Was fängt die Jugend mit der Kirche an? Was fängt die Kirche mit der Jugend an?

Unmittelbarkeit*

Es wäre falsch, aus den bislang genannten Erfahrungen die Schlußfolgerung zu ziehen, daß der junge Mensch heute vor allem durch Leiden an sich und der Welt, gar durch Selbstmitleid gekennzeichnet wäre. Solidarität, Verantwortung für die Zukunft, Bereitschaft, sich für ein menschlicheres Leben und seine Bedingungen auch unter Opfern einzusetzen, dies kennzeichnet viele junge Menschen. Machen wir indessen auch in diesem Feld der wahrgenommenen und angenommenen Verantwortung nochmals auf ein Dilemma aufmerksam. Rationales Differenzieren, abwägendes „Ja aber“ erweckt bei jungen Menschen im vorhinein den Verdacht, vor radikalen Konsequenzen zurückzuscheuen. Aus dieser Haltung erwächst nicht selten – mit scheinbar konservativem oder scheinbar progressivem Akzent – ein Hang zum Fundamentalismus. Dies gerade dort, wo es um gesellschaftliche Forderungen geht. Ein anderer Zug steht – oft bei derselben Person – in Spannung zu diesem Ruf nach klaren Lösungen ohne Wenn und Aber. Es ist das Drängen nach Redlichkeit und Wahrhaftigkeit im eigenen Leben. Beides scheint sich aufs erste gut zu vertragen, ja gegenseitig einzuschließen. Ein Kontrast ergibt sich aber, sofern der Maßstab solcher Redlichkeit und Wahrhaftigkeit das eigene Befinden und Empfinden wird. Ein zugespitztes Beispiel: Nach solchem Ethos heißt treu sein, genau so lange – aber auch nicht länger – bei einem Freund oder Partner bleiben, wie die Zuneigung spontan das eigene Fühlen bestimmt. Nicht die rationale Reflexion auf eine gültige Norm oder eingegangene Verpflichtung, nicht das Durchtragen gegen Anfechtung oder Zweifel, sondern die spontane, jeweilige Entsprechung zu dem, was sich im eigenen Ich meldet, werden zum Maß. Sicher haben beide Tendenzen gemeinsame Wurzeln: Mißtrauen gegen ein differenzierendes Abwägen, gegen die Mittelbarkeit einer Umstände einbeziehenden und spontane Erfahrungen relativierenden Rationalität. Gesucht wird eine neue Unmittelbarkeit zum sinngebenden und wegweisenden Maßstab. Wie kann das Positivum solcher Unmittelbarkeit, wie kann das Streben nach solcher Offenheit und Redlichkeit Gestalt gewinnen, ohne daß dabei der komplexen Wirklichkeit verfälschende und zerstörende Gewalt widerfährt, ohne daß die Freiheit das ihr aufgegebene verbindliche Wort in die Silben der Jeweiligkeit zerstückt?