Lerne am Herd die Würde des Gastes

Von St. Peter nach Alghero

Nach dem Tod von Klaus Hemmerle am 23. Januar 1994 wurden einer breiteren Öffentlichkeit im Bistum Aachen und darüber hinaus Einzelheiten seines Lebens bekannt, die er zu Lebzeiten zwar nicht verheimlicht, aber diskret behandelt hatte. Das betraf sein Engagement in der Fokolar-Bewegung und das betraf seine Urlaubsgepflogenheiten.

Verheimlicht hat Klaus Hemmerle, als er 1975 Bischof von Aachen wurde, seine Zugehörigkeit zur Fokolar-Bewegung nicht. Dazu hatte er sich auch schon viel zu sehr öffentlich als Fokolar profiliert,1 und zu Beginn seiner Amtszeit als Bischof von Aachen war er sogar verhältnismäßig offen damit umgegangen.2 Trotzdem haben nur wenige um das ganze Gewicht dieses Faktums gewusst.3

Auch über seine Urlaubsgepflogenheiten wussten eher wenige Genaueres. Zumal in Zuschriften von Kindern und Jugendlichen ist er immer wieder gefragt worden, ob er denn auch Freizeit habe und was er darin unternehme. Er ist solchen Fragen nicht gänzlich ausgewichen, die Antworten waren jedoch verhältnismäßig spröde. Was seine Freizeitbeschäftigungen anging, lautete die Information durchwegs: gelegentliches Wandern und abendliches Klavierspiel.4

Ein kleines Meisterwerk von Enthüllung und Verhüllung stellt seine Auskunft dar, die er 1988 für das Familienjournal der Aachener Kirchenzeitung gegeben hat:

„Urlaub, das bedeutet etwas wie ‚Jahres-Sabbat‘, bei dem ich die Werke, die Gott mir aufgetragen hat, aus meiner Hand in die seine lege, um wieder tiefer zu erfahren, daß das, was er wirkt und geschenkt hat, gut, ja sehr gut ist. Diese Erfahrung will von mir erwandert, erschaut, aber auch auf diese oder jene Weise (mit Zeichenstift oder Schreibstift) erbildet werden. Und vor allem sind mir dabei wichtig: Mitbrüder, mit denen ich meine Erfahrung austauschen und so jene Harmonie wahrhaft erfahren kann, in welcher alles gut, sehr gut ist.“5

„(mit Zeichenstift oder Schreibstift)“ – wie viele Leserinnen und Lesern werden die kleine Parenthese, die da inmitten einer steilen Urlaubs- alias Schöpfungstheologie steht, seinerzeit wörtlich genommen haben? Und doch ist es hier benannt: Klaus Hemmerle malte im Urlaub und schrieb Gedichte; und er tat dies zumal auf Sardinien, wohin ihn seine Zugehörigkeit zur Fokolar-Bewegung geführt hatte.


  1. Vgl. Ausstellung Gottes. Zu Mariapoli und der Bewegung der Focolarini, in: Der christliche Sonntag 11 (1959) 34, 36; Die Bewegung der Focolarini und die Priester, in: Greinacher, Norbert (Hg.), Priestergemeinschaften, Mainz 1960, 175–182; Das Jahrestreffen der Focolarini, in: Der christliche Sonntag 14 (1962) 127; Bürger jener Stadt ... Ein Treffen der Focolarini, in: Der christliche Sonntag 15 (1963) 159; Treffen der Focolari in Heidelberg, in: Konradsblatt. Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg 47 (1963) Nr. 19, 23; Die Bewegung der Fokolare, in: Mitten in der Welt. Vierteljahreshefte zum christlichen Leben 6 (1967) H. 21, 8–11; Art. „Focolarini“, in: HPTh V (1972), 140. ↩︎

  2. Mit seinem ersten Fastenhirtenbrief 1976 hatte er für die in der Fokolar-Bewegung geübte Praxis geworben, Monat für Monat das Leben unter ein bestimmtes Bibelwort zu stellen und sich darüber mit anderen auszutauschen. Vgl. Das Wort Gottes – Überschrift für unser Leben. Fastenhirtenbrief 1976, in: Hirtenbriefe (Anm. 7), 17–21. Dieser Vorschlag und die Einladung, ihm gelegentlich von Erfahrungen mit dieser Übung zu berichten (vgl. ebd., 21), erfuhr seinerzeit ein beträchtliches Echo und führte in der Folge zum Kreis der „Freunde im Wort“ (vgl. Hagemann, Alle eins damit die Welt glaubt [Anm. 5], 94–97). ↩︎

  3. „Es ist mehr den Eingeweihten bekannt“, so Bischof Karl Lehmann im Requiem am 29. Januar 1994 im Aachener Dom, „wieviel Klaus Hemmerle dieser Bewegung und wieviel das Fokolar ihm selbst jeweils verdankt.“ (Lehmann, Karl: Unser entschiedenes Zeugnis wäre der größte Dank an ihn [...], in: Nicht Nachlaßverwalter, sondern Wegbereiter. Predigten 1993, hg. v. Karlheinz Collas, Aachen 1994, 148). ↩︎

  4. Nicht untypisch ist die Auskunft, die er 1992 Schülerinnen und Schülern eines achten Schuljahres gab: „Ich nehme mir etwa alle sechs bis acht Wochen einen Tag, an dem ich mit Freunden spazieren gehe und wandere, gehe auch im Frühjahr und Sommer etwas in Urlaub und versuche, dass ich, etwa in den Stunden zwischen Abendessen und Schlafengehen, meine Arbeit mit ein wenig Klavierspielen unterbreche.“ (Briefe an Kinder und junge Leute [Anm. 11], 218 f.). ↩︎

  5. Familienjournal der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen (6.7.1988) 7, zit. nach Bader/ Hagemann, Klaus Hemmerle (Anm. 5), 215 f. ↩︎