Gerufen und verschenkt. Theologischer Versuch einer geistlichen Ortsbestimmung des Priesters

Verweilen in Gott

Der die Liturgie feiert, der in ihr für die anderen und mit den anderen vor das Antlitz Gottes hintritt, er darf diesen Gott nicht nur aus der Liturgie kennen. Gerade weil Liturgie mehr ist als bloß ein einzelner Akt, braucht sie als Liturgen den Beter, den mit Gott Vertrauten, den in Gott Weilenden. Und nicht nur die Liturgie braucht ihn. Die Menschen suchen ihn, wenn sie den Rat, das Geleit, den Trost des Seelsorgers suchen. Was er ihnen sagt, muß nicht nur stimmen, es muß tragen; und es trägt nur, wenn Gott selber durchscheint, jener Gott, der innewohnt, der eingedrungen ist in die Bewegungen, ins Denken, ins Sehen dieses Menschen. Ich habe einmal einem Theologen, der zugleich ein sehr geistlicher Mensch ist und der zum Bischof berufen wurde, als „Trost“ geschrieben: So viel zu tun ist, so sehr uns die Aufgaben überfordem und oft schier erdrücken, im Grunde ist Bischofsein eine kontemplative Berufung.

Priestersein – eine kontemplative Berufung

Das gilt nicht nur vom Bischof, es gilt auch vom Priester. Priestersein – eine kontemplative Berufung? Es klingt in der Tat zunächst wie ein Hohn, wenn wir an unsere Programme, an die von allen Seiten auf uns einstürmenden Ansprüche denken. Andererseits: Ist es nicht gerade deshalb notwendig, im Grunde ein Kontemplativer zu sein, einer, der ein Gleichgewicht in sich selber hat, ein Gleichgewicht, das aus der Schwerpunktverlagerung seiner Existenz in einen anderen, in Gott hinein, erwächst? Die Frage nach dem „Standort“ des Priesters, nach jenem inneren Gleichgewicht, von dem aus er in der konstitutiven Bedrängnis seines Dienstes bestehen kann, wurde ja bereits [107] am Anfang unserer Überlegungen zur Leitfrage. Wir versuchten zuletzt die Antwort: Verweilen in Gott, kontemplative Existenz mitten in aller Aktivität, dies sei Standort, der es ermöglicht, Liturge und Seelsorger und zugleich ich selbst zu sein, nicht zerrieben und erdrückt zu werden. Doch wie geht diese Antwort in eins mit unserer Leitantwort auf die Leitfrage: der Standort des Priesters sei der Standort Christi, das „absolute Zwischen“ angesichts Gottes, angesichts der Welt, angesichts der Gemeinschaft, der Kirche? Kontemplative Existenz bedeutet: Überall durchblicken auf Gott, überall sich berühren und bewegen, sich halten und erfüllen lassen von dem gegenwärtigen Gott, vom Gott in Gott, vom Gott in der Welt, vom Gott in der Kirche, im Miteinander – anders gewendet: vom Gott über und in uns, vom Gott draußen und drunten, vom Gott dazwischen, in der Mitte. Es gilt zu ihm durchzustoßen und bei ihm zu bleiben: Kontemplation als Vorstoß ins „absolute Zwischen“, als Verweilen in ihm und in ihm beim Herrn. Doch wie geht das? Den Himmel wollen wir finden, den Himmel wollen wir geben; davon sind wir ausgegangen. Vom Himmlischen Jerusalem, von der Neuen Stadt des lebendigen Gottes heißt es nicht nur, daß Gott selbst ihr Tempel ist, es heißt auch, daß Gott und das Lamm ihre Leuchten sind (vgl. Offb 21,23). Im Lichte des Lammes sehen, alles als geliebt sehen, nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt und die Kirche von der Liebe dessen her sehen, der nichts beschönigt, nichts verkleistert, aber alles in sich hineinnimmt und erlösend verwandelt: das ist der Vollzug der Kontemplation. Das läßt Gott in allem aufscheinen und durchscheinen. Es gibt tiefste Gelassenheit, es gibt inneren Frieden; aber es schläfert nicht ein, erzeugt keinen verharmlosenden Optimismus, gibt kein Alibi für das Handeln, sondern leiht ihm die Kraft und den Mut. [108] Und der Vollzug, der Weg solcher „Kontemplation“? Ich möchte vier Schritte benennen. Der erste heißt: sich, die Welt, die anderen, die Kirche, die Mitbrüder, die Gemeinde vor Gott aushalten. Wir kommen mit unserer Nervosität, mit unseren Abneigungen, Aggressionen, Fixierungen vor Gott und stellen fest: Wir sind unruhig, hastig, hin- und hergezogen, alles eher als im Gleichgewicht. Wir können das nicht einfachhin ändern – aber wir können glauben, daß wir und all dieses andere von Ihm ausgehalten sind. Unsere eigene Unruhe aushalten in unserem Ausgehaltensein, daran glauben, daß er alles dies aushält, was uns beunruhigt – wenn wir dies versuchen, dann wächst eine Stille, ein Ja, eine Weite, die befreien. Ein zweiter Schritt wird möglich: sich selbst, die anderen, die Welt, die Kirche und alles, was dazugehört, hineinzuhalten in Gott. Es hebt etwas an wie ein leises Du-Sagen zum Herrn: Du hältst alles das und mich selber aus, ich gebe es dir, ich lasse es dir, ich will es nicht in mir haben und lösen, sondern es ist deine Sache, meine Verantwortung ist selbst deine Sache, ich halte mich und alles hinein in dich. Dritter Schritt: Wenn ich so Gott angeredet habe, kehrt er mich um, so daß ich lerne, von ihm her zu sehen : Akzente zu verändern; über Dinge, die mir ganz in Ordnung erschienen, plötzlich erstaunt zu sein; über andere, die mich betroffen machten, ruhig zu werden. Der dritte Schritt ist also die Drehung der Perspektive, man könnte sagen: mit Gott und von Gott her sehen lernen. Und wenn wir in dieser Sicht verweilen, nicht geschäftig und sofort funktional, um nur dieses oder jenes besser tun zu können, sondern um wirklich in Gott zu sein und von ihm her zu sein, dann ergibt sich ein vierter Schritt: Gott selbst sehen, Gott selbst aushalten in mir, in den anderen, in der Welt, in der Kirche. Es geht uns die Gegenwart Gottes, das Geheimnis Gottes, das Antlitz Gottes auf, der sich in Jesus [109] Christus hineingeneigt hat in alles, sich alles zu eigen gemacht, angezogen hat. Wir werden gerade das Gesicht des Gekreuzigten hier immer wieder entdecken, aber im Gekreuzigten jene Liebe, die verwandelt und siegt, eben: Licht des Lammes. Sicher, solches „kontemplative“ Verweilen in Gott braucht Zeit. Wir scheinen sie nicht zu haben. Aber läuft uns die Zeit nicht vielmehr davon, wenn wir die Zeit hierzu nicht aufbringen? Je mehr ich zu tun habe, desto mehr brauche ich Zeit zum Gebet. Und dann entdecke ich: Wenn ich Zeit verwende und verschwende für das Verweilen in Gott, dann geschieht etwas wie eine „wunderbare Zeitvermehrung“, ich habe durch die für Gott verschenkte Zeit mehr Zeit, zumindest: bessere, offenere, liebendere Zeit zu verschenken an die anderen. Die Zeit wird zur Perlenschnur vieler kostbarer Augenblicke, die ich gesammelt und mich zuwendend zu den anderen zu leben, zu erfüllen vermag.

