Theologie als Nachfolge

Vollkommene Liebe heißt dreifaltige Liebe

Bonaventura setzt über die Spekulation des sich selbst verströmenden Guten noch die letzte Stufe, die in äußerster Knappheit die entscheidende Bestimmung einführt: die Liebe.1 Er unterscheidet zwischen reflexiver, konnexiver und caritativer Liebe, d. h. zwischen Liebe, die sich auf sich selbst zurückbeugt, Liebe, die mit einem anderen verbindet, und Liebe, die schlechterdings Liebe ist. Reflexive Liebe ist die ärmste, die unterste Gestalt. Liebe, die sich auf einen anderen richtet, ist mehr Liebe, weil sie verschenkt, reicher macht und darin reicher ist. Vollkommen ist aber erst jene Liebe, die reines Verschenken, darin reiner Weggang und reines Zugehen ist. Bonaventura sagt karg: „Caritative Liebe ist vollkommener als die anderen, sie hat den Geliebten und den Mitgeliebten; also gehört sie zu Gott.“2

Wieso ist nur jene Liebe ganz Liebe, in welcher der Liebende seinen Geliebten und Mitgeliebten hat? Liebe, die sich aufs Nur-Du beschränkt, kommt als Liebe nicht eigentlich in den Blick; denn entweder konzentriert sie sich und den anderen nur aufs Ich, oder sie konzentriert sich und den anderen nur auf den anderen – wenn sie aber beide aneinander freiläßt und beide aufeinander zuläßt, dann ist sie bereits „dreipolig“. Die augustinische Formel, daß, wer liebt, die Liebe selber liebt,3 kann dem Verstehen einen Einstieg erschließen: Der Liebende will den Geliebten, geht auf ihn zu, sagt insofern also: Nur du; aber er sagt es so, daß darin auch er selbst da ist, er will sich als liebend; darin aber will er [160] sich im Geliebten und in sich den Geliebten, er will die Beziehung selbst, sie ist die Freigabe des anderen und an den anderen, die aber erst dann sich und ihn ganz freigibt, wenn sie auch an seiner Ursprünglichkeit, an seinem Wiederlieben und Selberlieben interessiert ist; darin schließlich ist sie interessiert am Lieben als solchem, das so in seiner eigenen fundamentalen und zugleich den Vorgang vollendenden Ursprünglichkeit aufgeht. Dieses Modell geht freilich von der endlichen Liebe aus und muß auf das unbedingte Niveau transponiert werden, auf das hin Bonaventura denkt. Dann ist der Liebende von sich her Liebe selbst, die sich verschenkend ihren schlechthin Anderen, den Sohn als göttliche Person, in sich selbst, konstituiert. Sie konstituiert ihn aber eben so, daß darin sein Lieben ganz von sich aus, sein Lieben von ihm her mitkonstituiert ist, und indem beide einander die Liebe zusprechen, die sie sind, sprechen sie sich jenen Selben zu, in dem ihre Liebe als Gegenseitigkeit, als ganze und reine Liebe vollendet ist: den Mitgeliebten, den Heiligen Geist.

Solche Liebe ist, nach der Aussage Bonaventuras, rein, voll und vollkommen; rein in der initiativen Wegwendung des Vaters von sich, voll als ankommende und ausgehende (effluens et effluxa) im Sohn, vollkommen als sich selber in ihrer Fülle und Gegenseitigkeit einholend (refluxa) im Heiligen Geist. Nur in der Perspektive der Liebe wird auch deutlich, wieso die „passiven“ bzw. „rezeptiven“ Momente, die im Konstituiertsein von Sohn und Geist enthalten sind, Momente positiver, absoluter Ursprünglichkeit zu sein vermögen: Sich-unbedingt-Empfangen ist in der Ordnung der Liebe kein Minus zum Geben; die verschiedene Position der Personen in der trinitarischen Liebesbeziehung ist gerade deren Fülle. Hier ist die Stelle, noch einen Blick über den erklärten Text hinaus zu tun, um das Liebesein Gottes und seinen Ausdruck in der Trinität von einer weiteren Seite zu verdeutlichen.4 Bonaventura führt verschiedentlich aus, daß die Zeugung des Sohnes auf die Weise der Natur, die Hauchung des Geistes auf die Weise des Willens geschehe, wobei Natur, Notwendigkeit und Wille, Freiheit sich aber nicht gegenseitig aus-, sondern einschließen.

