Erste Überlegungen zu möglichen Themen für den Dresdener Katholikentag

Volk Gottes – Befund der Schrift

Zunächst einmal der Befund der Schrift. Es ist eine Leistung der Septuaginta, also der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, daß ganz deutlich zwei Wörter für Volk im Neuen Testament vorkommen, zwei griechische Wörter. Das eine ist das Wort „laos“ und das andere ist das Wort „ethnos“. Wir kennen das Wort ethnisch, wir kennen das Wort Laie. Laie kommt von laos, ethnisch kommt von ethnos. Wir können in grober Verkürzung vom ganzen Alten und Neuen Testament sagen: daß unter „laos“ vor allem das Volk Gottes verstanden wird – Israel –, daß unter „ethnos“ („ethne“ ist die Mehrzahl) die Heidenvölker verstanden werden, die anderen Völker. Israel wird im Neuen Testament nur dann „ethnos“ genannt, also Volk wie die anderen Völker, wenn gegenüber Heiden von Israel die Rede ist, so daß die theologische Bedeutung im Hintergrund bleibt. Es gibt eine einzige Ausnahme von dieser Regel. Das führt uns darauf, daß Israel in einem ganz spezifischen Sinn ein Volk ist. Wenn ich abgekürzt es sage, wird uns folgendes noch deutlich: Nach der Sprachverwirrung in Zusammenhang mit dem Turmbau von Babel und nach der Aufteilung in vielerlei Religionen und Völker hat Gott Interesse an einem Volk. Dabei müssen wir bedenken: Im Orient haben [42] Völker jeweils ihre Religion. Es gibt nicht ursprünglich einfach von Ideen ausgehende Religionen, sondern vom völkischen Leben ausgehende Religionen. Die Religion ist ein völkischer Begriff. Religion und Volk hängen ganz eng schier überall zusammen. Es ist hier nun der Fall, daß Gott sozusagen daran denkt: Wie kann ich in dieser Welt der zerspaltenen Völker als der lebendige Gott wiederum lebendig sein und da sein? Seine Antwort auf diese Frage, die göttliche Antwort heißt: Ich kann’s nur durch ein Volk. Wenn ich mir ein Volk erwähle, ja wenn ich ein Volk bilde, das nur deswegen Volk ist, weil ich sein Gott bin, dann kann ich mitten unter den Völkern mich zeigen und erweisen als der Gott, der alle Völker geschaffen hat, der Himmel und Erde geschaffen hat.

Ich habe das jetzt etwas holzschnittartig gesagt, es müßte differenzierter gesagt werden. Aber im Grunde ist das der Gedanke, der hinter dem Ganzen des Bundesschlusses beispielweise steht, der im Hintergrund der klassischsten und „heiligsten“ Stelle des Alten Testamentes steht, dem Adlerspruch in Exodus 19, daß Gott sich ein Volk von Priestern als Eigentum erwählt, das unter allen Völkern seinen Namen bekanntmachen soll. Nur indem er ein Volk nimmt, ist er auf der Ebene der Geschichte, der Menschheit als Geschichte und nicht nur bei einzelnen Privatpersonen gegenwärtig.

Dieses Volk wird von ihm gebildet, indem er es aus Ägypten herausruft, indem er einen Bund mit ihm schließt und indem dieser Bund zwei Seiten hat: Gott führt und bewahrt sein Volk; dieses Volk aber lebt so, daß zwei Grundhaltungen es bestimmen. Zum einen: Israel lebt exklusiv mit diesem Gott. Es hat keinen anderen Gott, es sucht sich keine machbaren Götter, sondern es lebt mit diesem unsichtbaren, lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Zum anderen: Die Weise, treu mit ihm zu leben, bestimmt auch die Weise, miteinander zu leben, also das gegenseitige Verhältnis.

[43] Genau dieser Sachverhalt spiegelt sich auch in den zehn Geboten. Die zehn Gebote sind nicht irgendeine Moral, mag sie noch so gut und rationell und aufgeklärt sein, sondern sie haben in ihren Tafeln ganz einfach, grob gesagt folgende Bedeutung:

Tafel 1: Ich bin Dein Gott. Wenn Du einen anderen Gott anbetest, dann kannst Du nicht existieren, nur von mir her lebst Du. Und Du kannst von mir nicht reden, als ob ich nicht da wäre. Ich gehe mit Dir, ich hör’s, was Du mit meinem Namen anfängst. Und Du kannst nicht Deine Zeit selber organisieren, sondern Deine Zeit steht in meinen Händen, und deswegen mußt Du mir dieses Markenzeichen des Sabbat schenken, an dem Du nur für mich Zeit hast und sonst alles läßt.

Tafel 2: Ich bin derjenige, der Deine Väter erwählt hat. Du kannst nur leben, wenn Du Deinen Vätern und Deinen Söhnen und Töchtern treu bist, also in der Geschlechtersolidarität. Du hast Dein Leben nur von mir, Du kannst Deinen Volksgenossen deswegen das Leben nicht nehmen. Denn ich stehe hinter dem Leben. Ich bin derjenige, der Dir die Bundestreue hält, Du kannst in Deiner Ehe nicht diese Bundestreue brechen. Ich bin derjenige, der Dir allein die Güter und alles schenkt, Du kannst deswegen dem anderen nicht etwas wegnehmen. Ich bin derjenige, der treu zu meinem Wort steht, deswegen müßt auch Ihr Euch gegenseitig auf Euer Wort verlassen können. Bemüht Euch nicht nur um die Weise eines äußeren Handelns, sondern ebenso um die innere Einstellung, die auch Euer Begehren und Euer Denken und Euer Wünschen bestimmt (9. und 10. Gebot).

