Wie im Himmel so auf Erden

Warum vom Himmel reden?

Solange Christen leben, wird die Rede vom Himmel nicht ersterben. Denn bei allem Drang zur Einholung ihres geschichtlichen Erbes in je gegenwartsbezogene Sprachspiele werden Christen nicht aufhören, den ursprünglichen Wortlaut ihres Grundgebetes, des Vaterunser zu tradieren; und in diesem Gebet Jesu ist der einzige Begriff, der zweimal vorkommt, jener des Himmels.

Gewiß, er ist zugleich von allen Begriffen, aus welchen das Vaterunser sich fügt, jener, der am meisten einer weltbildlichen Erklärung bedarf. Himmel als Ort Gottes, darüber scheinen Aufklärung des Weltverständnisses wie des Gottverständnisses uns hinweggehoben zu haben. Andererseits gibt es eine - mehr als nur äußere Hartnäckigkeit hergebrachter Himmelsvorstellungen. Wo sie verschwinden, bleibt nicht nur das, worum es in ihnen geht, sondern auch der Name mischt sich je neu wieder ein in noch so säkularisierte und aufgeklärte Verständnisse: Man träumt von seinem Himmel, man fühlt sich wie im Himmel, der Himmel stürzt einem zusammen.

Was steht hinter solcher unausrottbarer Rede vom Himmel?

[85] Der Mensch, wie er sich unmittelbar vorfindet, hat den Boden dieser Erde unter den Füßen, und dieser Boden breitet sich aus bis zum Horizont. Auf diesem Boden richtet er sich auf und ragt so hinein in einen offenen Raum, der seinem Auge wie ein lichtes Gewölbe erscheint. Er kann mit seinem Blick unmittelbar nicht ausmachen, ob der über ihm sich öffnende Raum grenzenlos oder begrenzt sei, ob also der Anschein eines Gewölbes recht habe oder nicht. Indem der Mensch auf der Erde einen Himmel über sich hat, ist er hineingehalten in ein Etwas, das nach einer anderen Deutung verlangt als jene gegenständliche Dingwelt, die ihn umgibt, die ihm zuhanden ist; und der Mensch könnte dieses über ihm Eröffnete, das er Himmel nennt, auch nicht etwa einfachhin sich selbst überlassen: denn die sein Leben und alles Leben bestimmenden Mächte, Licht und Dunkel, Sonne und Sterne, Wind und Regen, kommen ihm aus dem Bereich des Himmels zu. Der Mensch ist dem ausgesetzt, was sich vom Himmel her tut. Diese Grunderfahrung kann durch „Aufklärung“ nicht hinweggeschafft werden. Zwar verläuft die Grenze zwischen Sicherbarem und Unsicherbarem, unmittelbar Verfügbarem und Unverfügbarem mit wachsender Wissenschaftlichkeit des Weltbildes nicht längs den Rändern des Horizontes, der Erde und Himmel scheidet- insofern verändert eine Rationalisierung des Weltbildes durch Experiment und Berechnung in Grad und Art den Zusammenhang zwischen sinnlicher Wahrnehmung und existentiellem Sich-Befinden. Dennoch gibt es einen unüberholbaren Rang der existentiellen Unmittelbarkeit, die den Himmel mit dem zusammenbringt, was dem unmittelbaren Zugriff und der erschöpfenden Bewältigung durch den Menschen entzogen ist und worauf dieser doch angewiesen bleibt. Weiter, größer, höher sind nicht nur Quantitäten, sondern auch Qualitäten - und so ist es mit dem diesen Qualitäten wie auch immer zugeordneten Begriff „Himmel“ selbst.

Ein gebautes Gewölbe, das den Weltraum abschließt; eine Fülle von Himmeln, die übereinandergebaut und - gewölbt sind und die eine Stufenleiter ins schlechterdings Unzugängliche hinein bedeuten; Himmel als Scheide zwischen dieser Welt und einer überirdischen Welt; Himmel als Zwischenreich zwischen dieser Erde und dem Geheimnis des heiligen Gottes, Zwischenreich, in welchem widrige Mächte hausen, die uns vom Heil in Gottabdrängen wollen, oder in welchem gute mit schlechten Mächten ringen und kämpfen, so daß sich zum guten Teil unsere Zukunft in diesem Kampf [86] entscheidet; Himmel als bewohnt von den geistigen Wesen, die bei Gott sind, zu ihm auf - und von ihm niedersteigen, über dem Gewölbe oder Zelt, in welches wir hineinblicken: dies sind einige Anschauungs- und Deutemuster vom Himmel, die wir religionsgeschichtlich finden und die auf vielfältige Weise ihre Spuren auch in biblischen Aussagen hinterlassen haben.

Demgegenüber freilich steht die bei Blaise Pascal formulierte neuzeitliche Erfahrung, in welcher der Mensch vom Schweigen der unendlichen Räume geängstigt wird. Die Entgrenzung des Raumes (die existentiell durch die Vorstellung eines begrenzten, weil gekrümmten Weltraums nicht qualitativ verändert wird) scheint den bergenden, nach oben ziehenden oder real bedrohenden Himmel zu bannen und zu verbannen. Der leere Himmel aber, der zu seiner Erforschung und Durchdringung und Unterwerfung einladende Himmel hebt die Frage nach dem Weiter, Größer, Höher nicht auf, sondern verschärft sie: Wenn das Weiter, Größer, Höher nichts ist, ist dann nicht das Nichts selber zum Weiter, Größer, Höher geworden? Und wenn nur der Mensch sich selber das Weiter, Größer, Höher ist, wird er dann nicht sich selber unheimlich, sich selber ausgesetzt, sich selber zum Schatten des Nichts? Der verbannte Himmel holt den Menschen ein; der profanierte Ort „Himmel“ schickt auf die Suche nach dem Himmel als jenem Ort, der aller Räumlichkeit entzogen ist und diese doch erst eröffnet, gewährt, erträglich und bergend machen kann.

Die mit aller Aufklärung vehement verbundenen Umschläge in den Drang nach Jenseitserfahrung sprechen davon. Sie werden gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt so stark, so vielgestaltig und so unheimlich wie bislang wohl noch nie innerhalb unseres Jahrhunderts. Gegengewicht gegen den Alptraum der totalen Machbarkeit der Erde? Flucht vor der überschweren Verantwortung? Sich hinwegträumen aus den auf die Dauer lähmenden Perspektiven der mit totaler Machbarkeit verbundenen totalen Zerstörbarkeit von Leben? Das freilich, was hier als auslösender Gegenpol gegen Himmelshoffnung und Himmelserfahrung ins Spiel kam, färbt auch die neue Zugänglichkeit für den Himmel mit ein. Wir haben es keineswegs beiden Wegen neuer Religiosität durchwegs oder auch nur hauptsächlich miteiner neuen Willigkeit zum spezifisch christlichen Glauben zu tun, sondern mit Versuchen, in methodischer Selbstmächtigkeit an entzogene Wirklichkeitsbereiche sich heranzutasten. [87] Gnosis und Magie als Ausweichen vor Entscheidung und Endgültigkeit sind da am Werk.

Der Himmel gehört zum Menschen, der Himmel gehört zur Erde aber nur jener Himmel stürzt nicht ein und begräbt die Erde nicht unter sich, der die Erde hält und zur Erde befähigt. Noch einmal: Das Verhältnis von Himmel und Erde wird zum bedrängenden Zeitproblem.