[161] Gott ist Liebe; und gerade weil er nichts als Liebe ist, kommt Liebe in verschiedener Stellung vor. Sie ist das schlechthin Erste, und ihre Erstheit ist Ursprungsfülle – dies „ist“ der Vater.5 Die Ursprungsbewegung von Liebe verbindet aber die zwei sich gegenseitig einschließenden Momente: Natur und Wille, anders gewendet: Notwendigkeit und Freiheit. Gott kann nicht Nichtliebe sein; er ist mit sich nur identisch, sofern er Liebe ist; wäre er nicht Liebe, so wäre er nicht Gott, so wäre er nicht. Und doch geht in Gott nicht Natur dem Akt, der Wirklichkeit voraus wie bei endlichen Seienden, die nur aus der vorumgreifenden Maßgabe dessen, was sie sind und sein können, zu existieren vermögen. Gottes Nur-Liebe-sein-Können ist zugleich und in keiner Weise weniger sein Nur-Liebe-sein-Wollen. Seine Notwendigkeit ist seine Freiheit, seine Freiheit ist seine einzige, aber (im Unterschied zur endlichen Freiheit) ihm und ihr selbst nicht vorgängige Notwendigkeit. Daraus folgt aber: In seiner mit ihm selbst identischen Ursprungsbewegung setzt der Vater als erster Ursprung notwendig, als den Vollzug seiner Natur, einen Ursprung aus sich, den er liebt und der ihn liebt: den vollen Ausdruck, die volle Wieder-holung seiner selbst, worin er als Liebe und als Ursprung allererst hell und „da“ ist. Zugleich aber ist dieser „notwendige“, „naturhafte“ Ausgang des Sohnes Vollzug der Freiheit, der Liebe, der un-notwendigen Zuwendung des Vaters zum Sohn, und ist die Ursprünglichkeit des Sohnes Ursprünglichkeit der Antwort ebenso „geschuldeter“ wie freier, alle Notwendigkeit übersteigender Hinwendung zum Vater. Darin aber, im Zueinander von Vater und Sohn, geschieht Liebe als das gemeinsame, freieste Worumwillen, als das eine Geschenk von Vater und Sohn aneinander, das seinerseits sie einander schenkt. Dieses Geschenk, das sich der Liebe des Vaters und Sohnes, ihrer Freiheit verdankt und sie ihnen dankt, gehört aber seinerseits in solcher Freiheit notwendig zum Leben Gottes – in der Natur, der Notwendigkeit, die den Sohn hervorgehen läßt, ist die sich schenkende Freiheit offen, im Wollen, in der Freiheit, die den Geist aus Vater und Sohn hervorgehen läßt, vollzieht sich die Natur Gottes, die eben gerade das unbedingte Mehr bloßer Notwendigkeit ist. Bloße Notwendigkeit und bloße Freiheit gibt es [162] nicht, wo es die ganze Notwendigkeit und die ganze Freiheit gibt, welche zur Liebe gehören, als welche Liebe sich vollzieht.


  1. Vgl. Hexaemeron XI, 12. ↩︎

  2. Ebd.; Bonaventura bezieht sich hier auf einen Gedanken des Richard von St. Viktor, vgl. L. Scheffczyk, Lehramtliche Formulierungen und Dogmengeschichte der Trinität, in: Mysterium Salutis Bd. II, 210–213. ↩︎

  3. Vgl. Augustinus, De Trinitate VIII, 7–10; IX, 2. ↩︎

  4. Vgl. Itinerarium VI, 2; Breviloquium 3; I. Sent. 6, 1 und ebd. 6, 2. ↩︎

  5. Vgl. I. Sent. 2, 2 Conclusio. ↩︎