Daraus ergibt sich die Konstitution des Volkes Israel als Volk Gottes. Das Leben dieses Volkes wird eine Art Ikone dieses Bundes zwischen Gott und Israel auf der Horizontalen. So können alle Völker erkennen: Sie leben so miteinander und verehren dabei den Gott, daß andere daran erkennen können: sie sind Gottes Volk. Das hat zwei Seiten: zum einen, daß natürlich Israel eine Vorzugsstellung einnimmt; zum anderen, daß, je später wir in die Prophetenzeit hineinkommen, die Vorstellung da ist, daß die anderen Völker durch dieses Volk mitgerettet werden. Sie sollen nicht verurteilt werden, sondern sie sollen auch zum Glauben kommen. Sie sollen allmählich erkennen, daß sie sich nur retten können, indem sie zur großen Völkerwallfahrt auf [44] den Zion (Jes 2, Micha 4) nun auch hinzukommen. Das Volk in seinem Miteinander soll das Miteinander zwischen Gott und Israel menschheitstypisch und menschheitserlösend darlegen. Das ist die Aufgabe des Volkes Gottes, eine in diesem Sinne politische Aufgabe, aber eben eine Heilsaufgabe, die sich nicht im Politischen erschöpft. Dies ist das große alttestamentliche Bild, bodenlos verkürzt und vereinfacht, aber nun mal massiv dargestellt.

In der langen Geschichte der Treue und Untreue des Volkes geschieht es dann, daß Gott endgültig an sein Volk denkt, indem er seinen eigenen Sohn, Jesus, schenkt. Was dort geschieht, wird einfach in dem Wort zusammengefaßt „Gott hat sein Volk heimgesucht“ (LK 1,68). Diese Heimsuchung des Volkes, indem Gott nun seinen eigenen Sohn schenkt, geschieht nun darin, daß er zunächst sich an das Volk Gottes richtet. Nicht weil er nicht alle Völker wollte, aber er hat dieses Volk gerufen und steht dazu. Die Verwerfung Jesu durch Israel, nicht im Sinne dessen, wie manche, also in einem falschen Sinn von den Juden, die ihn verworfen hätten, reden, aber in dem Sinn, daß die Seinen ihn nicht aufnahmen (Joh 1,11), führt ja typologisch weit über das Judenvolk hinaus. Gott läßt von seinem Heilswillen nicht ab. Dieser Heilswille wird jedoch nicht privatisiert, also daß er etwa jetzt viele einzelne sammelte und sozusagen irgendwo eine Lehre vom Himmel fallen ließe, so daß es jetzt eine Privatweise gibt, wie er einzelne erlöst. Es passiert im Gegenteil hier etwas ganz anderes: Er bildet ein neues Volk und dieses Volk ist ein Volk aus den Völkern.

Die große Sensation dessen, was in Jesus geschieht, wie sie uns dargestellt wird in dem dynamischen Aufriß der Apostelgeschichte oder in jenen Schlußkapiteln des Römerbriefes und im Epheserbrief, der dies ganz ausdrücklich thematisiert, ist das Folgende: In Jesus Christus lebt eine Kirche, eine Gemeinschaft aus Juden und Griechen, also aus vom Heidentum und aus Israel Herkommenden miteinander. Was menschlich unmöglich ist, wird von Gott her möglich. In allen Spannungen, in allen Krisen ereignet sich, daß zwei total unterschiedliche Traditionen, nämlich die des Volkes Israel und seiner Religion und die der Heidenvölker miteinander eins werden. Dieses neue Gottesvolk wird im ersten Petrusbrief bestätigt als Volk Gottes mit denselben Aufgaben, nämlich um allen in der Welt das Heil zu verkünden.

Dieses Volk hat jetzt zwei Strukturmomente, die wir ganz deutlich sehen müssen. Das eine ist die Einheit: Alle, die dieses Volk bilden, sind unter sich eins miteinander, auch über Gegensätze hinweg. Es gibt eine neue Einheit. Diese neue Einheit ist nun nicht mehr nur eins sein wie der Vater, Gott, und sein Volk eins sind, sondern wie der Vater und Jesus selbst eins sind. Dieser absolute Bund Gottes zwischen Jesus und dem Vater wird jetzt der Maßstab [45] des Einsseins der Menschen in der Kirche miteinander, des Einsseins dieses neuen Gottesvolkes. Es gilt also nicht mehr nur: wie Gott treu ist zu seinem Volk, so sollt ihr zueinander treu sein, sondern die Fortschreibung lautet: wie ich und der Vater eins sind, so sollt ihr eins sein miteinander.

Hier schließt sich ein zweites Strukturmoment an: „damit die Welt glaube“. Das sind die beiden Strukturmomente: Einssein miteinander in einer unselbstverständlichen Weise, in einer Gott spiegelnden Weise, aber Einssein miteinander so, daß dadurch die Welt glauben kann. Durch diese Einheit, zu der die anderen eingeladen werden, durch diese Einheit, die ausgestrahlt wird durch die Weise, wie Jesus gelebt hat und wie Jesus geliebt hat, kommt die Welt zur Einheit. Das ist der Heilsplan Gottes, in der Struktur derselbe wie unter Israel, aber universal angesetzt zwischen allen Völkern und so angesetzt, daß darin das Innerste Gottes gelebt wird als Geheimnis der gegenseitigen Einheit.