Theologie als Nachfolge

Was sieht Bonaventura?

Dem Wie des Hinblickes entspricht sein Was, sein Woraufhin. Dieses Was durchläuft im Itinerarium eine innere Geschichte. Sie hebt an bei Eigenschaften des Seienden. Diese werden nicht zum Anlaß für eine von ihnen wegführende Spekulation, sondern sie werden vom Hinblick „bewohnt“, sie werden auf das Substantielle in ihnen hin be-sonnen, bis der widerständige und urständige Kern in ihnen sichtbar wird, die unzerstörbare – nun nicht im Sinne aristotelischer Kategorienlehre verstanden – „Substanz“. Wo liegt das Unzerstörbare, jenes, bei dem der Blick verweilen kann und nicht mehr weitergleitet, jenes, was als Urpositivum und Urdatum ihn selber trägt und birgt? Ein solches Schauen ist fasziniert vom Sein als der höchsten Perfektion und gewahrt in dieser Perfektion das Unbedingte und Ewige, das Göttliche. Was aber ist, das Seiende, erscheint als Widerspiegelung, als Teilhabe, als von dieser Urvollkommenheit her und auf sie hin zu lesen, als ihr defizienter, auf sie verweisender, auf sie zurückdrängender Modus. Bonaventura bleibt bei solchem Hinblick, er gibt ihn nicht in irgendeiner Weise von Metaphysikkritik auf – und doch ist die Geschichte seines Blicks hier nicht am Ende, die Geschichte des Seins, das er wahrnimmt, hier noch nicht am Anfang. Das, bei dem der Blick verweilt, ist das, was den Blick selber anblickt, angeht; es stiftet Geschichte zwischen sich und dem Hinblick des Menschen, es ist als das Bleibende das Angehende, Geschehende, ist an- und überspringend. Das Sprechen von dem im Sein angehenden und aufgehenden Geheimnis wird so zum Gespräch, zum Sich-Rufenlassen und Rufen, die Substanz des Seins wird zur Spontaneität, zum Ursprung. Aber auch dies ermißt noch nicht das Ganze. Wo springt und spricht das Bleibende, Unzerstörbare, Unbedingte an? Nicht nur [114] im Wort der Heiligen Schrift, nicht nur in der äußersten Spitze der Erfahrung, sondern überall, gerade auch im Einfachsten und Alltäglichsten. Dort, wo das Alltäglichste, das Elementarste geschieht, das Sehen und Hören, Riechen, Tasten und Schmecken,1 das Eindringen der Dinge und Geschehnisse in den Innenraum des Menschen, die Eröffnung dieses Innenraums in den Außenraum der Welt, dort geschieht Begegnung mit dem Bleibenden. Denn in solcher Begegnung ereignet sich Entsprechung, deckt sich ein Zusammengehören, ein Verhältnis, eine Proportion auf, die so wenig zerstörbar ist, wie die Proportionen des Kunstwerkes es sind, das äußerlich zerstört wird, aber als unvergeßlich in der Erinnerung bleibt. Dieses Verhältnis selbst, genauer: das, was solches Verhältnis stiftet, die dem Auseinander des Verhältnisses entzogene, seine Pole gewährende und bindende Einfachheit ist das Bleibende. Es ist noch mehr als bloß das Eine: das Miteinander und Zueinander, das solche Einheit erst unzerreißbar eins macht. Die höchste Entfaltung dessen, die Entfaltung des Zugleich von eins und dreifaltig, die Einsicht in die höchste Einheit des Einen im Dreifaltigen werden uns noch eigens zu denken geben; das 5. und 6. Kapitel des Itinerarium sprechen davon.

Die „Geschichte“ des Seinsverständnisses, welche die Pole Substanz, Ursprünglichkeit, Beziehung durchläuft, prägt das bonaventuranische Verständnis der Welt. Sie ist ihm stehende Ordnung, sich entfaltendes, bezeugendes und rückverweisendes Ursprungsgeschehen, schließlich geschehende Struktur, liebendes Zueinander vieler Ursprünge aus dem einen Ursprung und auf ihn hin. Deutlich hebt sich die nachgezeichnete Weltsicht Bonaventuras von der etwa eines Thomas ab. Gewiß führt auch Thomas in seinen Aristotelismus den Gedanken der Teilhabe, der Partizipation aus platonischem Ursprung ein; gewiß gewahrt auch er in der Ursächlichkeit der Zweitursachen die bestätigende Präsenz der Erstursache und ihrer Mächtigkeit; gewiß gilt auch für ihn, daß das Licht unseres Intellekts, in dem wir alles erkennen, nichts anderes ist als eine Eindrückung des Lichtes der ersten Wahrheit.2 Doch für ihn heißt Weg von der Welt zu Gott eben: Analyse der labilen [115] Konstitution des Seienden in sich, das – Sein als das Stabilisierende und Gewährende bezeugend, vor-zeigend – doch zugleich vorzeigt, in der Differenz zu diesem Sein zu sein, so daß der Überstieg zum reinen Sein, zu seiner reinen Ursächlichkeit ernötigt wird.3 Das impliziert ein Seinsverständnis, dessen Schwerpunkt auf der stabilitas, auf der Substantialität, auf der Widerständigkeit des in sich Wirklichen und Wirkenden liegt, so daß die anderen Dimensionen, wiewohl gewahrt, demgegenüber zurücktreten. Bonaventura hingegen kann beim Seienden verweilen, um zum unbedingten Ursprung durchzustoßen, weil er schon bei diesem ist. Der Blick ist ruhiger, weniger bewegt als bei Thomas, das Gesehene darum gerade bewegter. Zwar braucht für Bonaventura die Unterscheidung zwischen Sein und Gott nicht erst thematisiert zu werden, die Schichten rücken in den einen Blick zusammen; doch was dem einen Blick aufgeht, ist gerade Beziehentlichkeit und ihr Geschehen.

Noch ein Letztes darf uns auffallen. Die innere Geschichte im Seinsverständnis des Bonaventura entspricht der inneren Geschichte seiner Logik, die, zunächst als Logik der Produktivität begegnend, sich zutiefst schließlich als Logik der Liebe entbirgt. In dieser ist die Logik der Produktivität integriert, aus der sich jene aber nicht erschließen ließe, wäre nicht der frühere und tiefere Blick insgeheim bereits auf die Logik der Liebe gefallen. So steht es auch mit dem Verhältnis zwischen Sein als vollkommenem Stand und Bestand und Sein als Verhältnis und Beziehung, letztlich als Liebe. Stand und Bestand bleiben, ja das einzig Bestehende und Stehende ist die Beziehung, das Verhältnis, die Liebe; doch ist nicht das Verhältnis vom Bestand, sondern ist der Bestand vom Verhältnis her zu denken.


  1. Vgl. Itinerarium II, 3. ↩︎

  2. Thomas von Aquin: „in luce primae veritatis omnia intelligimus et iudicamus inquantum ipsum lumen intellectus nostri… nihil aliud est quam quaedam impressio veritatis primae,“ S. th. I, 88, 3 ad 1. ↩︎

  3. Vgl. Quinque viae S. th. I, 2, 3 und De ente et essentia 5. ↩︎