Ansätze zum Vollzug

Wir dürfen uns keiner Täuschung hingeben, es bleibt schwer, und oft gelingt es uns nicht, in diese Kontemplation hinein vorzudringen. Vielleicht aber gelingt es uns wenigstens, ein paar Ansatzpunkte dazu zu finden, die es dann auch in ihrer inneren Dynamik mit sich bringen werden, daß der „Himmel“ wächst, in welchem das Licht des Lammes alles neu sehen lehrt. Es sind wiederum vier solcher Ansatzpunkte, die ich andeuten will. Die drei ersten bestimmen sozusagen die ersten Minuten meines Wachseins am Morgen. Ich versuche zumindest in drei Richtungen zu denken, drei Fäden zu knüpfen, drei Melodien zu intonieren, die mich den Tag über begleiten. [110] Das erste, jenes, was mir am wichtigsten ist und sich mir am tiefsten eingeschliffen hat, ist der Blick auf den gekreuzigten und verlassenen Christus: Du wirst mir heute in ungezählten Gesichtern begegnen. Hilf mir, daß ich jedesmal, wenn du mir sagst: „Da bin ich!“, auch dir sage: „Da bin ich!“ Ich will dir nicht davonlaufen, sondern auf dich zugehen, will durchstoßen zu dir. Das zweite ist die Erinnerung an das Wort der Schrift, das ich mir, sozusagen als Perspektive für den ganzen Tag, über einen bestimmten Zeitraum hinweg gewählt habe. Ich denke an dieses Wort, daß es untertags auf mich lauere, mich in das Gespräch mit dem ziehe, der es mir gesagt hat, um ihn so zu entdecken als den Sprechenden, Gegenwärtigen in den verschlungenen Abläufen dieses Tages. Das dritte ist der Gedanke an jene, die mir heute begegnen werden; an jene, von denen ich es weiß; an jene, von denen ich es nicht weiß. Ich sage Ihm: „Du bist es, der mich jedesmal angeht, anschaut und jedesmal den einen Tropfen Blut einer ganzen Zuwendung, einer ganzen Liebe fordert, damit deine Liebe geschieht.“ Ich sehe so auch die anderen anders, neu, blicke in ihnen durch auf Ihn. Dann kommt freilich noch etwas Viertes hinzu, untertags: Über das Brevier hinaus und über den Rosenkranz hinaus – beide geleiten mich in dieses Verweilen in ihm, in seinem Leben, in seiner Nähe – sind mir die Augenblicke vor dem Tabernakel besonders kostbar. Er, Brot geworden, das sich einfach hinhält, um sich austeilen zu lassen, er ist jenes beständige „Da bin ich“, jener gelebte und erfüllte Jahwe-Name „Ich bin der Ich-bin-da“. Und in diesen Augenblicken geschieht wenigstens im Ansatz der Weg der vier Stufen, geleitet, inspiriert, gehalten von seinem Brot-Sein, von seinem schweigenden und doch so viel sagenden Da-Sein. Mir scheint, kontemplative Existenz ist doch möglich, der Himmel in uns und über uns steht uns doch offen, und dieser [111] Himmel ist keine Fluchtburg vor der bösen Welt, sondern der rettende Sauerteig, der die Welt und den Tag und unser Leben verwandelt.