fülle an sich ziehen, sich ihrer bemächtigen, die Fülle in sich wird negiert, dieselbe Fülle im Begehren und Bedürfen und damit dieses selbst paniert. Diese Selbstposition ist gleichwohl negativ, weil panierendes Begehren und Bedürfen ja nicht „aus sich“, sondern nur von Gnaden der Fülle – die ihnen „an sich“ gerade gegenüber bleibt – diese Fülle und somit sich selbst „vermögen“. Damit aber ist die Selbsteinschließung des fassenden Strebens und sein immanenter Widerspruch gegeben – Baader sieht ihn als „eine sensible und peinliche Selbstaffektion, die jeder im Entstehen und Fixiertsein der Begierde innewird“, als „den Widerstreit des Eingeschlossenen mit dem Ein­ schließenden, welcher sich als Beengung, Angst, Not und Unruhe und als Bedürfnis, von diesem Gefangen- und Befangensein, d.h. von sich selber, wieder frei zu werden, um so lebhafter fühlen macht, je mehr und je länger die Begierde in ihrer Abstraktheit (Unerfülltheit) fest- und bei sich selber gehalten bleibt“15.

Das anziehende Habenwollen wird für sich selbst zur widersprüchlichen Identität mit dem Sich-Loshabenwollen. Was beide in die „Rotation“ solcher sich negierend-umfangenen Identität treibt, ist der Bezug auf das „Dritte“, von dem aus allein Erfüllung und Selbstbesitz sich [95] gewähren16. Dieses Dritte ist die Idee, die in ihrer vom bloßen Bezug nicht überwindbaren Abwesenheit die beiden Gegenkräfte zwar „nicht wahrhaft eint“ und sie doch „beisammenhält“17. Sie bleibt von sich her dem Zwist des abstrakten Bedürfens gegenüber, „durchwohnt“ ihn nur, ohne ihm „inzuwohnen“18. Das Entscheidende ist also der „Blitz“, in welchem die Idee als „einendes Prinzip“ „beitritt“. Gibt sich unableitbar die Fülle von sich her dem Begehren, so werden dessen beide Tendenzen Werkzeug der Idee, sie „enthaltende“ und sich mit ihr „erfüllende“ Kraft19.

Um mit Baader den Konflikt als „Angst“ zu bezeichnen20: „In der Angst können nämlich zwei nicht voneinander lassen, die doch einander fliehen möchten, wogegen in der Freiheit, Freude und Liebe zwei nicht mehr voneinander lassen wollen. Und wenn das in der Angst festgehaltene Wesen weder aus noch ein kann, weil sein Ausgehen seinem Eingehen, dieses jenem widerspricht, so geht das freigewordene Wesen frei aus und ein, indem sein Ausgang (Egreß oder Progreß) seinem Eingang (Ingreß oder Regreß) usw. dient.“21

Der Anlaß, der Baader zum Bilde der „Angst“ führt, zeigt sich, wenn die Situation der nur „durchwohnten“ Identität von Expansion und Attraktion aus dem Befund des Willens verstanden wird, der noch nicht weiß, was er „anfangen soll“22. Er vermag immanent sein Ziel nicht zu fassen, sondern ist auf dessen „Beitritt“ und das heißt zugleich: auf sein eigenes „Sich-Lassen“ angewiesen. So gewahrt Baader, „daß das Suchen als Begehren“ – in der geglückten und gesellten Gestalt – „ein sich (seine eigene Kraft oder Natur) Darangeben an das Begehrte (ein sich ihm Kreditieren) ist, und daß derjenige, welcher diese seine Natur (sein Naturleben), die bis dahin ihn hat, abgibt, dieselbe wieder zurück empfängt, aber nun so, daß er sie (die Natur) hat. ,Wer sein Leben an mich verliert, wird es gewinnen‘“23. Das von „oben“ als Blitz bezeichnete Ereignis ist von „unten“ her ein glaubendes „Offnen“ der „Begierde“ und „Einräumen“ der „Natur“24, „Durch- oder Entsinken jener Angstqual“25, „Sich-Kreditieren“, „Glauben“ und „Mutfassen“26, somit eben: geglückte Gründung.

