Orden und Jugend im Lebensraum der Kirche

Wie kann man in den Entscheidungsschwierigkeiten der Jugend etwas behilflich sein?

Ich möchte sagen, daß es drei fundamentale Hilfen gibt. Eine erste Entscheidungshilfe ist: Entschiedenheit erfahren, die zugleich Offenheit ist. Ich kann mich nicht entscheiden, wenn ich nicht Entschiedenheit an Menschen erfahre, die durch diese Entschiedenheit nicht eng, starr, introvertiert und ängstlich werden, sondern offen und dialogbereit. Wenn ich in einer Umwelt lebe, in der es gar keine Entschiedenen gibt oder in der die Entschiedenen nur als die fertigen Könner vorbeirauschen an meiner eigenen Ohnmacht und nicht ins Gespräch mit mir treten, dann lähmt das, dann kann ich eigentlich nur Komplexe davon bekommen. Entschiedene erfahren, die in brüderlicher Offenheit und brüderlichem Glaubenszeugnis sich mitteilen und dadurch zur Entscheidung helfen, das kann weiterhelfen.

Das zweite heißt meiner Meinung nach: Entschiedenheit und Entscheidung einüben, und zwar im Miteinander einüben. Es gibt unzählige Weisen, und für mich selber ist es immer wieder frappierend zu sehen, wie ein Impuls, den ich vor über drei Jahren im Bistum gegeben habe, weitergeht und weit über die von mir unmittelbar Angesprochenen hinausgeht: Gruppen, die z. B. einen Monat oder alle 14 Tage lang ein bestimmtes Wort der Heiligen Schrift miteinander leben und anfangen, aus diesem Wort Erfahrungen zu machen und auszutauschen, lernen die undurchsichtige Masse der Alltagserfahrungen durch ein Wort, einen geistlichen Impuls zu strukturieren und darüber miteinander zu sprechen. Sie lernen so über dieses Feld hinaus: Entscheidung. Mitunter gibt es deswegen keine Entscheidung auf Dauer, weil wir nicht in der Lage sind, in die Fülle der alltäglichen Kleinentscheidungen (gehe ich jetzt dahin oder dorthin?) eine strukturierende, klärende, konsistenzgebende Vorgabe einzubringen. Es fehlt an Kriterien, die mir sagen, was jetzt sinnvollerweise Vorfahrt hat, und dann läßt man sich von der Stärke des Impulses, von der Zufälligkeit dessen, was jetzt auf mich einstürmt, leiten. Wo ich aber mit einem Wort Gottes zu leben beginne, da wird von innen eine solche Zufalls- und Außensteuerung verbunden. Ich denke z. B. an eine Religiöse Woche Jugendlicher in Mönchengladbach. Vor 1½ Jahren bildeten sich dort 30 Gruppen zu 8 Leuten, von denen dann 26 Grupen weiter beieinander blieben. Im Jahre darauf waren es 800, die mitmachten. Das sind nicht bereits lauter entschiedene Leute, aber man sieht: es gibt viele, die bereit sind, in einer lebendigen Zelle die Alternative zu dem zu erfahren, was eben sonst dieses Leben bestimmt.

Etwas Drittes, das im Bisherigen schon mitenthalten ist, möchte ich hier eigens herausheben: lebendige Zellen bilden, in denen man nicht nur gemeinsame Feiererfahrungen macht, sondern auch gemeinsame Lebenserfahrungen, die motiviert sind aus dem Evangelium. Gemeinschaft erfahren [34] lassen, Räume schaffen, in denen man auch über seine eigenen Entscheidungen sprechen kann oder in denen zumindest die eigene Entscheidung für andere erfahrbar wird. Wenn ich in einer solchen Zelle mitlebe, dann geht es einen an, wenn ich plötzlich ausschere, plötzlich ein ganz anderes Leben anfange. Sonst kümmert sich keiner darum. Und wo mein Leben und meine Entscheidungen nicht in einem Zusammenhang des Mittragens, des Mitsehens, der Anfrage, der Hilfe und des Gespräches stehen, da gleiten sie ab in meine Ohnmacht, mich gegen die Einflüsse des Augenblicks zu wehren.