Nicht das „negative Integral“ der Angst, aber die „differentiellen Momente“ sind für die Begründung konstitutiv27; nicht die Abstraktheit bloßen Bezuges, aber die aufgehobene Kraft seiner Leidenschaft bildet die – unerläßliche – „Feuerwurzel“28 des Lebens. Sein ist so für Baaders Verständnis im ganzen gestimmt von der Situation des fundamen- [96] talen Bewußtseins vom göttlichen Gott; Sein ist immer „Ereignis“ der unselbstverständlich aus Gnade und Glaube geschehenden Gründung immer das Wunderbare, Gelingende.

Natur an sich ist zugleich Prinzip der „Selbheit“ und des „Selblosen“29; das Selbstseinwollen entspringt in dem Nichtselbstseinkönnen bloßer Bezüglichkeit und umgekehrt. In der Hingabe, in der Annahme der „Selblosigkeit“ der Natur an sich selbst aber wird sie gerade als die Kraft der „Selbheit“, als die Entschiedenheit, Herrlichkeit des Ursprungs offenbar30, „Prinzip der Macht“31.


  1. FC 1,10 II 163. ↩︎

  2. FC 6,8 II 403. ↩︎

  3. Siehe Abschn. IV 2. C. b dieser Untersuchung. ↩︎

  4. Vgl. Ethik V 14; III 323. ↩︎

  5. III 322. ↩︎

  6. Ebd. ↩︎

  7. Die Böhme entlehnten Ausdrücke „Centrum Naturae“ oder „Naturzentrum“ stehen bei Baader sehr häufig; vgl. XVI 348 von „Das Naturzentrum“ an. ↩︎

  8. FC 1,10 II 164 Anm. 2. ↩︎

  9. RPh 23 I 214. ↩︎

  10. III 322. ↩︎

  11. Ethik V 15; vgl. z.B. Blitz II 32; Begr 7 II 101; III 336 ff. ↩︎

  12. So z.B. Begr 7 II 101; FC 4,15 II 300. ↩︎

  13. JB 7 III 400. ↩︎

  14. Blitz II 31; Ethik V 15; vgl. JB 7 III 401; EG 13 VII 174. ↩︎

  15. III 322 f. ↩︎

  16. Ethik V 14; vgl. Blitz II 32; Begr 17 II 106; III 338 f.; JB 7 III 401. ↩︎

  17. Blitz II 32; vgl. Begr 17 II 106. ↩︎

  18. Vgl. XVI 149 „Durchwohnung, Inwohnung, Beiwohnung“. ↩︎

  19. Vgl. Begr 17 II 106. ↩︎

  20. Vgl. bes. FC 4,15 II 300 ff. und XVI 74 „Angst“. ↩︎

  21. JB 7 III 400. ↩︎

  22. Vgl. Abschn. I 3. B dieser Untersuchung. ↩︎

  23. JB 7 III 402 f. Anm.; vgl. III 329 Anm. ↩︎

  24. Vgl. Ethik V 24. ↩︎

  25. FC 3,3 II 244. ↩︎

  26. Siehe z. B. FC 3,3 II 245; Blitz II 40; III 329 Anm.; Ethik V 24; SpD 5,2 IX 174 Anm. 1; auch FC 1,5 II 156; SpD 4,13 IX 96 f. ↩︎

  27. Begr 12 II 102; vgl. Begr 10–14 II 102-105. ↩︎

  28. So z. B. Blitz II 35; vgl. FC 6,9 II 406-410; Begr 15 II 105. ↩︎

  29. „Natur“ als das „selblos“ „Besessene“ der Intelligenz: X 318 f.; vgl. FC 2,10 II 164. ↩︎

  30. Vgl. z. B. Segen 2 VII 97 f. ↩︎

  31. III 324. – Den Verband der Idee und Natur mit dem Ursprung faßt Baader gängig als Ternar „Prinzip-Organ( = Mitwirker)-Werkzeug“: das „Organ“, in welchem das Prinzip sein Ziel sich vorhält, ist die Idee, das „Werkzeug“, das dieses Ziel ergreift und darstellt, die Natur (siehe FC 1,10 II 164; FC 1,12 II 169; FC 3,5 II 247; SpD 1,7 VIII 68; SpD 1,8 VIII 86; X 319 f.; ferner vgl. 395 f.). ↩︎